28.09.2014, 08:15 Uhr

Kuchen im Krieg

Handwerkerin ida Kreutzer

Gehen Sie davon aus, daß für einen Kuchen Milch und Butter nicht verfügbar waren. Buchweizenmehl mußte reichen. Die kleinen Selbstversorgerwirtschaften der Oststeiermark mußten im Ersten Weltkrieg plötzlich für andere produzieren, mußten abliefern.


Den Leuten blieb kaum etwas, während sie für die Dummheiten des Adels einstanden. Es war für die meisten Landwirtschaften eine fatale Entwicklung, weil Erfahrungen, Strukturen und Traditionen dem nicht entsprachen.

Außer über einige Sonderkulturen, Obst und Hopfen, wurde in unserer Region ursprünglich nur für den Eigenbedarf produziert.

Der Große Krieg, in dem die Habsburger als erste Aggressoren ihr Imperium versenkten, hatte aus vielen Gründen traumatische Folgen, die wir bis heute in unserer Gesellschaft ausmachen können.

Im Gleisdorfer Kunstsymposion wird dieser Themenstellung derzeit auf sehr verschiedene Art nachgegangen. Zur Hälfte der Laufzeit fand nun wieder ein Besuch in der „Kriegsküche“ statt. Unternehmerin Jaqueline Pölzer („Essigkultur Pölzer“) hat einen „Sparherd“ in ihrer Küche, auf dem nicht nur Brotsuppe gekocht wurde.

Handwerkerin Ida Kreutzer („Madebyida“) ist eine bewährte Experimentalbäckerin, die in der jüngeren Geschichte von kultur.at und Kunst Ost schon für einige erstaunliche Backwerke gesorgt hat. Die Roulade a la 1914 ist vor allem im Finish knifflig, weil ein „Sparherd“, ein traditioneller Feuerofen, sich nicht so komfortabel steuern läßt wie moderne Herde.

Man stößt in der Erörterung der Abläufe auf Details, die einen ins Grübeln bringen. Was etwa trennte den Teig vom Backblech, als es noch kein hitzefestes Backpapier gab? Eine dicke Fettschicht?

Medienfachmann Heimo Müller entnahm die Lösung dem alten Rintelen-Kochbuch. Es wurde eine Schicht Löschpapier auf Schreibpapier gelegt, ein „bemehltes Blech“ vorausgesetzt.

Als Füllung kam Hagebutten-Marmelade in Frage, die auch in schweren Zeiten beschafft werden konnte. Das Hauptgetränk war Wasser, doch Hausherr Tino Pölzer konnte noch eine Flasche viele Jahre alten Most auftun. Unternehmer Ewald Ulrich hatte etwas Wein mitgebracht, was auf Schwarzmarkt-Kontakte schließen ließ.

Die Tischgespräche drehten sich, kaum überraschend, um Zusammenhänge, die im Jahr 1914 zu einem extremen und sehr radikalen Kräftespiel geführt hatten. Wäre Kriegsgefahr generell weitgehend gebannt, wenn Gesellschaften verläßlich für Verteilungsgerechtigkeit sorgen würden?

Ließe sich Verteilungsgerechtigkeit weltweit sicherstellen, wenn wir dafür sorgen könnten, daß nicht Geld Geld verdient, sondern vor allem menschliche Arbeit zu Geldverdienst führt?

Warum fällt die Politik nicht all jenen entschlossen und zügig in den Arm, die ganze Länder ausplündern? Diese Fragen sind heute akut und waren es auch vor hundert Jahren, da Österreich daran ging, den Balkan zu kolonialisieren.

In der Folge führten mehrere Kettenreaktionen in den Bündnissystemen zu einer Katastrophe unglaublichen Ausmaßes, die uns noch gegenwärtig schöngeredet und mit obszönem „Heldengedenken“ verbrämt wird. Ihr Kern ist aber simpel: Alte Eliten wollten ihre Vorteile behalten; auf Kosten von Millionen Menschen. Dabei war ihnen kein Vebrechen zu übel.

+) Brot und Kuchen [link]
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