30.09.2014, 00:00 Uhr

Gibt es noch Platz für Flüchtlinge?

Bgm. Hans Payr: "In Götzens leben seit rund 25 Jahren 70 Flüchtlinge mehrerer Nationen und Religionen.

Eine Bestandsaufnahme vor Ort zur aktuellen Problematik der vergangenen Wochen!

Eines vorweg: Gäbe es eine "regionale Wertung" und nicht ein nur eine dorfbezogene Bilanz, würde das Westliche Mittelgebirge hervorragend abschneiden. In Götzens werden im Gasthof Neuwirt bekanntlich seit gut 25 Jahren Flüchtlinge betreut – und dies in vorbildlicher Art und Weise, bestätigt auch Bgm. Hans Payr: "70 Flüchtlinge verschiedenster Nation und Religion finden hier Quartiere. Bis auf kleinere Vorfälle, die verschwindend gering sind, gab es keine Auffälligkeiten. Dies ist zweifellos der hervorragenden Betreuung der Menschen durch Lydia Mengini und ihrem Team zu verdanken. Das Haus liegt buchstäblich in der Dorfmitte, noch dazu gibt es auch einen bestens funktionierenden Gastrobetrieb!"

Familie erwünscht

In den weiteren Dörfern des westlichen Mittelgebirges bzw. von Völs bis Sellraintal gibt es indes keine Aktivitäten. Lediglich in Kematen plant Bgm. Rudolf Häusler eine Initiative der besonderen Art: "Ich verstehe den Unmut, der in manchen Gemeinen herrscht, es ist ein schwieriges Thema. Wenn aber jede Tiroler Gemeinde zumindest eine oder zwei Familien in Not aufnehmen würde, wäre das ein guter Anfang. Ich glaube, dass Kematen dazu bereit ist und werde einen diesbezüglichen Antrag auf Aufnahme einer Flüchtingsfamilie in der nächsten Gemeinderatssitzung stellen."

Akzeptanz gegeben

Dass es bei einem derartigen Schritt zu größeren Problemen in den Dörfern kommen könnte, glauben weder Bgm. Johanna Obojes-Rubatscher aus Oberperfuss noch ihre Amtskollegen. Vielmehr herrsche ein Mangel an geeigneten Objekten, glaubt die Oberperfer Bürgermeisterin: "In Oberperfuss ist die Nachfrage nach Wohnraumobjekten wesentlich größer als das Angebot. Es stehen schlichtweg keine leerstehenden Wohnungen zur Verfügung."


Breite Diskussion

Auch in Axams gibt es keine geeigneten Objekte. Die Betonung liegt dabei auf "geeignet", so Bgm. Rudolf Nagl. "Zwangsaufnahmen wird es nicht geben, sollte entsprechender Wohnraum zur Verfügung stehen, werden wir aber Maßnahmen ergreifen", so Nagl, der die Diskussion demnächst auf die regionale Ebene verlagern will. "Es gibt ja durchaus auch in unserem Gebiet Gemeinden, in denen ausländische Familien ein Quartier gefunden haben. Wir werden die aktuelle Problematik aber auf alle Fälle in der nächsten Planungsverbandssitzung besprechen und uns weiteren Maßnahmen, falls erforderlich, nicht verschließen."

Stellungnahmen:

Bgm. Rudolf Nagl, Axams: "Ich habe durchaus Verständnis für die Bemühungen, möglichst viele Flüchtlinge unterbringen zu können. Die Gemeinde Axams hat auch bereits einmal Bereitschaft gezeigt. So waren z.B. in der ehemaligen Bundesheer-Baracke in der Axamer Lizum untergebracht. Derzeit gibt es aber keine geeignetes Objekt, wobei die Betonung auf 'geeignet' liegt.
Ich glaube, dass die Akzeptanz der Bevölkerung durchaus gegeben wäre, wenngleich man natürlich schon aufpassen muss. Ich werde die Angelegenheit bei der nächsten Planungsverbandssitzung vorbringen, wo wir über eventuelle Aktivitäten und Maßnahmen beratschlagen werden."

Bgm. Toni Bucher, Grinzens: "Bei uns im Dorf wohnen bereits einige Familien aus anderen Nationen und das funktioniert eigentlich sehr problemlos. Für größere Projekte steht allerdings kein Wohnraum zur Verfügung."

Bgm. Erich Ruetz, Völs: "Ich lasse derzeit prüfen, ob eine 4-Zimmer-Wohnung, die im Eigentum der Gemeinde steht, für die Aufnahme von Flüchtlingen geeignet ist. Die Wohnung wurde erst vor kurzem durch die Gemeinde saniert. Ich habe diesbezüglich auch schon Kontakt mit dem Land aufgenommen – es wäre auf alle Fälle ein erster Schritt. Die Bevölkerung von Völs, denke ich, steht dem eher positiv gegenüber. Hier gibt es schon einige Wohnungen, die von Privatpersonen an Flüchtlinge vermietet sind. In Völs wohnen ja über 50 Nationen. In der Friedenssiedlung gibt es einige Wohnungen wo die Vergabe sogar durch die UNO erfolgt. Große leerstehende Gasthäuser oder Pensionen gibt es bei uns keine."

Bgm. Johanna Obojes-Rubatscher: "Oberperfuss hat nur sehr wenige Mietwohnungen, die sind aber alle für Jahre vergeben. Die Nachfrage ist wesentlich größer als das Angebot. Die Auskunft beim Tourismusbüro brachte ebenso kein Ergebnis, da die Tourismusbetriebe, Ferienwohnungen oder Privatzimmervermieter keine leerstehenden bzw ungenutzten Objekte haben. In Oberperfuss stiegen die Nächtigungszahlen im letzten Jahr erheblich. Bei uns gibt es auch keine leerstehenden Häuser, da das Wohnungsangebot knapper ist als die Nachfrage. Alte Häuser werden abgerissen oder umgebaut und zumeist vom Eigentümer und dessen Kindern gemeinsam bewohnt.
Sollte dennoch eine Unterkunft für Flüchtlinge zur Verfügung stehen: Ich denke, dass der Großteil der Bevölkerung die Flüchtlinge gut akzeptieren kann."

Bgm. Manfred Spiegl, Ranggen:
Eine sofortige Aufnahme von Flüchtlingen ist leider nicht möglich. Es sind keine Unterkünfte vorhanden d.h. keine Häuser oder Wohnungen die leer stehen bekannt – sei es seitens der Gemeinde und privat.
Seitens der Bevölkerung würde ich bei der Aufnahme kein großes Problem sehen.

Bgm. Hansjörg Peer, Mutters: "Fehlende Infrastruktur in Form von nicht vorhandenen Unterkünften stellt das Ausschlusskriterium für die Aufnahme von Flüchtlingen in Mutters dar. Die Gemeinde verfügt über keine Immobilie, welche den Voraussetzungen entsprechen würde. Die in Frage kommenden Gebäude stehen allesamt in Privatbesitz, und gibt es in jedem Einzelfall ganz konkrete Pläne für eine
Nutzung in touristischer Hinsicht. Ob die Bevölkerung dahinterstehen würde, müsste sich durch eine transparente, mit allen Facetten dieser Problematik behaftete
Aufklärungskampagne, am besten mit einer Bürgerversammlung und mit der
Einbindung von Fachleuten erheben lassen. Ein sensibles Thema dieser Art
lädt zum Polarisieren ein, dies hilft keinem der Betroffenen. Daher führt
an einer transparenten Darstellung mit allen positiven und negativen Seiten
kein Weg vorbei!"

Bgm. Norbert Jordan, Sellrain: "Die Gemeinde Sellrain verfügt über kein einziges freies Objekt. Wie die Bevölkerung dazu steht, kann ich im Moment nicht beurteilen!"

Bgm. Luis Oberdanner, Birgitz: "Auch in unserem Dorf fehlt es an passenden Unterbringungsmöglichkeiten. Wie die Bevölkerung reagieren würde, kann ich derzeit nur sehr schwer abschätzen. Es kommt meiner Meinung danach schon wesentlich darauf an, ob es sich um Familien handelt, die in Not sind, oder auch, wieviele Flüchtlinge überhaupt unterzubringen wären. Das bedeutet aber wohl für jeden verantwortungsvollen Politiker eine Aufgabe, die mit sehr viel Sensibilität und Fingerspitzengefühl erledigt werden müsste. Aber wie gesagt – derzeit wüsste ich nicht, wo wir in unserem Dorf eine geeignete Unterkunft hätten."
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