Kommentar
Wir hatten unsere Chancen

Christian Marold
RZ-Chefredakteur

Erst in Krisenzeiten beginnt der Mensch umzudenken, sich gar neu zu erfinden. Das jedenfalls ist bei vielen Experten die grundlegende Meinung. Soziologisch gesehen bieten Krisen also immer auch Chancen, sich selbst reflektierend neu zu ordnen. Warum ist das so? Weil wir grundsätzlich immer bestrebt sind, das Beste aus schwierigen Situationen zu ziehen. Den Kopf in den Sand stecken hilft nichts. Es muss ja irgendwie weitergehen. Und genau das ist der Punkt: Es muss weitergehen. Nur wie, in welcher Form und wer profitiert am Ende des Tages davon beziehungsweise zieht dabei den Kürzeren?

Wie viele Chancen benötigen wir, damit innerhalb unserer gesellschaftlichen Strukturen Einzelsysteme nicht kollabieren? Von zahlreichen Politikern und Experten hat man in den vergangenen Monaten immer wieder gebetsmühlenartig gehört, dass wir das Jahr 2020 und die damit verbundene weltweite Krise als Chance nutzen sollten. Haben wir in einzelnen Bereichen diese Chancen wirklich positiv für uns genutzt? Bei den folgenden Beispielen kommen starke Zweifel auf. Der Flugverkehr nimmt jetzt mit Passagieren wieder Fahrt auf. Die großen Kreuzfahrtschiffe blasen derzeit ohne Passagiere ihren Dreck in die Luft, denn auch sie müssen wie Flugzeuge bewegt werden und viele große Häfen bieten keinen permanenten Anlegeplatz für die Ozeanriesen an oder die Liegeplätze sind schlicht zu teuer. Menschen mit eingeölten Körpern füllen wie Walrosse die Strände. Am Abend geht es dann dichtgedrängt in die Bar, um wieder auf die gefühlt verlorene Freiheit anzustoßen. Unsere Bergwelt wird derzeit überrannt und die Hütten sind teilweise so voll wie in besten Zeiten vor Corona. Chance vertan!

Der Autoreiseverkehr und auch der tägliche Einsatz des eigenen PKW hat nicht wirklich abgenommen. Beim LKW-Güterverkehr hat man das Gefühl, dass nach dem Lockdown in ein Wespennest gestochen wurde und alle Brummis nun wie wild durch die Gegend fahren. Chance vertan!

Die Schulphase zwischen Homeschooling und den wieder langen Sommerferien haben genau eines bewiesen: Lehrer, die vor der Krise, während des Lockdowns und bis jetzt innovativ und flexibel waren, haben alles gut gemeistert und alle Phasen wirklich gut umgesetzt. Das ist aber nur ein kleiner Teil. Denn für manche war - alles zusammengenommen – die reinste Überforderung und die Schulöffnung im Mai hätte man sich nicht nur lerntechnisch prinzipiell sparen können. Das Bildungssystem bleibt weiterhin träge, unflexibel und hat für die Zukunft weder einen Plan B für einen möglichen weiteren Lockdown noch einen Plan A für eine innovative Bildungsreform. Chance vertan!

Machthaber und Regierungssysteme, die eine weltweite Pandemie kleinreden oder gar negieren und damit die eigene Bevölkerung im Stich lassen, sind von einem Schuldbekenntnis oder Rücktritt weit entfernt. Chance vertan!

Das viel gelobte WIR-Gefühl ist schneller flöten gegangen, als ein Eiswürfel bei den jetzigen Temperaturen schmilzt. Dabei haben alle auf Eigenverantwortung, Freiwilligkeit und ein respektvolles Miteinander gehofft. Alles nur heiße Luft. Chance vertan!

Es gäbe noch unzählige Beispiele mehr, angefangen in der Lebensmittelproduktion, speziell in der Fleischproduktion und -verarbeitung bis hin zum Gesundheitswesen einzelner Staaten.

Die Krise zeigt uns also im Prinzip nur eines: Informationen für ein Umdenken sind lediglich in unserem Kurzzeitgedächtnis gelandet und dort gespeichert. Für mehr war anscheinend zu wenig Platz. Chance vertan?

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