Streit um die Noten macht Schule
Volksschule Kirchdorf in Lustenau sorgt für österreichweite Diskussionen

Die Wogen gehen derzeit hoch, wenn es um die alternative Beurteilung geht. Diese wurde von Bildungsminister Faßmann abgeschafft. Widerstand macht sich an vielen Schulen breit.
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  • Die Wogen gehen derzeit hoch, wenn es um die alternative Beurteilung geht. Diese wurde von Bildungsminister Faßmann abgeschafft. Widerstand macht sich an vielen Schulen breit.
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Der Noten-Streit an der Lustenauer Volksschule Kirchdorf geht weiter

Der Lustenauer Verein „Gemeinsam Zukunft Lernen“ hat eine österreichweite Petition gestartet: „Nein zum Notenzwang“. An den Volksschulen soll eine alternative Leistungsbeurteilung möglich sein. Ziel sind 18.000 Unterschriften.

Wenn die Lehrerinnen im Halbjahres-Zeugnis allen Kindern tatsächlich einen Einheits-Zweier geben sollten, drohen ihnen laut Bildungsdirektion disziplinarrechtliche Konsequenzen.
Die Bildungsdirektion müsse handeln, sonst begeht sie Amtsmissbrauch, sagt Markus Juranek von der Rechtsabteilung der Bildungsdirektion. Das heißt: Es wird leistungsbezogene Gutachten über die Noten der Schüler geben, die dann von einer anderen Schule überprüft werden. Zeigt sich dabei, dass die Einheits-Zweier nicht gerechtfertigt sind, liege vermutlich eine schwere Dienstpflichtverletzung der Lehrerinnen vor.

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Vom Verweis bis zur Kündigung


Die disziplinarrechtlichen Konsequenzen reichen dann vom einfachen Verweis über Geldstrafen bis zur Kündigung. Das Positive: Jetzt ist Halbzeit, die Noten sind nur eine Schulnachricht. Wäre Schulende im Sommer, wäre es ein Zeugnis und damit eine Urkunde. Dann könnte den Lehrerinnen auch noch ein strafrechtliches Verfahren wegen Urkunden-Fälschung drohen. Andreas Kappaurer, der pädagogische Leiter der Bildungsdirektion, hofft immer noch, den Streit bis Freitag beilegen zu können.

Der Protest der Volksschule Kirchdorf in Lustenau sorgt für Diskussionen in ganz Österreich. Die Lehrerinnen von zwei dritten Klassen kündigten an, ihre 40 Kinder im Semesterzeugnis alle mit „Gut“ zu benoten, damit wollen sie gegen den Notenzwang protestieren.

Der Landeselternverband begrüßt die Aktion einer Lustenauer Volksschule gegen den Zwang zur Notengebung. Zudem haben bisher knapp 5.500 Menschen auch online die Petition „Nein zum Notenzwang“ unterschrieben.

Aufruf des Vereins

Hier der Aufruf des Vereins „Gemeinsam Zukunft Lernen“:

Liebe Bildungsinteressierte,

der Verein „Gemeinsam Zukunft Lernen Lustenau“ will ein aktives Zeichen gegen die Wiedereinführung der Noten setzen und startet deshalb noch in dieser Woche eine Petition unter dem Titel „NEIN zum Notenzwang = JA zur Wahlfreiheit der Beurteilungsform“.

Unser Verein steht für Individualisierung, Inklusion und die Vermittlung sozialer Kompetenzen und damit für alternative Leistungsbeurteilung. Fünf Ziffernnoten passen nicht zu unserer pädagogischen Haltung. Deshalb begann letztes Jahr nach der Wiedereinführung der Noten ein dialogischer Prozess zwischen Eltern und Lehrpersonen. Daraus entwickelte sich unsere Überzeugung, dass die Wahlfreiheit der Beurteilungsform eine wichtige Grundlage für gelingende Schulentwicklung ist. Diese Wahlfreiheit stellen wir in den Mittelpunkt unserer Petition.

Wir wollen BildungspolitikerInnen auf Landes- und Bundesebene auffordern, die Schulautonomie zu schützen und zu stärken. PädagogInnen und Eltern sollen sich im Dialog für Noten oder alternative Leistungsbeurteilung entscheiden können.

Wenn auch ihr dieses Anliegen „NEIN zum Notenzwang = JA zur Wahlfreiheit der Beurteilungsform“ mittragen wollt, freuen wir uns über die entsprechende Unterstützung auf der Petitionseite. Die Petition läuft bis zum 6. März 2020. Anschließend werden wir das Ergebnis Herrn Landeshauptmann Wallner und Frau Landesstatthalterin und Bildungslandesrätin Schöbi-Fink übergeben sowie auch an die neue Bundesregierung zu Handen des neuen und alten Bildungsministers Heinz Faßmann schicken.

Wir hoffen, dass unser Anliegen breit mitgetragen wird und wir mit der entsprechenden Unterstützung auch politisch Druck erzeugen können – für mehr Schulautonomie und vor allem zum Wohle unserer Kinder.

Wir bedanken uns für jeden Beitrag!

Liebe Grüße,

Simone Flatz

Obfrau Verein „Gemeinsam Zukunft Lernen“

Mit der Volksschule Frastanz-Hofen hat sich eine zweite Bildungseinrichtung in Vorarlberg gegen den Zwang der Ziffernnoten ab der dritten Schulstufe gestellt. 24 von insgesamt 56 Kindern in der dritten Schulstufe wollen die Schulnachricht nicht zur Kenntnis zu nehmen und nicht annehmen oder es mit einem scharfen Begleitschreiben umgehend nach Wien ins Bildungsministerium schicken.

Am Freitag erfolgt in Vorarlbergs Schulen die Semesterzeugnis-Verteilung. Ab der dritten Schulstufe sind dabei Noten wieder verpflichtend vorgesehen. In Frastanz hat dies wie zuvor in Lustenau eine Protestaktion zur Folge. Rund 60 Prozent aller Eltern werden die Schulnachricht nicht akzeptieren. Zuvor hatte es einen Elternabend gegeben, in dem der Wunsch für Maßnahmen gegen die verpflichtende Wiedereinführung der Ziffernnote ab dem zweiten Semester der zweiten Klassen zum Ausdruck gekommen sei.

Alternative Beurteilung
„Wir haben versucht, das Thema breit aufzustellen. Gemeinsam mit den Eltern ist dann die Form des Protestes entstanden. Eine Form, die sie mittragen können“, erklärt Vizedirektorin Birgit Battlogg. In einem Protestschreiben an das Bildungsministerium wird eine schulautonome Entscheidungsmöglichkeit für die alternative Leistungsbeurteilung ohne Ziffernnoten gefordert.
Sie bekommen wie schon bisher die alternative Beurteilung. „Wir haben in den vergangenen sieben Jahren gemeinsam mit den Eltern und dem Elternverein an einer Schulreform gearbeitet. Deren Inhalt ist ein Leis­tungskatalog zur alternativen Beurteilung, und die Eltern sind der Meinung, sie bräuchten nichts anderes. Sie kennen das System und stehen dahinter“, schildert Battlogg.

Brief nach Wien
Betroffen sind insgesamt 56 Schülerinnen und Schüler, die die dritte Schulstufe der VS Hofen besuchen. Doch auch Eltern anderer Schulstufen haben sich der Aktion angeschlossen und werden den Brief nach Wien senden. Für die Pädagogin ist klar, dass eine Benotung durch Ziffern in diesem Alter schlicht nicht mehr zeitgemäß ist. „Es ist nicht aussagekräftig und nicht gerecht. Die Kinder werden in Schubladen gesteckt, und das in einem jungen Alter, in welchem es eigentlich darum geht, die Lernmotivation aufzubauen und zu erhalten.“ Für die Vizedirektorin ist es ein Anliegen. dass der Schulstandort entscheiden kann, ob er Ziffernnoten gibt oder nicht.

Dazu der Wochenkommentar von RZ-Chefredakteur Christian Marold:

Die Macht der Gewohnheit
Die Wogen gehen derzeit hoch, wenn es um die alternative Beurteilung geht. Diese wurde von Bildungsminister Faßmann abgeschafft. Widerstand macht sich an vielen Schulen breit.
In der Volksschule Frastanz-Hofen will man neben der VS Kirchdorf in Lustenau keinen Notenzwang.
Autor:

Christian Marold aus Feldkirch

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