GPA-djp Chefverhandlerin Eva Scherz im Interview
„Die 35-Stunden Woche in der Pflege ist finanzierbar!“

"Die Kolleginnen arbeiten wirklich am Limit", erzählt Eva Scherz, Verhandlerin für die Gewerkschaft GPA-djp.
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  • hochgeladen von Julia Schmidbaur

ÖSTERREICH. Nach dem bisherigen Scheitern der Kollektivvertrags-Verhandlungen im privaten Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich wird in ganz Österreich gestreikt. Eva Scherz, Chefverhandlerin der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) erzählt im Interview mit meinbezirk.at, warum sie von der Forderung einer Reduktion der Arbeitszeitzeit für Vollzeit-Beschäftigte in der Pflege auf 35 Stunden pro Woche bei gleichen Geldbezügen nicht ablässt.   

Im türkis-grünen Regierungsprogramm ist zu lesen, dass es das Ziel der neuen Regierung ist, eine "qualitätsvolle Pflege zu sichern". Studien zeigen, dass bis 2030 dafür 75.000 zusätzliche Arbeitskräfte in der Pflege nötig sind. Was braucht es aus Ihrer Sicht dafür?
Eva Scherz: Dafür braucht es ein ganzes Bündel aus Maßnahmen. Einerseits geht es darum, ganz neue Gruppen für diesen Beruf zu gewinnen und natürlich die Arbeitsbedingungen so zu verbessern, dass die Kolleginnen und Kollegen hier bleiben. Es geht hier um emotionale Schwerstarbeit und wir glauben, dass die Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden der richtige Weg ist, um diesen Beruf attraktiver zu machen. Wir arbeiten in einer Frauenbranche. Über 70 Prozent der Kolleginnen sind Frauen, und viele von ihnen, nochmals rund 70 Prozent, arbeiten auch in Teilzeit. Pflege und Betreuung ist in Österreich in neun unterschiedlichen Bundesländern unterschiedlich geregelt. Es würde einen einheitlichen Pflegeschlüssel mit mehr Personal brauchen, denn die Kolleginnen arbeiten wirklich am Limit.

Gibt es Zahlen dazu, wieviele gesundheitliche Probleme Angestellte im Pflegebereich haben?
Es gibt mehrere Studien zum Thema Burnout. Bei allen kommt heraus, dass das Risiko in der Pflege und Betreuung um einiges höher ist, als in anderen Berufsgruppen. Worunter die Kolleginnen leiden ist sozusagen das ‚Soziale‘ am Beruf. Es geht nicht nur darum, jemand medizinisch zu versorgen. Denn für viele ältere Menschen ist die Pflegeassistentin der einzige Kontakt. Viele Kolleginnen bleiben dann natürlich länger und plaudern noch, weil sie sehen, die Klientin sind einsam.

Reicht eine Arbeitszeitverkürzung, um den Personalmangel in der Pflege zu beheben?
Nein, das würde auf keinen Fall reichen. Es braucht einen ganzen Maßnahmen-Mix. Aber bei den Kollektivvertragsverhandlungen können wir nur Dinge fordern, die wir auch beeinflussen können. Und das ist die Arbeitszeit. Es braucht sicher auch eine Verbesserung der Ausbildung, neue Gruppen anzusprechen, Förderungen zu überlegen und Aufschulungen (Fortbildung Anm. d. Red.) zu organisieren von Kolleginnen, die diesen Beruf bereits leidenschaftlich ausüben. Es gibt so viele tolle Heimhilfen, die sicherlich gerne eine Aufschulung zur Pflegeassistentin machen würden. Und ganz tolle Pflegeassistenten, die sicher auch das Zeug hätten, diplomierte Pflegekraft zu werden.

Es ist eine Pflegelehre angedacht. Kritikern geht das nicht weit genug. Durch die Rückgänge der Geburtenrate in den nächsten Jahren wird auch eine Umschulung von älteren Arbeitnehmern interessant. Welche Ausbildungsmaßnahmen braucht es in der Pflege?
Wir lehnen die Pflegelehre strikt ab. Das ist kein Weg um die richtigen Menschen anzusprechen und sie für die Langzeitpflege zu gewinnen. Wir denken eher an Wiedereinsteigerinnen nach der Karenz und an Menschen mit Lebenserfahrung, die noch einmal durchstarten wollen. Wenn man 15-Jährige in eine Pflegelehre steckt, schreckt das eher ab. Die Erfahrungen in der Schweiz zeigen, dass wir so nicht mehr Beschäftigte gewinnen. Viele werden den Beruf nicht einmal antreten.

Wie sind die Gespräche bei den KV-Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite bisher verlaufen?
Das Gesprächsklima ist grundsätzlich konstruktiv und freundlich. Leider hilft auch ein gutes Gesprächsklima nicht, wenn es zu keinem guten Ergebnis führt.

Die Arbeitgeberseite bezeichnet die Forderungen der Gewerkschaft als "nicht finanzierbar". Die Länder befürchten, dass sie höhere Personalkosten mit Zuschüssen abdecken müssen. Ist ihr Modell finanzierbar?
Das Modell ist finanzierbar. Es geht hier keinesfalls um ein nicht Können sondern um ein nicht Wollen. Wenn die Politik Verbesserungen für die Pflege verspricht, muss sie das Geld auch sicher stellen. Es ist gut investiertes Geld. Wir haben Untersuchungen, dass jeder Euro der investiert wird vierfach zurückkommt. Das können sich alle Länder wirklich gut leisten.

Mit welcher Lösung wären Sie bzw. die Angestellten im Pflegebereich zufrieden? Gibt es Alternativen zu den jetzigen Forderungen?
Ein Kompromiss könnte eine stufenweise Einführung der 35-Stundenwoche sein, sodass es für die Arbeitgeber planbar wird und sie die Finanzierung sicherstellen können, wenn das jetzt in einem Schritt nicht möglich ist.

Wäre der Vorschlag von Sozialminister Rudolf Anschober, eine Kombination aus Lohnerhöhung und einer Schrittweisen Arbeitszeitverkürzung durchzuführen, ein vorstellbarer Kompromiss?
Ja, das wäre vorstellbar.

Am Montag hat SeneCura, der größte Gesundheits- und Pflegedienstanbieter in Österreich angekündigt, dem Personalmangel in Österreich mit Pflegekräften aus Marokko begegnen zu wollen. Ist das eine Lösung für Sie?
Natürlich brauchen wir auch weiterhin Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland. Wir sehen das aber nicht als Lösung. Es braucht hier wirklich eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Es ist schon interessant, dass gerade SeneCura, die wirklich blockieren, dass es bessere Arbeitsbedingungen gibt, sich solche Modelle überlegen. Noch dazu ist das ein gewinnorientiertes Unternemen, dass jedes Jahr 12,5 Prozent Gewinn macht.

In ganz Österreich wird derzeit gestreikt. Haben Sie einen Überblick in wie vielen Einrichtungen bisher gestreikt wurde?
Bisher hat es circa 270 Streiks gegeben.

Bei den Warnstreiks wurde betont, dass die Betreuung der zu Pflegenden darunter nicht leidet. Sind schärfere Maßnahmen überhaupt möglich, ohne die Aufrechterhaltung der Betreuung zu gefährden?
Bei uns ist noch Luft nach oben. Die Stimmung ist gut und wir sind dabei, weitere Aktionen zu planen, sollten die Verhandlungen am Montag scheitern. Wir haben auch Möglichkeiten, dass zum Beispiel Angehörige oder Eltern von Kindern einspringen für die Zeit wo gestreikt wird.

Glauben sie, dass ein Abschluss der Kollektivertragsverhandlungen am kommenden Montag möglich ist?
Ich bin Kollektivertragsverhandlerin und somit immer optimistisch. Ich hoffe, dass sich die Arbeitgeber bewegen werden und wir zu einem guten Abschluss kommen.

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Anschober: "PflegerInnen mit Reißverschlusssystem besserstellen"
Autor:

Julia Schmidbaur aus Wieden

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