Kultur kurios: Multikulti? Ohne mich!

Ich habe in den letzten Wochen wieder öfter das Wort „multikulti“ auf den Tisch gelegt bekommen. Im Alltagsgebrauch wird man natürlich nicht dauernd fragen müssen, was jemand damit meint.


In der Wissens- und Kulturarbeit, meinem Metier, muß ich es etwas genauer nehmen, weil das Wort in den letzten Jahren auch vielfach wie eine Klinge benutzt wurde, als ein Kampfbegriff.

Kürzlich las ich in einem Artikel: „Die Idee, dass Menschen möglichst bei ihrer Herkunftskultur bleiben sollen, sei diskreditiert, meint der holländische Schriftsteller Ian Buruma.“

Wir haben im kulturellen Engagement ein wenig Klärungsbedarf, was wir mit solchen grundlegenden Begriffen meinen, da schon allein in einigen Ländern Europas Wörter wie Kultur und Zivilisation ganz unterschiedlich gedeutet und verwendet werden.

In Gleisdorf haben sich über die Jahre immer wieder Einheimische dafür engagiert, die multiethnische Situation der Stadt zu thematisieren und als eine Bereicherung verständlich zu machen.

In einem neuen Auftakt zu einem spannenden Prozeß, der inzwischen sehr verschiedene Akteurinnen und Akteure hat, sollten wir also über die Begriffe und ihre Inhalte reden; zumal die zwei Wahlkämpfe der letzten Monate über Stichworte wie „Heimat“ und „Volkskultur“ dieses Thema ebenfalls berührt haben.

Mir kann man ja nicht so leicht verkaufen, daß wir hier eine „Herkunftskultur“ hätten, die womöglich als „typisch österreichisch“ oder gar „typisch steirisch“ beschrieben werden könnte. Wer das schlampig dahinbehauptet, hat sich womöglich noch wenig mit Fragen der Kultur befaßt; auch wenn es natürlich regionaltypische Ausdrucksformen von Kultur gibt, die sich klar beschreiben lassen.

In meinem Bezugssystem läßt sich sagen: Österreich ist nicht „multikulti“. Kultur ist ein allen Menschen gemeinsames Feld der Bedeutungen. Wir sind multiethnisch. Das waren wir die letzten hundert Jahre, das waren wir auch das halbe Jahrtausend davor, als die Habsburger herrschten. Menschen teilen also Kultur, was sich aber multiethnisch äußert.

Innerhalb der österreichischen Kultur leben und praktizieren sehr unterschiedliche Ethnien ihre speziellen Prägungen. Es ist EINE Kultur, die blüht und gedeiht, wenn sie keine dumme und arme Monokultur sein muß, sondern wenn sie von Vielfalt, von Diversität getragen ist, weil sie multiethnisch sein darf.

Darauf weist uns schon der Ursprung des Begriffes hin, denn das Wort leitet sich von den Erfahrungen mit der Agrikultur her, die mit dem lateinischen „cultura” bezeichnet wurde. Alle Bauersleute, die etwas taugen, werden Ihnen bestätigen, daß Monokultur die Lebensbedingungen ruiniert.

Es betrifft uns sogar als Spezies, denn wie gerade die Habsburger aus eigener Erfahrung wußten, Inzucht, wenn man nur unter sich bleibt, hat teilweise katastrophale Folgen. Was Österreich demnach kulturell ausmacht, wird in einer kühnen Gemengelage von Kultur, Ethnos und Ideologie stets neu aufbereitet.

Wer von der Geschichte Europas auch nur einen Tau hat, weiß, daß gerade die erwähnte Diversität für das Gedeihen des Kontinents wichtig war und ihm über Jahrhunderte sogar eine Vorherrschaft in der Welt erlaubte. Kunst, Technik, Wissenschaft, Wirtschaft, in allen Bereichen haben wir von der Vielfalt Europas profitiert.

Das waren nicht nur „westliche“ Effekte. Europa ist ja ein kleines Gärtlein am Rande des eurasischen Giganten. Bis über das Mittelalter herauf war unser Austausch mit arabischen/muslimischen Kulturen von größter Bedeutung für uns. Noch heute profitieren wir in kulturellen Grundlagen von diesem Austausch mit dem Orient.

Später war es unter den Habsburgern Kaiser Karl V., der gesagt haben soll: „In meinem Reich geht die Sonne niemals unter“. Das skizziert ein Weltreich, also ein multiethnisches Staatsgefüge, in dem viele Sprachen gesprochen wurden.

Heute ist es eine medial umfassend vernetzte Welt mit einer grenzenlos globalisierten Wirtschaft, die uns abverlangt, „Heimat“ und „Kultur“ nicht bloß als das zu verstehen, was wir in Kindertagen an Mutter und Vater gesehen haben. Unsere Kultur ist wieder multiethnisch, wie sie es in den Jahrhunderten des Hauses Habsburg war, bloß daß unsere Dörfer und Täler nicht mehr so abgeschieden sind, wie sie es in Zeiten der Leibeigenschaft waren.

Abschließend Volkskundler Dieter Kramer zum Thema: „In allen Facetten des kulturellen Lebens wird das Wertesystem einer Gesellschaft entwickelt und weitergegeben. Die Künste wirken dabei mit, ebenso die Medien und kulturellen Öffentlichkeiten mit den großen Auseinandersetzungen um Fragen der Moral und der Politik.“

Wir leben in aufregenden Zeiten…

+) From Diaspora to Diversities [link]
+) Kultur kurios: Überblick: [link]

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