Ernst Merkinger pilgerte zu Fuß nach Marrakesch
"Man darf das Leben nicht schwänzen"

Statt zu Fuß zu gehen, nimmt Ernst Merkinger in Wien lieber das Radl.
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Rotzbua. Pilger. Mensch. So beschreibt sich Autor Ernst Merkinger selbst. In seinem Buch "Mein Leben als Pilgerreise" erzählt er von seinem Weg zu Fuß nach Marrakesch und warum es wichtig ist, sein Leben immer wieder aus anderen Perspektiven zu sehen. 

WIEN. Ernst Merkinger ist ein Rotzbua. Der 28-Jährige wird nicht müde, das zu betonen. Sei es in seinem Buch, sei es im persönlichen Gespräch. Merkinger ist ein Rotzbua mit Charisma und einer ordentlichen Portion Abenteuerlust. Sicher auch ein Lebenskünstler und Lebemann, der sich so lange mit diversen Jobs über Wasser hielt, bis er schließlich mit beiden Beinen in der Arbeitslosigkeit fest steckte. 

Der Mostviertler und Wahl-Wiener war armutsgefährdet. Zumindest behauptet er das von sich selbst. Ins Jahr 2017 startete der heute 28-Jährige ohne Aussicht auf Arbeit und mit 4.000 Euro am Konto. Was er damals vorzuweisen hatte? Keinen ordentlichen Beruf und ein abgebrochenes Studium. "Ich hatte eigentlich eine düstere Perspektive", sagt Merkinger heute, während er im Café Drechsler am Naschmarkt seinen Kräutertee umrührt. Die Perspektive hat sich seitdem gewaltig verändert. Inzwischen ist der Rotzbua Autor eines Buches mit dem Titel "Mein Leben ist eine Pilgerreise: Zu Fuß nach Marrakesh".

Am Jakobsweg nach Marrakesch?

Ja, in seiner Geschichte geht es "zu Fuß nach Marrakesch". In die Stadt nach Nordafrika. Damals, in der kritischen Phase, liebäugelte der Wahl-Wiener mit einem Ausweg, an den nur wenige Arbeitslose denken würden: er will einen Weitwanderweg beschreiten. Genau genommen will er nicht irgendwo wandern, sondern den berühmten europäischen Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Spanien gehen – und zwar ab Wien. Und von dort weiter nach Marokko. Der Wahrheit zuliebe ist hier anzumerken, dass Merkinger zwar von Wien bis Santiago und über Muxia bis nach Finisterre, dem "Ende der Welt" marschierte. Nach Marokko, oder genauer Casablanca, ging es allerdings im Flieger. Für die rund 300 Kilometer von Casablanca nach Marrakesch mussten wieder die Füße herhalten. "Ich bin eben ein Rotzbua", sagt der Ernst und lacht. 

"Ich wollte etwas Sinnvolles machen"

Das Ende der Reise plant er am Fuße des Atlas-Gebirges. Im Anima-Garten des Schauspielers André Heller um genau zu sein. Der Rotzbua ist begeistert vom Heller. "Der Magier Heller sagt, dass die Abenteuer im Kopf beginnen", schreibt Merkinger in seinem Buch. Das Abenteuer hatte schon längst begonnen. Er will pilgern – und danach schauen, was passiert. "Ich wollte etwas Sinnvolles machen und das hat damals für mich einfach sehr viel Sinn ergeben", sagt der Ernst mit den zerzausten Haaren und diesen markanten strahlend grünen Augen. Wenn er über seine Reise spricht, beginnen sie unweigerlich zu funkeln. 

"Am 9. Juni 2017 aß ich noch eine Kleinigkeit mit meinen Freunden am Yppenplatz, schlief dank einem Bierchen wie ein Baby, und dann war er gekommen. Er, der Tag,  der mein Leben maßgeblich veränderte." (Mein Leben ist eine Pilgerreise, Seite 53)

Am 10. Juni 2017 schnürt der Neo-Pilger in Wien seine Wanderschuhe und macht sich auf den Weg Richtung Osten. Viereinhalb Monate und 3.476 Kilometer sollen es werden. Zu Fuß! Ernst Merkinger marschiert durch Österreich, die Schweiz und Frankreich. Am Fuße der Pyrenäen hat das erste Paar Wanderschuhe ausgedient. Ernst lässt sich von daheim Neue schicken. Über das französisch-spanische Grenzgebirge geht es zuerst nach Pamplona und von dort entlang des "Camino Francés", dem klassischen Jakobsweg, über 800 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. 

Beseelt werden am Camino Francés

"Die Landschaft am Camino Francés ist nicht so schön wie beispielsweise am Alpe-Adria-Trail", urteilt Merkinger. Doch um Szenerie und den Ausblick geht es dem Pilger gar nicht. Der Ernst will Menschen kennenlernen, er will ihre Geschichten erfahren, er will sich inspirieren lassen. "Inspiratio heißt ja beseelen. Das Wort trifft es einfach auf den Punkt", sagt er. Die Geschichten und die positiven Begegnungen liegen buchstäblich am Weg. Einige Tage ist er mit einem Mann unterwegs, der sich schon vier Mal umbringen wollte und jetzt am Jakobsweg sukzessive die Lebensfreude wieder erlangt. In Frankreich geht er ein Stück gemeinsam mit dem 72-jährigen Georg aus Nürnberg, einem ehemaligen Lastwagenfahrer, den das Fernweh wieder gepackt hat.

"Der Zufall will es, dass ich den lieben Georg aus Nürnberg treffe. Der alte Knacker lässt sich einfach nicht abschütteln. Georg ist ein, wie wir im Mostviertel zu sagen pflegen, Most-/Sturschädel, der sein Herz auf der Zunge trägt." (Mein Leben als Pilgerreise, Seite 147) 

Für Merkinger sind die vielen verschiedenen Begegnungen, die menschlichen Momente, nicht nur Zufall, sondern auch die Ernte seiner Offenheit. "Ich war stets bemüht, inspiriernde Leute kennen zu lernen", sagt er. Es sind genau jene Geschichten, die auf diesem Weg erzählt werden, die die eigenen Probleme in eine andere Perspektive rücken – ja meist relativieren. Und das sei überhaupt die wichtigste Erkenntnis. "Der Jakobsweg bringt dir ständig Geschichten, nach denen man viel demütiger mit dem eigenen Leben umgeht", ist Merkinger überzeugt. 

Der Rotzbua will wieder pilgern. Aber vorerst wird er "nur" wandern. Acht Weitwanderwege sind heuer geplant – teilweise als Kooperationen und Projekte. Der Lebenskünstler hat vielleicht seine Bestimmung gefunden. Vielleicht. 

Buchtipp: "Mein Leben als Pilgerreise"

Das Buch "Mein Leben als Pilgerreise – zu Fuß nach Marrakesch" ist im Ennsthaler Verlag erschienen und kann auf Ernst Merkingers Homepage oder hier bei Thalia erworben werden. 

Statt zu Fuß zu gehen, nimmt Ernst Merkinger in Wien lieber das Radl.
Autor:

Andreas Edler aus Wieden

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