Überleben im Waldviertel, Teil 10: Über diese Sitten sollten Sie sich nicht wundern!

Wo lernt man einen Gummistiefel so zu treten? Natürlich im Waldviertel. Aber wir haben noch mehr kuriose Traditionen!
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WALDVIERTEL. Egal ob Sie als als Zuagroaster im Waldviertel leben oder nur ihre Ferien hier verbringen: Irgendwann werden Sie mit unseren Sitten und Gebräuchen in Kontakt kommen. Doch bitte, wundern Sie sich nicht über manche seltsame Verhaltensweise - sonst outen Sie sich gleich als Auswärtiger, Städter oder - Gott behüte - Wiener. Deshalb stellen wir Ihnen die seltsamsten Traditionen vor - und geben Ihnen die passenden Verhaltenstipps.

Na klar, kann man Karpfen auch händisch aus dem Teich fangen. Schneller geht's den Teich einfach auszulassen. Foto: Kupic

1. Das Abfischen

Sie finden sich plötzlich unter einer Meute Feiernder am Ufer eines Teiches wieder? Männer in Gummianzügen stehen bis zum Hals im Wasser und schwingen riesige Netze, andere Teile des Teichs haben überhaupt kein Wasser mehr und sehen aus wie ein nordkoreanisches Testgelände für selbstgebastelte Raketen? Willkommen beim Abfischfest!

Wir Waldviertler sind stolz auf unsere Karpfenzucht. Das Problem: wie kriegt man die Tiere zum Verspeisen aus dem Wasser und auf den Teller? Nun, wir Waldviertler sind erfinderisch, statt wochenlang mit einer Angel einzelne Karpfen rauszufischen, lassen wir einfach den Teich ab! Genial, nicht wahr? Und an den Geruch werden Sie sich schon noch gewöhnen.


Im Mai landen die Bäume öfter einmal zielgenau auf Hausdächern oder Autos. Das liegt meist daran, dass die handelnden Personen vom Verdacht forstwirtschaftlicher Fachkenntnis befreit sind. Foto: Archiv

2. Mai heißt Krieg!

"Baum fällt!" ist ein Warnruf für Nicht-Waldviertler. Wenn nämlich die Maibäume mitten im Nachbardorf umgeschnitten werden, verzichten die dreisten Diebe meist auf jegliche Sicherheitsvorkehrungen. Wozu auch? Meistens sind die jugendlichen Maibaum-Umsäger völlig unbelastet von forstwirtschaftlichen Vorkenntnissen. Diesen Mangel gleichen sie einfach durch umso mehr geistige Getränke aus. Dass ein Maibaum in einem Hausdach oder Autos einschlägt, kann da schon einmal passieren. Manchmal gipfelt die Aktion auch in einer wüsten Schlägerei, wenn der Maibaum bewacht ist. Bleiben Sie einfach im Haus - aber verstecken Sie sich bitte nicht am Dachboden...


Kartoffelknödel: Schmackhaft, aber tückisch. Foto: Archiv

3. Kulinarik: es gibt Erdäpfel - und aus!

Dieser Tipp ist vor allem für Gäste aus dem Westen Österreichs überlebenswichtig. Bestellen Sie im Gasthaus nie ein Schnitzel mit Reis oder einen Schweinsbraten mit Semmelknödeln! Nie, wir meinen es ernst. Für einen echten Waldviertler ist Reis exotisches Gemüse aus Übersee, das man bestenfalls an die Schweine verfüttert - aber nur wenn die Not groß ist.

Im Waldviertel vertraut man auf den guten alten Erdapfel. Den gibt es zum Schnitzel als Salat und zum Schweinsbraten in Knödelform. "Eapfiknödel" sind für Auswärtige überhaupt ein spannendes Gericht: die Zubereitung ist in der Theorie einfach, gelingt aber nur, wenn man sie von Kindheit an gelernt hat. Und wenn ein solcher Knödel beim Mittagessen einmal übrig bleibt und Sie ihn am Abend verspeisen wollen, erleben sie eine Überraschung: da hat der ansonsten köstliche Kartoffel-Klumpen nämlich plötzlich die Dichte eines kollabierten Sterns angenommen. An diesem Phänomen beißt sich nicht nur die Wissenschaft die Zähne aus...

"Opa! Geh sofort wieder ins Ausnahmheisl!" Foto: pixabay

4. Betreutes Wohnen á la Waldviertel

Im Rest von Österreich ist sie beinahe vergessen, im Waldviertel halten wir diese Tradition noch hoch: das Ausnahmheisl. Vor allem auf Bauernhöfen findet man diese besondere Frühform betreuten Wohnens noch. Wenn die Großelterngeneration des Hofes altersbedingt nicht mehr mitarbeiten kann, ist es Zeit ins Ausnahmheisl zu ziehen. Das ist meistens ein Nebentrakt des Bauernhofes, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Elektrizität gibt's meistens schon, aber Warmwasser oder Zentralheizung sucht man oft vergeblich. Aber für einen g'standenen Waldviertler ist Holzhacken auch im hohen Alter keine Pflicht, sondern ein gern gelebtes Hobby.

Gummistiefelweitwurf ist ein landwirtschaftlicher Hochleistungssport. Foto: Zellinger

5. Gummistiefelweitwurf

Wenn Sie von der Arbeit im Stall ins Haus gehen, machen Sie das nicht mit ihren dreckigen Gummistiefeln. Für alle Städter: das ist wie Kaugummi an der Schuhsohle, nur grauslicher. Angreifen will man die Gummibock voller Kuhmist natürlich nicht. Also hat sich im Waldviertel die Technik des Gummistiefelweitwurfs entwickelt.

Bei dieser hohen Kunst wird der Gummistiefel berührungsfrei ausgezogen, indem man ihn mit einem mehr oder weniger eleganten Schwung vom Fuß in die nächstbeste Ecke befördert. Das ist wie ein Freistoß beim Fußball. Nur ohne Ball, mit viel zu großen Schuhen. Natürlich gibt es sogar Meisterschaften in diesem landwirtschaftlichen Hochleistungssport. Erlernen kann man den übrigens im Gummistiefeldorf.

Was Sie für eine banale Milchlieferung halten, ist im Waldviertel in Wahrheit die Zentrale des Nachrichtendienstes! Foto: Dodgeman

6. Das Mülibankl - der Newsroom im Dorf

Wenn Sie durch unsere Dörfer fahren sind Ihnen bestimmt schon diese kleinen seltsamen Gebäude aufgefallen, die wie eine Mischung aus Geschäft, Mini-Kühlturm und Buswartehäuschen aussehen. Das nennen wir Müliheisl. Dorthin brachten früher die Bäuerinnen frühmorgens die Milch, damit sie abgeholt und in den Molkereien abgefüllt werden konnte. Kein Müliheisl ist aber ohne Mülibankl komplett. Dies dient dem alleinigen Zweck der Nachrichtenübermittlung. Denn die bevorzugt älteren Bäuerinnen saßen dort und tauschten die aktuellsten Nachrichten aus - damit haben wir Waldviertler schon vor Jahrhunderten nicht nur das Internet vorweggenommen, sondern auch gleich den Nachrichtendienst erfunden! Heute ist diese Tradition beinahe ausgestorben - aber zum Glück gibt's ja die Bezirksblätter!

Mehr hilfreiche Tipps von Waldviertlern für den Rest der Welt

Hier finden Sie weitere total ernst gemeinte Überlebensratgeber: Etwa, wie Sie den richtigen Partner für die Fortpflanzung finden. Wenn die kleinen Rotznasen dann auf der Welt sind, können wir Ihnen natürlichebenfalls weiterhelfen. Vielleicht wollen Sie ja nur bei uns urlauben! Auch dabei können wir Ihnen helfen. Im Sommer wie im Winter. Natürlich werden Sie sich völlig in die Region verlieben und ihren Lebensmittelpunkt ins Waldviertel verlegen wollen. Dafür haben wir ebenfalls einen umfangreichen Überlebensratgeber erstellt. Vorher müssen Sie aber erst lernen im Waldviertel korrekt ein Auto zu fahren. Es ist zwar nicht schön, aber irgendwann wird Sie die Grippe erwischen. Mit unseren Tipps ist das aber überhaupt kein Problem! Haben Sie mit dem Waldviertel nix am Hut, aber einen Kollegen aus dem schönsten Landstrich der Welt? Dann hilft Ihnen dieser Survival-Guide weiter.

Autor:

Peter Zellinger aus Waidhofen/Thaya

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