UNESCO tagt und droht Wien mit der Roten Liste

1852 war die Welt noch in Ordnung: Blick auf Glacis und Stephansdom. Diese und andere Stadtansichten kann man übrigens noch bis 17. September im Wien Museum am Karlsplatz besichtigen.
  • 1852 war die Welt noch in Ordnung: Blick auf Glacis und Stephansdom. Diese und andere Stadtansichten kann man übrigens noch bis 17. September im Wien Museum am Karlsplatz besichtigen.
  • Foto: Wien Museum
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WIEN. Er wird oft bemüht, der Welterbe-Status der Wiener Innenstadt - von Denkmalschützern, Politikern und Touristikern. Vor allem in der Diskussion um den Hochhaus-Bau am Wiener Heumarkt ist er ein Lieblingsargument der Projektgegner. Seit Montag tagt das UNESCO-Welterbekomitee in Krakau und bespricht dabei auch den Fall Wien. Es könnte sein, dass die Stadt dabei auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt wird. Doch worum geht es dabei genau? Einige Fragen und Antworten zum Thema Welterbe.

Was hat die UNESCO denn eigentlich für ein Problem mit dem geplanten Hochhaus am Heumarkt?

Es ist ihr zu hoch - obwohl die Höhe des Wohnturms nach Revision der Pläne von 73 auf 66,3 Meter reduziert wurde. Auch die Kubatur des Projekts ist der UNESCO zu groß angesetzt. Es geht darum, ob sich die Neubauten harmonisch in das Ringstraßen-Ensemble einfügen würden. Laut den Berichten von ICOMOS, jener Organisation, die die Denkmal-Expertise für die UNESCO beisteuert, sei das nicht der Fall. Trotz der Reduktion würden die geplanten Gebäude nach wie vor einen äußerst negativen optischen Eindruck für die nähere Umgebung ergeben, heißt es. Außerdem wäre die Aussicht von wichtigen Aussichtspunkten wie vom Belvedere beeinträchtigt. Das von der Stadt vorgebrachte Argument, dass es bei Wien Mitte auch ein neues, hohes Gebäude gibt, lässt die UNESCO nicht gelten.

Es mischen sich aber noch andere Themen in die Kritik: Es gebe keinen umfassenden Stadtentwicklungsplan und keine endgültige Absicherung, dass keine weiteren Hochhäuser gebaut werden. Auch hier hat die Stadt eigentlich eingelenkt und vor wenigen Wochen im Gemeinderat eine Resolution beschlossen, dass am Glacis keine weiteren Hochhäuser gebaut werden sollen. Der UNESCO ist das aber offenbar zu wenig. Auch die Pläne für das Winterthur-Gebäude am Karlsplatz werden in der Stellungnahme als mögliche Beeinträchtigung für das Welterbe erwähnt.

Landet Wien wirklich auf der Roten Liste der gefährdeten Welterbe-Stätten?

Das kann durchaus sein. Im Vorfeld ihrer Tagung in Krakau hat die UNESCO die Berichte und Empfehlungen veröffentlicht, über die abgestimmt werden wird. Beim Thema Wiener Innenstadt - und, wohlgemerkt, bei keiner anderen der behandelten Stätten - ist die Empfehlung eindeutig: Die Stadt soll auf die Rote Liste gesetzt werden. Eine Empfehlung ist aber noch kein Abstimmungsergebnis, die endgültige Entscheidung steht also noch aus. Sie wird vermutlich am Mittwoch oder Donnerstag erfolgen.

Was bedeutet die Rote Liste?

Wie bei den Welterbestätten im Allgemeinen geht es dabei vor allem um Symbolik. Die Staaten beantragen den Welterbestatus für ihre Kultur- oder Naturstätten ja selbst. Sie sind auch selbst für deren Schutz verantwortlich und müssen mit ihrer nationalen Gesetzgebung dafür sorgen, dass die Stätten bewahrt werden. Man geht also davon aus, dass alle auf einer Seite sind: Die Staaten, die den Welterbestatus verlangen, weil er ein Gütesiegel ist und eine externe Bewertung der Einzigartigkeit einer Stätte, was auch für den Tourismus nicht schadet. Und die UNESCO, die als externe Kontrolle die Entwicklungen dokumentiert und bewertet, aber keine Sanktionsmacht hat. Wenn die Staaten die Richtlinien zum Schutz aber missachten oder anders interpretieren als die UNESCO, dann kommen die Stätten auf die Rote Liste - als Warnung, Handlungsaufforderung und als Vorstufe zur Aberkennung. Häufig beantragen die Staaten aber selbst eine Aufnahme auf die Rote Liste - weil ihre Denkmäler durch Umwelteinflüsse beschädigt werden und sie beim Erhalt Hilfe brauchen. Öfter als eine Aberkennung passiert es übrigens, dass Stätten wieder von der Roten Liste gestrichen werden und wieder "normales" Welterbe sind.

Es ist also alles nicht so schlimm und wir sind auf der Roten Liste in guter Gesellschaft?

Naja, so ist es auch wieder nicht. Von den 1052 Stätten auf der Welterbeliste befinden sich 55 in Gefahr. Aber die meisten gefährdeten Stätten befinden sich in Afrika, Asien und Mittelamerika und werden von Umwelteinflüssen, fehlendem Geld für den Erhalt und kriegerischen Auseinandersetzungen bedroht. Dass der Welterbe-Status in einer funktionierenden Demokratie durch ein Bauvorhaben aufs Spiel gesetzt wird, ist eindeutig eine Ausnahme. Einen ähnlichen Fall wie in Wien gab es bereits in Köln: Hochhausprojekte gegenüber dem Dom sorgten dafür, dass die Stadt auf die Rote Liste gestzt wurde. Nachdem dann aber nur ein Hochhaus aus dem geplanten Ensemble auch wirklich realisiert wurde, hat die UNESCO Köln wieder von der Roten Liste genommen. Aktuell auf der Liste sind die Docks von Liverpool, weil hier ein Neubauprojekt geplant ist, das laut UNESCO den Charakter des historischen Hafens zerstören würde.

Aber passieren wird uns nichts?

Nein, das nicht. Es gibt keine Sanktionen, auch nicht wenn das Welterbe wieder aberkannt wird. Die UNESCO beschreibt die Liste nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, den betreffenden Staat zum Handeln und die Staatengemeinschaft zur Unterstützung zu bewegen. Dass man sich 2001 um die Aufnahme der Innenstadt in die Liste der Welterbe-Stätten bemüht hat, nur um eineinhalb Jahrzehnte später keinen Kompromiss mit der UNESCO zu finden, macht aber natürlich kein besonders gutes Bild.

Angenommen, der Wiener Innenstadt wird wirklich der Welterbe-Status aberkannt. Was bedeutet das für den Tourismus?

Natürlich brüstet sich Wien auf der offiziellen Tourismus-Seite der Stadt mit dem Welterbestatus. Das historische Zentrum ist ein herausragendes Denkmal, wie auch die Pyramiden von Gizeh, die Altstadt von Rom, der Taj Mahal und mehr, heißt es dort. Für wie viele Besucherinnen und Besucher das aber wirklich eine Rolle spielt, lässt sich nicht genau sagen.

Ein Argument dafür, dass die Aberkennung keine schlimmen wirtschaftlichen Folgen hätte, ist Dresden. Das Dresdner Elbtal war als herausragende Kulturlandschaft 2004 in die Liste des Welterbes aufgenommen worden, 2009 wurde der Titel wegen des Baus einer Autobrücke über die Elbe schon wieder aberkannt. Die Nächtigungszahlen, die auch seit diesem Jahr fast durchgängig gestiegen sind, legen nahe, dass die Aberkennung dem Tourismus in der Stadt nicht geschadet hat. Dresden ist übrigens nur eine von zwei endgültig aus der Liste gestrichenen Stätten.

Korrektur am 5. Juli: Die Höhe des ursprünglich geplanten Turmes wurde von 77 auf 73 Meter korrigiert.

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