15.11.2017, 09:20 Uhr

122: Wo der Notruf wirklich landet

Bernd Wesely und Christian Bartl: das Duo aus Waidhofen koordiniert beim Besuch der Bezirksblätter die Einsätze der Feuerwehr.

Was passiert, wenn Sie die Notfallnummer 122 wählen? Wir waren vor Ort und haben einen Tag in der Landeswarnzentrale verbracht.

TULLN/WAIDHOFEN. Auf der Straße vor Ihnen hat sich ein Unfall ereignet oder Sie bemerken Rauch, der aus dem Dach eines Hauses aufsteigt. Sie wählen den Notruf 122 und binnen Minuten rücken die Freiwilligen Feuerwehren des Landes aus und helfen in der Not. Doch was passiert hinter den Kulissen? Die Bezirksblätter begaben sich in die Kommandozentrale der niederösterreichischen Feuerwehren in Tulln.

Wie das Kontrollzentrum der NASA

Dort trafen wir zwei bekannte Gesichter aus dem Bezirk. Der Waidhofner Christian Bartl und der Dietmannser Bernd Wesely haben am Tag unseres Besuchs (zugegeben: nicht ganz zufällig) Dienst. Das Herz der Landeswarnzentrale erinnert ein wenig an das Kontrollzentrum der NASA: An jeder Wand hängen mehrere riesige Bildschirme - zusätzlich zu jenen an den Arbeitsplätzen. Anders würde es aber auch gar nicht gehen: Bartl und Wesely sind nämlich für die Alarmierung von 660 Feuerwehren in sieben Bezirken verantwortlich. Das ist in "Friedenszeiten" kein Problem, erklären die beiden. Bei Naturkatastrophen oder Großschäden, wenn hunderte Notrufe eintreffen, werden aber die Alarmzentralen in den einzelnen Bezirken besetzt.  Wobei "Friedenszeit" ein sehr relativer Begriff ist, wie wir noch merken sollten, denn im Schnitt gehen jährlich rund 6.000 Notrufe aus den sieben Bezirken in der Landeswarnzentrale ein.

So dauert es nicht lange bis zum ersten Mal das Telefon klingelt: eine Ölspur nahe Horn. Wesely nimmt die Daten auf, und noch während des Gesprächs und einige Mausklicks später ist die zuständige Feuerwehr ermittelt und alarmiert. "Die meisten Alarmierungen passieren unter einer Minute", erklärt Bartl. Danach haben die Feuerwehren acht Minuten Zeit um auszurücken - andernfalls ertönt in der Zentrale ein Alarmton. Das ist aber meist nicht notwendig, denn der Vorgang geht üblicherweise deutlich schneller. Im Fall des Brandes in Matzles saßen die ersten Florianis bereits nach drei Minuten im Auto.

High-Tech-Arbeitsplätze

Möglich macht das eine ausgefeilte Technik. Wir machen einen Probeanruf: Nicht nur erscheint unsere Handynummer, sondern auch der Name des Anrufers (bei angemeldeten Telefonen und Festnetz) und aus welchem Bezirk der Anruf kommt auf dem Display der Disponenten. Falls der Anrufer seinen Notruf nicht beenden kann, weil die Verbindung abbricht, können Wesely und Bartl den genauen Standort mit Daten der Mobilfunkanbieter anfordern. Kein Vergleich zu früher, als teilweise noch die Portiere in den Krankenhäusern die Alarmierung übernahmen.

Aber nicht nur die Alarmierung der Feuerwehren fällt in die Aufgabe der beiden Disponenten. Sie sind gleichzeitig die Katastrophenschutzzentrale des Landes und überwachen beispielsweise permanent die radioaktiven Strahlungswerte im Land, erhalten Meldungen über Reaktor-Störfälle, nehmen die Notrufe der Rettungshundestaffel entgegen und stehen mit Sonderdiensten wie Flug- und Sprengdienst, Katastrophenhilfsdienst und Tauchern sowie der ZAMG und der Bundeswarnzentrale im Innenministerium in Kontakt. Darüber hinaus arbeiten die Disponenten auch mit ausländischen Behörden wie der böhmischen und mährischen Leitstelle zusammen.


Plötzlich wird es laut: im Bezirk Wiener Neustadt wird eine Person vermisst und die Alarmierung ist auch in der Landeswarnzentrale zu hören. "Ein solcher Großeinsatz ist noch kein Problem", erklärt Wesely währenddessen. "Aber wenn bei einem Unwetter ganze Straßenzüge unter Wasser stehen, wird es eng". Notfalls können sie die Hilfe zweier weiterer Kollegen anfordern, vier der High-Tech-Arbeitsplätze gibt es in der Warnzentrale. Aus welchem Bezirk die meisten Notrufe kommen? Ganz klar Bruck/Leitha und Tulln. "Das liegt vor allem am dichter besiedelten städtischen Umfeld und vor allem an den Autobahnen", erklärt Bartl. "Die Waldviertler Bezirke und Hollabrunn sind vergleichsweise eher ruhig".

Unser Blick fällt auf ein weiters Display, das den Buchenberg- und den Schillerparktunnel in Waidhofen/Ybbs zeigt. Die Überwachung der beiden Röhren gehört nämlich ebenfalls zu den Aufgaben. Ob das wirklich notwendig ist? "Es gibt keinen Tag, wo da nichts los ist", erklärt das Duo. Notfalls können Wesely und Bartl den Tunnel sogar sperren, wenn beispielsweise ein Lkw liegen bleibt oder eine Person einen Notruf an einer der Säulen absetzt.

Erotik-Hotline und Retter des Rock

Natürlich landen bei Wesely und Bartl mitunter auch sehr kuriose "Notrufe". Einmal wollte eine Dame für eine Erotik-Hotline vorsprechen, dürfte sich in der Nervosität aber ziemlich verwählt haben. Ein junger Mann wollte sich ebenfalls bei den beiden bewerben - als Mitglied der Berufsfeuerwehr Wien. "Der hatte Glück, dass er nicht in der Einsatzzentrale in Wien gelandet ist, sonst wäre das Vorstellungsgespräch wahrscheinlich schnell vorbei gewesen", lacht Wesely.

Gerne wird auch die Anekdote erzählt, wie die Einsatz-Koordinatoren 40.000 Rock-Fans ihr Wochenende retteten: als nämlich am Nova-Rock ein Blitz die Stromversorgung lahmlegte, waren es die Disponenten, die den Bescheid zur Aufhebung des LKW Wochenendfahrverbotes ausstellten, damit ein dringend benötigtes Aggregat angeliefert werden konnte.

Zur Not übernehmen die beiden sogar die Rolle des technisch wohl ausgefeiltesten Lieferdienstes der Welt: als beim Großbrand in Matzles nach stundenlangem Einsatz viele hungrige Mäuler zu stopfen waren, organisierte Disponent Bartl 150 Wurstsemmel für die Florianis - direkt geliefert an den Einsatzort.

Zur Sache: Landeswarnzentrale
Die Landeswarnzentrale ist im Turnusdienst immer mit zwei Mitarbeitern besetzt. Insgesamt wechseln sich neun Mitarbeiter im Schichtbetrieb ab. Seit 2006 befindet sich die Warnzentrale am Standort in der Langenlebarner Straße, auf dem Gelände der Landesfeuerwehrschule. Die Kernaufgaben sind die Alarmierung der Bevölkerung durch Sirenensignale, die Koordination der Einsatzkräfte bei Großkatastrophen und die Alarmierung der Feuerwehren in den Bezirken Bruck/Leitha, Gmünd, Hollabrunn, Horn, Tulln, Waidhofen/Thaya und Zwettl). Dazu kommen noch Tunnel-Überwachung, Entgegennahme von Gesprächen an Notrufsäulen der B37a. Mehr dazu finden Sie hier.
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