Weitwanderin Aina Miriam Geber
„Manchmal ist es richtig oarsch“

Aina Geber ging 2020 den GR223. Hier, genauer am Utah Beach, zwischen Pouppeville und La Madeleine am Fuß der Halbinsel Cotentin, entstand an einem Morgen dieses Bild.
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  • Aina Geber ging 2020 den GR223. Hier, genauer am Utah Beach, zwischen Pouppeville und La Madeleine am Fuß der Halbinsel Cotentin, entstand an einem Morgen dieses Bild.
  • Foto: Aina Geber
  • hochgeladen von Christina Gärtner

Was bringt die Welser IT-Supporterin dazu, einige hunderte – oder wie im Augenblick gerade – tausende Kilometer quer durch Europa zu wandern? Aina Geber beschreibt ihre Leidenschaft als Form von Freiheit: Sie hat jederzeit die Möglichkeit, sich neu zu entscheiden. Es verlangt aber auch ein hohes Maß an Flexibilität, um auf ungeplante Situationen zu reagieren. Ein Interview mit einer willensstarken Frau, die 2017 erstmalig in das Weitwandern hineingeschnuppert hat und jetzt gerade von Retz nach Hoek van Holland unterwegs ist.

Wie bist du zum Weitwandern gekommen?
AINA GEBER: Ich war nie besonders sportlich. 2003 wollte ich der Hitze in Wels entkommen und habe die erste Wanderung in die Berge unternommen. Vor einigen Jahren war das dann nicht mehr genug. In mehreren Etappen meisterte ich den Donausteig von Passau nach Grein. Ein Jahr später, 2018, wanderte ich mit einer Freundin den wunderschönen BergeSeenTrail im Salzkammergut.

Wie motiviert man sich zu 2.000 Kilometern?
2020 war geplant, die rund 2.000 Kilometer von Lands End nach John o' Groats zu wandern. Doch die Covid-19 Pandemie hat diese Wanderung vom süd-westlichsten zum nord-östlichsten Punkt Großbritanniens verhindert. Als Ersatz bin ich den 446 Kilometer langen GR 223, den ‚Sentier des Douaniers‘ in Frankreich gewandert. Heuer gehe ich wieder einen Teilabschnitt des europäischen Fernwanderwegs E8. In 100 Tagen will ich den Weg von Retz in den rund 2.000 Kilometer entfernten Küstenort Hoek van Holland zurücklegen. Ich will wissen, ob ich es schaffen kann. Am 4. Oktober muss ich auf jeden Fall wieder in meinem Bürosessel sitzen.

Was war die bisher härteste Tour?
Das war am E8 durch Irland. Das Wetter war furchtbar. Während es in Österreich eine Hitzewelle gab, war ich täglich dick eingepackt unterwegs und trotzte den widrigen Umständen. Tagelanger Regen und starker Wind zehrten an den Nerven. Aber ich habe nicht aufgegeben und am Ende des Weges mit Blick aufs Meer geweint vor Glück.

Hast du Lust auf Sightseeing?
Ich konzentriere mich bei der Route vor allem darauf, was ich brauche. Also Jugendherbergen, Campingplätze, einen Baumarkt für Campinggas etc. Aber ich schaue mir vorher nicht die Städte und ihre Sehenswürdigkeiten an. Ich muss mich dazu animieren und zwingen, dass ich nicht Trail-blind werde und nicht darauf vergesse, warum ich unterwegs bin. Sehen, wie sich die Landschaft unterwegs verändert, die Begegnung mit Menschen, das Land schmecken, sehen, riechen, usw. Der flache Spruch ‚Der Weg ist das Ziel‘ ist extrem abgedroschen, aber irgendwie stimmt er auch.

Worauf ist bei der Ausrüstung zu achten?
Ein sehr individuelles Thema, weshalb es schwierig ist, Tipps zu geben. Vor allem, weil ich keine Expertin bin. Am wichtigsten sind die Schuhe und der Rucksack. Mit der Last am Rücken sind Wanderstöcke sehr praktisch. Einerseits verteilt sich die Last besser. Anderseits sorgen sie für Gleichgewicht, besonders beim Bergabgehen. Und je leichter der Rucksack ist, desto besser.

Wie schwer ist dein Gepäck?
Das Basisgewicht (alles außer Wasser und Proviant) liegt bei gut zehn Kilogramm. Dazu kommen drei Liter Wasser (zwei Liter für untertags und einer zum Kochen am Abend) und Proviant, das macht in Summe bis zu 15 Kilo. Das kann man sicher noch optimieren, aber ich habe nur mehr dabei, was ich auch wirklich benutze. Alles andere wurde aussortiert. Derzeit trage ich Regenkleidung, Wanderbekleidung in zweifacher Ausführung, Schlafgewand, etwas für den Abend, Powerbanks, Ladegeräte, Kochtopf, Gaskartusche, Brenner, Hygieneprodukte, Erste-Hilfe-Pack, Kindle, Stirnlampe, Kopfhörer, Schaufel, Messer, Sonnencreme und diverse Kleinigkeiten auf dem Rücken. Es macht nicht viel Unterschied, ob ich drei Tage wandern gehe oder vier Monate unterwegs bin.

Wie planst du deine Routen?
Die Tourenplanung ist richtig viel Arbeit. Inspirationen hole ich mir in Blogs und Foren. Die Routen aus dem europäischen Fernwanderwegenetz sind ebenfalls gute Quellen. Es gibt auch Communities auf Facebook. Meine eigenen Touren plane ich mit OutdoorActive.com. Aber das ist Geschmackssache und es gibt auch andere Apps, die gut geeignet sind.

Was machst du gegen die Einsamkeit?
Weitwandern ist in den meisten Köpfen unmittelbar mit Pilgern, dem Jakobsweg und der Suche nach dem Sinn des Lebens verknüpft. Wandern ist wie eine Meditation – man bekommt den Kopf leer. Aber auch wenn ich von einer Freundin begleitet werde, wird während des Gehens wenig gesprochen. Man muss sich Tempo, Kraft und die Atmung einteilen, betrachtet die schöne Natur und macht sich über den Tagesablauf Gedanken. Wenn der Campingplatz voll ist – muss ich weitergehen, hilft nichts. Man muss alles so akzeptieren lernen, was kommt. Ob es das Wetter ist oder man kein Geschäft findet – man kann sich darüber aufregen, aber es wird nichts ändern. Das habe ich gelernt. Man sieht auch, ob man mit sich im Reinen ist und es aushält, so viel Zeit mit sich alleine zu verbringen. Gesellschaft ist gut, aber es muss auch alleine gehen bei den langen Distanzen.

Gibt es weitere Herausforderungen?
Bei so langen Strecken muss man auf die Ernährung achten. Für mich als Vegetarierin eine besondere Herausforderung. Aber ich denke, dass ich mich mit Hilfe einer Ernährungsberaterin gut vorbereitet bin. Ich nehme Nahrungsmittelergänzung für Mikronährstoffe und Vitamine auf natürlicher Basis zur Versorgung ein und snacke unterwegs Beeren, Nüsse, Kekse, Schokolade und was mir sonst noch so in die Hände fällt. Wichtig ist, auf seinen Körper zu hören. Wenn ich müde bin oder der Körper schmerzt, dann mach ich eine Pause. Ich habe lange gebraucht, um nicht ständig aufs Navi zu schauen, sondern den Markierungen und mir selbst zu vertrauen. Auch hier gilt: wenn man feststellt, dass man zwei Kilometer in die falsche Richtung gelaufen ist, dann ist es halt so. Mein Abenteuer, meine Entscheidungen, mein Ding – das kann man nur machen, wenn man alleine ist. Wenn die Gegend nicht reizvoll ist, einfach auch mal in den Zug einzusteigen und die Etappe hinter sich zu lassen. Wenn ich merke, dass es einfach mal nicht mehr geht, dann ist es auch eine Entscheidung, abzubrechen – oder die Gegend wechseln oder was auch immer. Wäsche wird unterwegs gewaschen, wo es die Gelegenheit gibt. In der Stille machen dich oft kleine Banalitäten wahnsinnig, etwa ein Karabiner, der am Plastik reibt. Schuhe, die quietschen. Ein Häferl, das irgendwo dagegen schlägt.

Wie verbringst du deine Abende?
Wenn ich nicht vor dem Zelt liege und den Sonnenuntergang genieße oder die Sterne betrachte, lese ich eBooks, habe meine Lieblingslieder offline zur Verfügung und kann zur Abwechslung auch einmal Serien streamen. Das Handy ist meine mobile Organisationszentrale, mein Navi und meine Verbindung nach Hause.

Ist Angst ein ständiger Begleiter?
Angst ist ein großes Thema. Vor allem für Frauen, die alleine unterwegs sind. Ich fühle mich draußen in der Natur sicher und habe noch nie schlechte Erlebnisse gehabt.

Was machst du zwischen deinen langen Trails?
Wenn das Wetter passt, bin ich meist in Oberösterreich, bevorzugt im Mühlviertel, unterwegs. Ich couche aber auch gerne, treffe mich mit Freunden, koche und genieße das Leben. Nebenbei gesagt bin ich auch im Faulenzen sehr, sehr gut.

Wie ist das Gefühl am Ende eines Trails?
Man stinkt, man ist dreckig und staubig – aber es ist unglaublich. Immer, wenn ein Trail fertig war, hat das Gefühl von ‚geschafft‘ nicht lange angehalten. Ich freue mich auf die vielen Highlights auf meinem Weg. Ich kenne so wenig von Deutschland und bin schon sehr gespannt darauf, was mich erwartet. Und dann stehe ich am Meer und denke mir vermutlich wieder: Was tue ich denn als nächstes?

Verändert das Wandern den Blick auf die Natur?
Ich leben auf meinen Trails nach dem ‚Leave No Trace‘-Prinzip. Das bedeutet: Hinterlasse keine Spuren im natürlichen Raum. Oft sieht man mehr zerknüllte Taschentücher oder zugeknotete Hundekot-Sackerl als Blumen. Wenn du zu Fuß unterwegs bist, fallen dir die Dosen, Fast-Food-Sackerln, Zigarettenpackerln und der ganze Müll entlang von Straßen viel mehr auf, als wenn du mit dem Auto daran vorbeifährst.

Und dich persönlich?
Ich bin gelassener und rege mich über viele Kleinigkeiten des Alltags nicht auf. Das bringt ja doch nichts. Man muss das Beste aus dem machen, was da ist.

Was ist dein größtes Ziel?
Das vor mir liegende Abenteuer zu schaffen, gesund und mit vielen neuen Bildern und Eindrücken heimzukommen. Was danach kommt, wird sich zeigen.

Kann man dir auf deinen Touren folgen?
Unter HikingAina veröffentliche ich auf Facebook meine Abenteuer. Ich werde immer wieder ein Lebenszeichen von mir geben, mit schönen Bildern und kurzen Berichten von meiner aktuellen Reise.

Welche Route könnte ich als Neuling probieren?
Wer es versuchen möchte, braucht eine kleine Grundausrüstung und gute Kondition. Ein Tipp: sich nicht vor Augen halten, wie viele Kilometer es noch bis ans Ziel sind, sondern sich darüber freuen, was man bereits geschafft und erlebt hat. In der Umgebung gibt es schöne Routen. Im Mühlviertel etwa den Stoakraftweg, den Johannesweg oder den Nordwaldkammweg, im Waldviertel ist der Vier-Märkte-Weg 612 sehr schön. In Irland haben mir der Ring of Kerry und der Ring of Beara sehr gut gefallen, einsam und sehr abwechslungsreich. Im Internet gibt es zu beiden Trails viel Information. Wer herausfinden will, ob das Wandern überhaupt etwas für ihn ist, kann sich natürlich auch eigene Routen erstellen und diese schrittweise ausdehnen. Weitwanderwege.com gibt auch einen guten Überblick über mögliche Touren in Österreich.

Talschluss
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