12.06.2017, 21:08 Uhr

Flüchtlingsheim in Götzens wird aufgelassen

Hier wurden 27 Jahre lang Flüchtlinge vorbildlich betreut – was mit dem Gebäude passiert, steht noch nicht fest!

Entsetzen bei Wirtin Lydia Menghini: "Das ist für uns ein Schlag mitten ins Gesicht!"

Über die Situation in der Flüchtlingsfrage sowie über die Maßnahmen der Tiroler Sozialen Dienste infolge einer sinkenden Zahl von zu betreuenden Personen wird derzeit in den Medien laufend berichtet. In der Region haben die jüngsten Ereignisse auch gravierende Auswirkungen: In Natters wurden die im "The Art & Sport Hotel" von Ing. Martin Krulis untergebrachten Flüchtlinge – die dort allerdings erst seit kurzem wohnhaft waren – bereits Ende April abgezogen. Dramatischer gestaltet sich die Situation im seit Jahrzehnten bestehenden Quartier in Götzens, wo Lydia Menghini im "Gasthof Neuwirt" ein Vorbildmodell in Sachen Flüchtlingsbetreuung kreiert hat. Dort werden mit 30. Juni alle dort untergebrachten Personen abgezogen.

Einfach nur traurig

Lydia Menghini, die über einen Zeitraum von unglaublichen 27 Jahren für vorbildliche Betreuung gesorgt hat, ist entsetzt: "Für uns war das ein Schlag mitten ins Gesicht. Es gab keine Vorgespräche oder sonstige Vorinformationen – plötzlich stand eine TSD-Mitarbeiterin vor der Tür und erklärte, dass alle Bewohner abgezogen werden – die schriftliche Kündigung wurde inzwischen zugestellt." Die langjährige Vermieterin weiß derzeit nicht, wie es weitergeht: "Ich habe die Gastronomie aufgegeben, um die Menschen hier versorgen zu können. Es waren ja bis zu 76 Bewohner hier, da wurde der Speisesaal und alles andere dringend gebraucht." Verzweiflung herrscht nicht nur bei ihr, sondern auch bei den rund 30 Bewohnern, die noch da sind. "Viele wollen einfach nicht weg – wir müssen ihnen jetzt erklären, was los ist! Es ist einfach nur traurig!"

Hausverkauf
Lydia Menghini weiß derzeit nicht, wie es mit dem ehemaligen Gasthof weitergehen soll. "Ich werde versuchen, das Gebäude zu verkaufen. Mehr kann ich dazu derzeit nicht sagen." Auch Bgm. Josef Singer kann derzeit nur vage Angaben machen: "Das Haus wird jedenfalls in den Dorferneuerungsprozess Burgstraße aufgenommen. Ich gehe derzeit lediglich davon aus, dass das Gebäude weiterhin wirtschaftlich genutzt werden soll und dass dort keine Wohnungen entstehen werden." Auch für die Gemeinde kam das Aus überraschend: "Lydia Menghini hat hier fast drei Jahrzehnte lang hervorragende Arbeit geleistet. Aber wir müssen jetzt nach vorne blicken!"

Verlegung der Bewohner

Georg Mackner, Unternehmenssprecher der TSD, bestätigt die Maßnahmen: "Die derzeit noch verbliebenen Bewohner werden in Einrichtungen im Bereich Innsbruck und Zirl untergebracht, wobei wir uns der Verpflichtung, den Menschen die Möglichkeit zu geben, bereits bestehende Netzwerke fortzuführen, bewusst sind. An dieser Stelle ist auch ein großer Dank auszusprechen – sowohl in Götzens als auch in Natters haben die Modelle bestens funktioniert. Vor allem Lydia Menghini war auch bei Härtefällen immer eine Ansprechpartnerin."
Dass sich die derzeit entspannte Situation wieder ändern könnte, ist Georg Mackner bewusst: "Sollten wieder Kapazitäten gebraucht werden, sind natürlich wieder Gespräche auf kommunaler Ebene über Unterbringungsmöglichkeiten zu führen."

Gute Erfahrungen in Natters

In Natters waren seit heuer Flüchtinge im Hotel von Ing. Martin Krulis untergebracht, die bereits abgezogen wurden. "Die avisierte Zahl von 30 Personen wurde nie erreicht. Meistens waren es um die 20 Asylwerber, zuletzt nur mehr rund zehn. Ich sehe die Entwicklung sehr positiv – und vor allem hat sich gezeigt, dass die Befürchtungen im Vorfeld jeglicher Grundlage entbehrt haben." Dass dies kein Selbstläufer war, lässt Krulis allerdings nicht unerwähnt: "Meine Frau Konzeta hat sich großartig um die Menschen gekümmert. Auch der Freundeskreis Flüchtlinge war ebenso vorbildlich vertreten wie Bgm. Karl-Heinz Prinz. Unser Hotelbetrieb geht weiter – und sollte wieder Bedarf gegeben sein, sind wir jederzeit bereit, wieder Flüchtlinge aufzunehmen."
Dass dies in Götzens nicht der Fall sein wird, steht fest – alles andere ist wie erwähnt noch offen.
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