03.11.2016, 09:42 Uhr

Café Europa: Produktives Kaffeekränzchen

Patrick Schnabl (links) und Claus Albertani

„Gleisdorf: EU-Binnenmarkt, TTIP, CETA und Regionalität“, wie könnte das in einem Zeitfensterchen von 10.45 – 12.15 Uhr angemessen debattiert werden? Das geht natürlich nicht, weshalb die Runde sich flott auf ein paar markante Punkte mit Bezug zur eigenen Arbeit konzentrierte.

Gut so, denn das große Thema Europa ist zu komplex und derzeit auch zu brisant, als daß man es im Vorbeigehen abhandeln könnte. Und es ist wichtig, daß wir darüber laufend, vor allem öffentlich, im Gespräch bleiben.

Astrid Kury und ihr Team von der Akademie Graz waren mit Interessierten auf eine kleine Reise durch die Oststeiermark gegangen. Im Gleisdorfer „Haus der Musik“ wurde dabei kurz ein „Café Europa“ ausgerufen und gefragt: „Wer freut sich über die EU, und wer nicht, und warum?“

Es war angenehm zu erleben, daß hier niemand die Zeit mit wohlfeilen Polemiken pro oder kontra EU vergeuden mochte, sondern daß sehr konkret über Details der verschiedenen Arbeitsfelder gesprochen wurde.

Vor dem Publikum saßen LEADER-Managerin Iris Absenger-Helmli, Chance B Geschäftsführerin Eva Skergeth-Lopič, Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark und Patrick Schnabl, Abteilungsleiter „Kultur, Europa, Außenbeziehungen“ des Landes Steiermark, die Moderation besorgte Claus Albertani (Kleine Zeitung).

So kamen Aspekte der laufenden Tätigkeit von Wirtschaft und NGOs ebenso ins Spiel wie von Politik und Verwaltung. Das sind ja auch die Instanzen, denen in der Region eine fruchtbare Zusammenarbeit gelingen sollte, damit ausreichende Mittel lukriert werden können, um relevante Aufgaben zu bewältigen.

Skergeth-Lopič legte eine nach meiner Meinung fundamentale Überlegung zu all diesen Angelegenheiten vor. Sie schilderte kurz, wie der Sozialebetrieb Chance B in seinen Anfängen vorangekommen sei.

„Wir haben andere Projekte besucht, uns angeschaut, was die machen, wie sie es machen.“ Der Punkt: „Es begann für uns damit, von anderen zu lernen. Heute kommen andere zu uns, um zu lernen, dabei lernen wir auch wieder“, sagte die Geschäftsführerin.

Das mag so verstanden werden, erstens bringt es einen inhaltlich weiter, wenn man nicht nur auf die eigenen Schlußfolgerungen setzt, zweitens ist es der Ausgangspunkt, um auch allfällige Kooperationen zu schaffen und nicht bloß im eigenen Bezugssystem zu verleiben. (Hab ich sowas die letzten 20 Jahre im regionalen Kulturbetrieb entdecken können? Eher nicht!)

Ohne solche Optionen, also inhaltlich offen zu bleiben und mit anderen Einrichtungen gelegentlich Kooperationen einzugehen, bleibt es vor allem im Sozial- und im Kulturbereich extrem schwierig, die hohen formalen Hürden zur Nutzung von EU-Budgets zu überwinden.

Absenger-Helmli betonte den äußerst massiven Verwaltungsaufwand, vom allem auch für kleinere Projekte. Stark unterstich das doppelt und Schnabl bestätigte: „Das unterschreib ich voll und ganz.“

Wo aber der Apparat auf dieses Problem nicht ausreichend reagiert oder reagieren kann, müssen eben vor Ort entsprechende Strategien entwickelt werden, um das zu mildern. Darin wären eigentlich innovative Qualitäten ebenso gefordert, wie sie bei Projektinhalten gerne behauptet werden.

Dazu kommen die gesamteuropäischen Problemlagen, zu denen Stark sagte: „Das Jahr 2015 und der Anfang 2016 waren für Europa mehr als die Gelbe Karte.“

Wir sind eben nicht isoliert. Wenn in Amerika eine Bank bebt, fliegt uns das eventuell zwei Jahre später in der Oststeiermark um die Ohren. (Die Liste an Beispielen kann beliebig erweitert werden.)

Eines war bei diesem Treffen nicht zu überhören. Die Steiermark läßt viel Geld in Brüssel liegen. Nun kann man die hohen Barrieren rund um dieses EU-Geld beklagen, oder sich mit anderen verständigen, um rauszufinden, wie zur Abwechslung nicht die Schuldfrage, sondern das Problem zu lösen wäre…

Demnach könnte das „Café Europa“ ein Auftakt gewesen sein, dem weiterführende Arbeitsschritte in solchem Sinn folgen.

+) Unser aktuelles Ensemble von EU-Kulturprojekten: „Dorf 4.0“ [link]
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