Gewaltbereitschaft
Zwei Stunden nach Mitternacht

Sprache drückt nicht bloß unser Denken aus, sie formt auch unser Denken. Es ist damit wie mit unseren Werkzeugen, vom Hammer bis zur Feile, die uns körperlich verändern, wenn wir sie benutzen.

Eine rohe Sprache offenbart eine rohe Seite im Menschen. Wenn sie sich über Massenmedien verbreiten darf, drängt sie zur Verrohung der Gesellschaft bei. Es wird gerne ignoriert, von manchen sogar geleugnet, daß Sprache eine Form der Gewalttätigkeit ermöglicht, die genauso verletzt, wie wenn ich jemandem die Faust ins Gesicht schlagen würde.

Diese Umstände können nicht verhandelt werden. Sie gelten als gesicherte Tatsachen, was sich unter anderem in unserer Gesetzeslage ausdrückt. Gefährliche Drohung, Herabwürdigung, üble Nachrede, Rufschädigung, mit solcher Art Rücksichtslosigkeit kann man vor Gericht ganz schlechte Karten haben.

Ich hab eben erst unter dem Titel „Am Vorabend der Wahl“ kritisiert, wie prominente Menschen des öffentlichen Lebens genau das mißachten und Andersdenkenden mit einer sprachlichen Verrohung begegnen, die unakzeptabel ist. Zitat: „Bassena-Tratsch-Qualität als Ausweis von Staatsmännern? Das sind bloß einige Hinweise, welche Denkungsart inzwischen als salonfähig angesehen wird. Wer so redet, demonstriert uns, daß der Pöbel in die Parlamente drängt; nicht um Revolution zu machen, sondern um zu regieren.“ (Quelle)

Was dabei in letzter Zeit bezüglich Angriffslust, Untergriffen und Schäbigkeiten in der Tagespolitik dingfest wurde, begleitet von Hobby-Hassern und Nebenerwerbs-Beleidigern, hat inzwischen eine Qualität erreicht, die als ein anhaltender Krieg der Worte auffällt.

Das meint keinen Krieg als Wettkampf, wer die besseren Argumente habe, sondern Krieg als Kampfhandlung, als Praxis verbaler Gewalt, die andere treffen und verletzten soll. Wir kennen übrigens aus dem ganzen 20. Jahrhundert jene Dynamik, daß vor jedem wesentlichen Massaker ein Krieg der Worte angezettelt wurde. Auch das ist ein Hinweis auf den machbaren Waffencharakter von Sprachgebrauch.

Das grassiert im öffentlichen Leben, das breitet sich in privaten Situationen aus. Als hätte ich beim Schicksal eine Betätigung dieser Ansicht bestellt, war dieser Wahlsonntag noch ganz jung, da ging unter meinem Fenster ein Streit hoch, der von einem anhaltenden Gebrüll getragen war. Derlei wäre schon tagsüber bemerkenswert, um zwei Uhr nachts ist es vollkommen unüberhörbar.

Ich konnte erst nicht sehen, wer sich da in die Haare gekommen war, ging schließlich nach etwa einer Viertelstunde des Gezänks aus dem Haus, um nachzufragen, was sich hier zwei Menschen zu sagen haben.

Ein tobender Mann zu ebener Erde, eine Frau auf einem Balkon im ersten Stock. Es ging um die Benutzung eines Parkplatzes, der im Prinzip von niemandem für sich reklamiert werden kann, auf den der Mann aber Anspruch erhob, da er hier seit gut einem Jahrzehnt zuhause sei.

Diese Lappalie auf einem Terrain, wo man stets mehrere Möglichkeiten findet, seinen Wagen abzustellen, erwies sich als ein Revierstreit, der keine sachliche Begründung brauchte, sondern emotionale Gründe hat.

Wir waren dann definitiv über eine Stunde lang damit beschäftigt, einen Ausgang aus der Situation zu suchen, wobei der Mann seine Vorwürfe unzählige Male brüllend wiederholte, und zwar in einer Lautstärke, die garantiert alle Leute in der Umgebung aus dem Schlaf riß. Damit bewies er auf jeden Fall eine ausgezeichnete körperliche Konstitution.

Was ihm bei all seiner Wut nicht dämmern wollte, war dreierlei. Da er mit seinem Auto den Wagen der Frau blockiert hatte, wäre das Beharren auf dieser Blockade nicht nur mit Abschleppkosten honoriert worden, sondern hätte ihn auch im Falle erwiesener Nötigung eine fette Rechnung bei Gericht einbringen können.

Das anhaltende Gebrüll im stereotypen Wiederholen seiner Vorwürfe war eine grobe Ruhestörung, welche garantiert mindestens jenen Menschen mißfallen hat, die gegen drei Uhr morgens gerne schlafen. Das hätte vor allem wegen der körperlichen und emotionalen Ausdauer des Mannes, dieser Welt seinen Zorn mitzuteilen, durchaus für einen Polizeieinsatz gut ein können.

Doch das Schlimmste am Verhalten des Erzürnten war die einfallsreiche Tirade von Beleidigungen, mit denen er die Frau auf dem Balkon bedachte, was selbst heute so exotische Begriffe wie „Pritsche“ aus den Archiven schüttelte.

Wer eine Frau als „harte Unterlage“ beschimpft und auch sonst viele gängige Herabwürdigungen vorrätig hat, die teils sexuell konnotiert sind, greift damit tief ins Waffenarsenal der Demütigung, will verletzen. Das ist nicht neu, ist fixes Inventar einer vorherrschenden Männerkultur.

Es ist ein wenig deprimierend zu erleben, wie gerade in den letzten Jahren rundum Hemmschwellen abgesenkt wurden, worin prominente Personen im öffentlichen Leben sehr wesentliche Rollen spielen. Möglicherweise müssen wir von vorne beginnen, gesellschaftlich zu klären, daß eine Demütigung mit Worten einem Faustschlag nichts nachsteht.

Post Scriptum:
Die Frau bot an, den nämlichen Parkplatz nicht mehr zu belegen, wenn eine Bedingung erfüllt würde: „Du sprichst mich nie mehr an, grüßt mich auch nicht mehr, wir reden nie mehr miteinander.“

Etwa zehn, fünfzehn Minuten nachdem dieses Angebot wiederholt wurde, ließ sich der Mann zu seinem Auto begleiten. Ich ging mir einen Kübel Kaffee kochen und setze mich an meinen Schreibtisch, weil ich für die Nacht keinen Schlaf mehr erwartet hab. Das Gleisdorfer Wahllokal war ab 7:00 Uhr geöffnet. Ein kühler, aber milder Morgen hat mich auf dem Weg dahin eingehüllt. Ich bin gespannt, was sich kommenden Abend zeigen wird.

Autor:

martin krusche aus Weiz

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