07.11.2016, 10:17 Uhr

"Ihr könntets ein bisschen weniger g’schissn sein": Markus Lust hat 111 Gründe, Wien zu hassen

VICE-Alps Chefredakteur Markus Lust steht auf die Donaustadt und hält nicht viel von den Bobo-Bezirken.

Der Journalist und VICE-Alps Chefredakteur Markus Lust rechnet mit der Stadt ab. In seinem neuen Buch "111 Gründe, Wien zu hassen" legt der 33-Jährige dar, warum an der Donau nicht alles nur leiwand ist. Mit der bz hat er über Lokalpatriotismus, schlechte Würstelstände, Untertanenmentalität und den Wiener Grant gesprochen. Lust zückt den Spiegel und will ihn der Stadt vorhalten. Mit Augenzwinkern.

WIEN. Wien schneidet im Ranking der lebenswertesten Städte immer super ab. Was gibt es hier zu hassen?
MARKUS LUST: Unter anderem genau das. Das Ranking ist meistens das von Mercer. Das ist doch sehr hinterfragenswert. Wie kommt Mercer dazu? Wer ist Mercer eigentlich? Das sagt doch sehr viel über die österreichische Mentalität oder Medienlandschaft aus: Wenn Mercer, oder irgendwer, sagt, dass wir super sind, dann übernehmen wir das komplett unhinterfragt. Wenn uns wer auf die Schulter klopft, dann akzeptieren wir das halt einfach. Mercer ist aber ein Personalunternehmen. Die Studie ist eine Befragung unter Expats. Dass es für gehobene Business-Leute in Wien bessere Infrastrukturen gibt als in anderen Städten, ist irgendwie klar.
Ein anderer Punkt ist das Glücksempfinden. Wien hat angeblich die höchste Lebensqualität. Lebensqualität ist jedoch sehr abstrakt. Keiner redet selbst darüber. Wenn man aber auf das Glücksempfinden oder auf die Zufriedenheit der Bewohner schaut, ist Österreich auf den Statistiken überhaupt nicht weit vorne. In anderen Befragungen zur Zufriedenheit in Städten kommt Wien nicht einmal vor. Wenn wir angeblich so eine hohe Lebensqualität haben, aber die Leute nicht glücklich sind, dann stimmt doch etwas nicht. Wenn Leute in Panama glücklicher sind, obwohl sie es schlechter haben, dann machen wir irgendwas falsch. Wiener haben keine Vorstellung von Glück bzw. verstehen das Konzept Glück nicht. Es ist aber nicht so, dass wir unglücklich sind. Das wäre zuviel Emotion. Wir sind dem Konzept von Glück gegenüber indifferent.

Ist der Wiener emotionslos?
Er ist nicht wirklich stringent. Uns ist alles ein bisschen wurscht. Gleichzeitig granteln wir auch. Das kann man natürlich als Widerspruch sehen, gehört aber durchaus dazu. Wir sind nicht wirklich greifbar.
Grillparzer hat uns ganz gut beschrieben: "Es muss etwas geschehen, aber es darf nichts passieren". Das ist sehr wienerisch: Bevor etwas passiert, geschieht lieber nichts.

Sind deine 111 Gründe ein bewusster Gegenkurs zum Hashtag "Wienliebe"?
Ja. So hat es zumindest begonnen. Dem Buch gehen zwei Artikel von mir auf VICE voraus. Darauf basierend ist das Buch entstanden. Der Ursprungsgedanke war, die Wiener aus der Reserve zu locken. Obwohl die Stadt funktioniert, muss man sich dennoch fragen, ob das schon alles ist. Es kann nicht sein, dass alles wie ein englischer Rasen ausschaut und von schönen Museen umgeben ist, und wir das schon als Lebensqualität bezeichnen. Es geht mehr um die Mentalität der Menschen einer Stadt.

Weil die Wiener gerne granteln?
Wir rühmen uns gern mit Tradition, Kultur und dem schönen ersten Bezirk. Das stimmt alles, aber die Wiener brauchen es auch, dass man ihnen den Spiegel vorhält. Jemand muss einmal sagen: "Ihr könntets ein bissl weniger g’schissn sein."
Die Mentalität, dieser Grant, wird gern als authentisch verkauft. Aber ich glaube, es ist nicht echter als dieses amerikanische überfreundlich sein. Es ist beides eine Einstellung, nur bei der einen geht es den Leuten besser und bei der anderen den Leuten schlechter. Ich glaube nicht, dass man der folgen muss, bei der es einem schlechter geht. Darum geht es ein bisschen. Das will ich den Leuten vorzeigen.

Welche Eigenschaften hat für dich ein echter Wiener?
Passiv, wurschtig, grantig, unehrlich, aber halt auch entspannt. Durchaus ein bisschen widersprüchlich.

Gibt es bei deiner Abneigung zur Stadt ein persönliches Ranking? Was sind deine wichtigsten Gründe?
Sicher der Provinzialismus. Wir glauben, wir sind Großstadt. Aber wir sind es halt nicht. In Wirklichkeit ist Wien nicht nur in Grätzel eingeteilt, sondern wir denken auch noch so – wir sind eine Ansammlung eingemeindeter Dörfer. Wir glauben immer, dass wir zu den Metropolen gehören, aber das ist schon lange nicht mehr so.
Zweitens die Unehrlichkeit bzw. diese Art, alles durch die Blume zu sagen und nichts direkt. Man glaubt bei uns, dass es einfach raffinierter sei, wenn man sich so ausdrückt.
In der Straßenbahn gibt es diese Aufschrift: "Bitte sich festzuhalten". Man kann nicht sagen: "Bitte festhalten". Für jeden Lektor wahrscheinlich schon immer ein Horror.

Du bist eigentlich aus Linz, aber seit 15 Jahren in der Hauptstadt. Nennst du dich heute Wiener?
Kommt darauf an wo ich bin, aber wahrscheinlich schon. Ich würde heute in Linz sagen, dass ich Wiener bin. Aber auch deswegen, weil die Linzer solche Lokalpatrioten sind und oft ein Problem mit Wien haben. Das finde ich absurd. Man will Abgrenzungspolitik betreiben. In Wien sagt man "ur". Ja, das kann man furchtbar finden, aber in Linz sagt man "überhaups" – das ist ja auch nicht besser. Jeder hat seine Eigenheiten. Sich abzugrenzen ist lächerlich. Da nenne ich mich zur Provokation gerne Wiener, auch wenn ich Linzer bin. Denen halte ich auch gerne den Spiegel vor. Seid nicht so kleinkariert, das ist ja fast dieselbe Stadt. Die Achse Linz - St.Pölten - Wien ist ein fließender Übergang.

Wo gehst du in Wien eigentlich gern hin? Was ist dein Lieblingsort?
Ich mag den 22. Bezirk. Der ist irgendwie ehrlich. Er ist zwar der provinziellste Bezirk und wird vom Rest der Stadt gar nicht als Teil gesehen, aber genau deswegen sagt er mir zu. Dort gibt es ehrliche Kleingartensiedlungen, Schrebergärten und die Lobau. So ist Wien im Geiste. Nur in der Innenstadt tun wir so, als wären wir anders.

Wo lässt du dich ungern blicken?
Ich bin selbst sehr inkonsequent, was diese Dinge angeht. Ich würde jetzt sagen: Im 7. und im 8. Bezirk. Ein Bezirk, wo Streetart in Galerien hängt, ist einfach das Letzte. Da sieht man ganz viele junge Pärchen mit hölzernen Kinderwägen, die dann auf Fotospaziergänge für ihr Instagram-Profil gehen. Das mag ich nicht so gern. Aber natürlich bin ich auch manchmal im Siebten.

Wo wohnst du?
Im Neunten.

Hast du kleine Angst vor Reaktionen der Urwiener. Gibt es schon Morddrohungen aus Favoriten?
Nein. Naja, es gibt natürlich Leute die sagen: "Schleich dich du Gfrast. Mei Wien machst du mir net schlecht." Aber ich glaube, dass die Wiener viel zu inkonsequent sind, um jetzt wirklich so richtig zu hassen – oder entsprechend zu reagieren. Eine Dame hat sich unglaublich aufgeregt, weil ich die Wiener Würstelstände so hasse. Die hat ernsthaft gefragt, warum ich nicht wegziehe, wenn ich die Würstelstände nicht mag. Als ob das ein Grund wäre. Jedenfalls hat sie sich aufgeregt, aber irgendwie war es halt auch einfach freundlich und mit einem "Liebe Grüße" zum Schluss. Insofern muss man sich in Wien nicht allzuviele Sorgen machen. Man sollte allerdings auch mit Kritik umgehen lernen. Wir sind keine fünfjährigen Kinder mehr, die sofort auf die Barrikaden steigen. Menschen, die etwas kritisieren, müssen sich nicht schleichen. Das gehört doch einfach dazu. Ich glaube, dass die Wiener dennoch checken, dass bei meinem Buch viel Augenzwinkern dabei ist. Vielleicht auch, dass ein paar Punkte eben nicht ganz daneben sind.

Was stimmt mit den Würstelständen nicht?
Die Qualität ist unter aller Sau. Wenn du um 5 Uhr früh blunzenfett eine Käsekrainer isst, dann schmeckt die halt immer. Das hat aber vielleicht System. Nüchtern ist sie ungenießbar. Wir sind beim Streetfood generell weit hinten. Es gibt Würstelstände und dann gibt es Pizzaschnitten wie in den Neunzigern und es gibt die Asia-Nudeln. Die Nudelboxen sind noch das Neueste, was wir an Imbisskultur haben. In Berlin gibt es an jeder Ecke besseres Essen.

Gilt der Spruch: "Wenn die Welt untergeht, geh nach Wien, da passiert alles 10 Jahre später" heute noch immer?
Ich glaube schon. Natürlich sind die mentalen Grenzen durch die Globalisierung durchlässiger geworden. Aber man merkt es auch an anderen Sachen. Bei Grundverständnissen, zum Beispiel bei der Mode. Bei uns gilt immer noch: Hast du eine Jogginghose an, bist du ein Sandler. Jedenfalls hast du dich nicht ordentlich hergerichtet. Das ist ein ganz klassisches und fast schon reaktionäres Bild. Du kannst nicht in einen Gucci-Flagshipstore gehen, wenn du einfach einen blauen Pulli und eine Jogginghose trägst. In den USA hält man dich vielleicht trotzdem für einen Millionär. Und wenn nicht, dann wär das auch wurscht. Du wirst gut behandelt, so lange du dich nicht schlecht aufführst – und nicht nach deinem Aussehen.
Wir haben hier diese Türsteher-Mentalität: Man muss sehr aufpassen, wie man sich gibt.

Das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Ebenen?
Ja, die Polizei ist z.B. auch so ein Ding. Um wieder einen Vergleich mit den USA zu ziehen: Du hast dort junge Polizisten, die nicht so stark über Autorität arbeiten. Die müssen sich nicht krampfhaft von dir distanzieren. Vielleicht auch, weil sie dich, wenn es hart auf hart kommt, sowieso erschießen. Aber so lange es nicht dazu kommt, sind sie deine Buddies.
Bei uns hingegen ist es so, dass wenn du einen Polizisten nicht höflich genug mit Herr Inspektor anredest, dann wird er dir schon wegen irgendwas deppat kommen. Man zieht immer ein Autoritätsverhältnis ein, eine Hierarchie. Das haben wir sehr verinnerlicht. Untertanenmentalität nenne ich das.

Was würdest du dem durchschnittlichen Wiener raten wollen, um die Stadt deiner Meinung nach lebenswerter zu machen?
Erstens würde ich jedem empfehlen, rauszugehen. Einerseits auf das Land. Andererseits in eine echte Großstadt. Beides sollte man kennenlernen. Auch wenn es nur für eine Woche ist. Man sollte einmal beobachten, wie echte Großtstädte funktionieren. Man sollte sehen, wieviel entspannter es ist, wenn man sich nicht immer aus Prinzip über irgendwas beschwert. Man braucht dafür aber eine Distanz. Ich hab das Gefühl, der Urwiener ist nicht der reiseaffinste Mensch. Der geht nicht so gern hinaus. Nach Kaisermühlen, ja. Auch in die Lobau. Aber das reicht. Ein bisschen Perspektive mitzukriegen, wäre aber gut. Und natürlich diese Grant-Attitüde ablegen. Das wäre schon super.

Buchtipp:




"111 Gründe, Wien zu hassen" von Markus Lust ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen.
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Edith S. aus Wieden | 07.11.2016 | 17:18   Melden
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Alfred Kaipel aus Floridsdorf | 07.11.2016 | 22:24   Melden
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Renate Blatterer aus Favoriten | 12.11.2016 | 18:09   Melden
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Brigitte Sokop aus Hernals | 14.11.2016 | 17:07   Melden
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