Ein Autismuszentrum für die Wieden: Kein Platz für schiefe Blicke

Tova Marr mit ihrem 6-jährigen Sohn Raphael. Vor drei Jahren erhielt Raphael die Diagnose Autismus.
  • Tova Marr mit ihrem 6-jährigen Sohn Raphael. Vor drei Jahren erhielt Raphael die Diagnose Autismus.
  • Foto: Marr
  • hochgeladen von Maria-Theresia Klenner

Woher kommt Ihr Engagement für Autismuskranke?
TOVA MARR:
Mein sechsjähriger Sohn Raphael bekam vor drei Jahren die Diagnose Autismus. Es gab ein paar Punkte, die den Verdacht in Richtung Autismus lenkten. Er hat innerhalb eines Jahres alles verloren und redet nicht. Das ist sehr furchtbar für die Eltern und es fehlt in Wien der Austausch mit anderen betroffenen Eltern.

Sie haben bereits eine Plattform für Eltern gegründet?
Ja, auf Facebook habe ich die Seite "Autism in Vienna: Beacon Beach House" erstellt, um Eltern die Möglichkeit zu geben, sich gegenseitig zu unterstützen. Seit November sind wir ein Verein und veranstalten Aktivitäten wie Kinonachmittage und Picknicks.

Wie reagieren die Mitmenschen auf Personen mit Autismus?
Die Antwort lautet immer: Ich kenne den Film Rain Man. Der Film zeigt aber nicht, wie das Leben mit der Krankheit tatsächlich ist. Positiv ist, dass die Leute neugierig sind und Fragen stellen. Aber die Akzeptanz kann noch gestärkt werden. Mehr Personen sollten wissen, dass es diese Krankheit gibt.

Wieviele autistische Kinder gibt es in Österreich?
In Österreich gibt es 48.500 Kinder mit Autismus, das sind ein bis zwei Prozent der Bevölkerung.

Wieviele Ausprägungen gibt es innerhalb des Krankheitsbildes?
Das ist schwer zu sagen. Es gibt Menschen, die sind nicht besonders beeinträchtigt im Alltag und andere wie Raphael, die nicht sprechen. Autismus ist sehr vielfältig.

Weiß Raphael, dass er anders ist als andere Kinder?
Er besucht einen Integrationskindergarten. Da er nicht spricht, hat er leider keine Freunde. Er liebt Erwachsene, doch der Umgang mit Kindern ist etwas schwierig. Vor Fremden hat Raphael Angst.

Warum ist der Austausch zwischen betroffenen Eltern so wichtig?
Ich komme aus Kanada und dort läuft alles ganz anders. Es herrscht ein reger Kontakt mit anderen Eltern, zwanzig Therapiestunden pro Woche werden den Kindern gezahlt - in Österreich gibt es kein Geld für Therapie für Autisten - und es gibt eigene Zentren für Eltern und Kinder.

Sie möchten ein Zentrum für betroffene Eltern nun auch in Wien gründen?
Ja, das wäre ganz wichtig. Ich möchte einen Platz für Eltern und betroffene Kinder schaffen, wo die Leute sich wohl fühlen und keine schiefen Blicke ernten. Es soll neben einem Spielzimmer auch einen kleinen Garten haben. Autistische Kinder sind gerne im Freien und blühen in der Natur auf.Natürlich wird es auch ein Ort zum Austausch von Informationen geben.

Haben Sie bereits einen Ort für das Zentrum im Auge?
Ja, mein Traumplatz befindet sich in der Favoritenstraße. In den Räumlichkeiten befand sich ein Mexikanisches Restaurant, nun steht es leer.

Wieso planen Sie das Zentrum im vierten Bezirk?
Ich wohne auf der Wieden, in der Nähe vom Alois-Drasche-Park. Der Bezirk ist auch ideal für andere Familien. In ein paar Jahren möchte ich zusätzlich ein Café eröffnen, in dem Leute mit Autismus arbeiten. Und sie können arbeiten!

Gibt es schon konkrete Verhandlungen?
Nein, es gibt leider noch nichts zu berichten. Ich benötige für die Eröffnung rund 50.000 Euro, um die Kosten für die Eltern, die das Zentrum aufsuchen werden, möglichst gering zu halten.

Wie kann man Ihr Projekt unterstützen?
Mittels Fundraising auf der Seite www.gofundme.com/beaconbeachhouse. Dort kann man sich auch über das Projekt informieren.

Zur Sache

Autismus ist eine angeborene und nicht heilbare Entwicklungsstörung, die vor dem dritten Lebensjahr auftritt. Bisher wurde keine Ursache für die Störung gefunden. Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten im sozialen Umgang und mit der Kommunikation und legen stereotype Verhaltensweisen an den Tag. In Österreich sind rund 48.500 Kinder betroffen.

Autor:

Maria-Theresia Klenner aus Hietzing

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