Volkskultur
Lebenskunst und Volkskultur

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In unserer Gegend war die Existenz der Bauern immer sehr entbehrungsreich, umso mehr das Leben der Keuschler und Kleinhäusler. Den geringsten Schutz vor den Härten des Lebens hatten freilich die Dienstboten, die Mägde und Knechte der agrarischen Welt. Konnte jemand noch weniger gelten? Freilich. Die ledigen Kinder von Dienstboten.

Die meisten Betriebe der Oststeiermark waren historisch sogenannte Selbstversorger-Wirtschaften. Dort wurde nicht für den Markt, sondern für den Eigenbedarf produziert. Deshalb war das Geld immer knapp.

Wenn es heute schlechte Ernten oder Einbrüche des Marktes gibt, fängt das üblicherweise wenigstens zum Teil der Staat ab. Dennoch ist das Leben von Bauern im Vollerwerb auch gegenwärtig kein Spaziergang. Da bestehen umfassende Abhängigkeiten.

Zum Glück müssen wir in Österreich nicht mehr erfahren, wie hart das Leben innerhalb solcher Traditionen einst war und wie hart daher die Leute gewesen sind.

Wir dürfen ein Gesundheitswesen und Sozialsystem auf sehr hohem Niveau genießen. Ob Sie krank werden oder sich bei einem Unfall verletzten, ob Sie gedemütigt und schlecht behandelt werden, ob Sie aus eigener Unachtsamkeit in Schwierigkeiten geraten, Sie können prinzipiell jemanden finden, der oder die zuhört. Ein Hausärztin, ein Therapeut, diese oder jene Art von professioneller Kraft, dank derer sich Kummer mildern läßt. Und niemand muß hungern.

Das war für unsere Vorfahren, vor allem wenn sie subalternen Schichten angehörten, nicht möglich. Wie schon erwähnt, dies ist gerade noch eine Gesellschaft von harten Leuten gewesen, die laufend mit Belastungen rechnen mußten; kalte Sommer, schlechte Ernten, krankes Vieh, ein schikanöser Grundherr, Krieg…

Kaum wer hörte einem zu, wenn man Leid erfuhr. Wie war so ein hartes Leben zu ertragen und der Kummer zu bewältigen? Es kam oft genug vor, daß jemand ins Wasser ging oder sich erhängte. Was machten jene, die weiter lebten und die Bürden trugen? Wie behalfen sie sich?

Die Leute fanden auf jeden Fall bei einem speziellen Gegenüber Gehör; und zwar in einem Reich der Heiligen. Die Wegmarken in unserem Land, die Klein- und Flurdenkmäler erzählen davon. Wegkreuze, Bildstöcke, Marterl, aber auch profane Beispiele machen anschaulich, daß praktisch jeder Mensch spirituelle und kulturelle Bedürfnisse hat.

Wo es die religiösen Beispiele betrifft, war dieses Denkmal-System in den überwiegenden Fällen kein Werk der Kirche. Dieses Symbol-Ensemble, das uns umgibt, in dem wir leben, entstammt der Volksfrömmigkeit. Darin wirkt die Vorstellung einer großen Gemeinschaft Heiliger, die jeweils für verschiedene Fragen und Probleme zuständig sind. Das wird übrigens bis heute so gelebt und gepflegt.

So zeigt sich jenes Reich der Ansprechpersonen, mit denen bekümmerte Menschen in Dialog treten, sei es, um Schutz vor Kummer zu erbitten, sei es, um erlittenen Schmerz zu ertragen. Wer selbst zur Quelle von Ungemach wurde, fand darin eine Möglichkeit, mit Schuldgefühlen umzugehen, etwa im Errichten eines Sühnekreuzes.

Wer unter uns über das menschliche Leben etwas wissen will, findet auch auf einem benachbarten Feld bewegende Eindrücke. Damit meine ich Votivbilder und Votivgaben. Zusätzlich bilden Friedhöfe mit ihren Zeichensystemen ab, auf welche Weise Menschen zu verschiedenen Zeiten mit Härten oder schlicht mit dem Lauf der Dinge umgingen.

Das Memento mori als Anregung für eine Ars vivendi. Sich seiner Sterblichkeit bewußt sein, um eine Lebenskunst zu entwickeln. Das ist sehr altes Kulturgut, vermutlich eine der wichtigsten Quellen unserer Kultur. Wie die erwähnten Zeichensysteme belegen, befassen sich damit nicht bloß sogenannte „gebildete Kreise“, denen lateinische Sprachregelungen vertraut sind. Das wird auch in einer Kultur des Volkes sehr kompetent bearbeitet, ohne dabei ganz flache Gewässer einer Kitschkultur zu meiden.

Es gibt keinerlei Notwendigkeit, diese Genres an der Basis gegeneinander in Stellung zu bringen. Was wir als ästhetisch und künstlerisch hochwertig einstufen, ist den selben Bedürfnissen gewidmet, wie der Ramsch aus dem Baumarkt. Es sind so und so die Requisiten eines komplexen Zeichensystems, einer vorindustriellen Info-Sphäre, in der unsere Leute gelebt haben, in der wir immer noch zuhause sind.

Ganz egal, welche Zugänge und Ausdrucksformen jemand bevorzugt, ob Kunst oder Kitsch, es verweist allemal auf das, was wir in unserer Kultur als Vollendung deuten; Vollendung der Menschen und der Menschheit. Diese Zusammenhänge sind Gegenstand des Projektes Wegmarken (Ein kulturelles Zeichensystem).

Autor:

martin krusche aus Weiz

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