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Todesschreie in der Nacht: Das Zugunglück von Schwarzenau

Die Eisenbahn-Katastrophe bei Schwarzenau.
  • Die Eisenbahn-Katastrophe bei Schwarzenau.
  • Foto: Neue Illustrirte Zeitung, 14. November 1875
  • hochgeladen von Peter Zellinger

Metall ächzt, Feuer lodert und drei Menschen werden lebendig gekocht als der Zug wegen Sabotage entgleist. Fast 40 Jahre lang war das Verbrechen ungeklärt.

WINDIGSTEIG. Es muss eine lustige Runde gewesen sein, der Ausflug der Ferialverbindung "Waldmark". Man traf sich im August 1907 im Stadtpark von Waidhofen beim Hamerling-Denkmal, trank und tanzte, Burschen und Mädchen kamen sich näher - heute würde man wohl von Festivalstimmung sprechen. Wie das bei solchen Feiern üblich ist, will der harte Kern nicht aufhören. Also beschließt die Truppe Studierender und frischgebackener Maturanten weiterzuziehen - entlang der Bahngleise in Richtung Schwarzenau. Unterwegs wurde getrunken, gefeiert und geküsst.

In einem kleinen Dorf steht plötzlich ein alter Mann vor den Jugendlichen. Er trägt die Kleidung eines Bauern, hat aber eine alte Bahnwärterskappe auf dem Kopf. Der Alte mit dem langen weißen Bart droht den Feiernden mit einer Anzeige, sollten sie nicht sofort das Gleis verlassen. Doch die Jugendlichen stört das wenig: "Was wollen's denn? Sie sind ja schon längst in Pension", lachen die Jugendlichen und gehen weiter.

Was damals noch niemand wusste: Sie sind gerade einem Mörder begegnet. Mindestens sieben Menschen soll der Alte umgebracht haben. 

Szenenwechsel, 26 Jahre zuvor: "Leichenfledderer", rufen die Bauern, als sie einen Mann zur Gendarmerie schleppen. Dieser ist übel zugerichtet - die Dorfbewohner haben ihn verprügelt, als dieser Eisenbahntrümmer nach Wertgegenständen durchsuchte und liegen gebliebene Postpakete öffnete. Er wurde erwischt - und es war nicht der einzige.

Rauch, Dampf, Feuer und Schreie

Was war geschehen? Am 4. November 1875 um etwa 0:30 Uhr rast der Zug von Wien nach Eger (heute Cheb, Karlsbader Region) auf der erst vor vier Jahren fertig gestellten Franz-Josefs-Bahn durch Schwarzenau. Als der Zug die Limpfingser Brücke passiert, kommt es zu ohrenbetäubendem Lärm von berstendem Holz und heulendem Stahl. Feuer und Dampf steigen plötzlich in die neblige Waldviertler Nacht. Schon bald dringen Hilfeschreie und das Stöhnen der Sterbenden durch die Dunkelheit. Der Zug mit seinen 14 Waggons war entgleist und vom zehn Meter hohen Bahndamm gestürzt. Die Lokomotive bohrte sich tief ins Erdreich, Waggons verkeilten sich ineinander.

Bauern machen sich im Schein von Pechfackeln auf den Weg zur Unglücksstelle, doch ohne schweres Werkzeug schaffen sie es nicht die schweren Zugteile voneinander zu lösen. Erst um vier Uhr kommt ein Rettungstrupp aus Gmünd. Da sind die Schreie und das Wimmern schon deutlich leiser. Am Vormittag treffen weiteres Bahnpersonal, Helfer und Ärzte sowie Geheimpolizisten aus Wien ein. Inmitten dieser schrecklichen Szenen steht ein damals junger Mann in seiner Uniform, auf dem Kopf trägt er die Kappe eines Eisenbahnwärters. Er zittert und ist kaum ansprechbar.

Zwei Überlebende, der Anwalt Max Schick und ein Oberst Penko von der Prager Garnison beginnen noch in der Unglücksnacht mit den Ermittlungen. Rasch finden Sie heraus, dass hier nachgeholfen wurde. Ein sechs Meter langes Schienenstück war entfernt worden und lag neben den Gleisen. Jemand hatte sämtliche Schrauben, Bolzen und Nägel entfernt. Ein Bauer aus der Gegend fand einige Eisenbahnnägel bei einem Baum neben der Strecke.

Lebendig gekocht

Währenddessen gehen die Rettungsarbeiten weiter. Für fünf Bahnbedienstete sowie mindestens drei weitere Menschen kam jede Hilfe zu spät. Besonders schlimm erwischte es den Lokomotivführer Adolf Schleinzer, den Heizer Thomas Caloun und den Postmeister Franz Riegl. Sie wurden zwischen Lokomotive und Postwagen eingeklemmt. Durch das ausströmende siedende Wasser und den heißen Dampf wurden die drei Männer bei lebendigem Leibe gekocht. Caloun hätte am Tag seiner Beerdigung seine Hochzeit feiern wollen.

Tausende Menschen kamen tags darauf um zu helfen oder zu gaffen. Reporter reisten an, in der ganzen Gegend gab es bei keinem Bauern mehr ein freies Bett. Auch so mancher Leichenfledderer durchsuchte die Wälder nach liegen gebliebenen Wertgegenständen oder öffnete die Postpakete. Die getöteten Bahnmitarbeiter wurden im Rahmen eines Staatsbegräbnisses beigesetzt.

Löse das Rätsel, knacke den Code und gewinne!

Die Ermittlungen hingegen kamen nicht recht voran. Die Polizei befragte den Bahnwärter, doch dieser gab an, er habe die Strecke vorschriftsmäßig 20 Minuten vor Eintreffen des Zuges kontrolliert und da seien die Gleise noch in Ordnung gewesen. Er habe aber dunkle Gestalten die Trasse entlanghuschen sehen, gibt der junge Mann an. Die Polizei hat Zweifel an der Theorie: Sie lässt fünf Bahnarbeiter ein Stück Gleis entfernen und stoppt die Zeit. Anschließend holen sie fünf kräftige Knechte und lassen sie die gleiche Arbeit verrichten. Das Fazit: Geübte Bahnarbeiter schaffen es kaum ein Gleis in 20 Minuten zu entfernen, die ungeübten Knechte schon gar nicht. An die Theorie "Umstürzler" hätten einen Anschlag verübt, glaubt zwar niemand so recht, aber eine bessere These gibt es nicht.

Der Bahnwärter wird nach Prag versetzt. Dort meldet er sich oft krank, kann kaum arbeiten. Der Schock der Ereignisse von Schwarzenau habe ihn für sein Leben gezeichnet, hieß es. Schließlich wird der Mann vorzeitig in die Pension verabschiedet. Für die erlittenen Qualen in Schwarzenau werden ihm noch ein paar Jahre extra angerechnet. Der gebrochene Mann zieht zurück in ein Dorf nahe Windigsteig, wo er im August 1907 den angetrunkenen Jugendlichen begegnet.

Die Wahrheit kommt ans Licht

Weitere sieben Jahre sollten vergehen, bis die Wahrheit ans Licht kam. Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges liegt der alte Bahnwärter im Sterben. Was er sagt, führt zu entsetzten Reaktionen seiner Familie. Sie informieren die Staatsbahn, diese schicken einen Vertreter, der die Aussage des Mannes protokolliert. 

Als junger Bahnwächter plagten ihn Geldsorgen: Er wusste nicht, wie er mit einem Gehalt von 25 Gulden monatlich (heute etwa 308 Euro) seine Familie ernähren sollte. Also fasste er einen Plan: Er lockerte die Schienen an der Limpfingser Brücke. Den um Mitternacht passierenden Zug würde er aufhalten und vor der Gefahr warnen. Er hätte erst im letzten Moment einen defekten Schienenteil entdeckt, so die Idee. Dadurch hoffte er eine Geldprämie von 50 Gulden und vielleicht sogar eine Beförderung zu bekommen. Doch es kam anders: Dichter Nebel zog auf. Der Lokführer übersah die rote Laterne des Bahnwärters. Er selbst konnte kaum noch ihr Licht sehen, so der Sterbende.

"In meiner Todesangst wusste ich anfangs nicht, was ich beginnen sollte, hörte ich doch schon von der Ferne das dumpfe Brausen des herankommenden Nachtzuges. Ich schrie wie wahnsinnig „Halt, Halt“, aber schon raste der Zug an mir vorüber, sein Brausen übertönte mein Rufen", heißt es in den Aufzeichnungen. Danach kamen ihm die Augenblicke wie eine Ewigkeit vor, bevor ein entsetzliches Krachen, prasseln und ein grauenhafter Todesschrei aus vielen Kehlen die Stille zerriss.

Schreie, die der Mann zeitlebens immer wieder hören sollte.

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Quellen:
Waldviertler Heimatbund, Heft Nr. 6, 1. September 1929
Neue Illustrirte Zeitung, 14. November 1875
Windigsteiger Heimatbuch, Seiten 134 bis 139
Historischer Währungsrechner der OeNB 

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