Stadtschulrats-Chef: "Ich will eine Schule ohne Hausübungen"

Jürgen Czernohorszky soll für die SPÖ im Wiener Stadtschulrat für neuen Wind sorgen.
  • Jürgen Czernohorszky soll für die SPÖ im Wiener Stadtschulrat für neuen Wind sorgen.
  • Foto: Bohmann
  • hochgeladen von Christoph Schwarz

In Schulfragen fühlt sich – wie im Sport – ja bekanntlich jeder ein bisschen als Experte. Kann man es als Präsident des Stadtschulrats überhaupt jemandem recht machen?
Es allen recht zu machen, ist nicht mein Ziel. Mein Ziel ist ein anderes: Ich bin für rund 22.800 Lehrer und 200.000 Schüler verantwortlich. Diesen Menschen will ich das Gefühl vermitteln, dass ich sehe, was derzeit schon an großartigen Dingen an ­Wiens Schulen geleistet wird.

Passiert das zu wenig?
Es kann nie genug Wertschätzung geben. Aber ja, unsere Lehrer erfüllen einen der wichtigsten, zentralsten Jobs in unserer Gesellschaft. Da braucht es eine Bildungsverwaltung, die das wertschätzt. Da ist sicher noch viel zu tun.

Wo sehen Sie denn Großartiges an Wiens Schulen? Fällt Ihnen da spontan ein Beispiel ein?
Wiens Schulen sind voll von vielfältigen Stärken. Da gibt es die sogenannten ganz normalen Lehrer, die in einer ganz normalen Regelschule unterrichten – und denen es mit ihrem Unterricht gelingt, dass die Kinder dort gerne hingehen. Das ist eine Leistung. Es gibt aber auch Schulen, die einfach alles anders machen: die die Stundentafeln aufgelöst haben. Die die Schulautonomie nützen, um eigene Schulfächer zu entwickeln. Die ein Vorlesungsverzeichnis wie auf der Uni anbieten. Oder denken Sie an die vielen Projekte, die es gibt. In der Berufsschule in der Längenfeldgasse wird etwa Honig auf dem Schuldach produziert.

Jetzt aber zu den Problemen des Schulsystems: Was wollen Sie anpacken? Woran dürfen wir Sie in ein paar Jahren messen?
Eine große Herausforderung ist die Frage, wie wir es schaffen, allen Kindern gute Chancen zu eröffnen. Und zwar auch jenen, die aufgrund ihres Elternhauses oder aufgrund ihrer Vorerfahrungen weniger gute Voraussetzungen mitbringen. Das ist derzeit nicht der Fall.

An dieser Stelle kommt von Ihrer Partei, der SPÖ, jetzt üblicherweise die Forderung nach der Gesamtschule.
Ja, die gemeinsame Schule ist wichtig. Aber es gibt noch andere Räder, an denen man drehen kann. So ist etwa eine Schule, die die Kinder mit einem riesengroßen Rucksack an Hausaufgaben in den Nachmittag entlässt, eine unlösbare Herausforderung für viele Eltern. Es gibt Eltern, die selbst keine mathematischen Beispiele lösen können oder dafür keine Zeit haben, weil sie arbeiten müssen. Das alles führt zu Ungleichheiten. Meine Antwort darauf: der Ausbau der Ganztagsschule. Eine Schule ohne Schultasche und Hausübung ist eine fairere Schule.

Was können Sie im Stadtschulrat in dieser Sache tun?
Es stimmt, grundsätzlich liegt das Thema in der Verantwortung der Bildungsstadträtin. Aber ich kann dazu beitragen, dass ganztägige Schulformen in Wien gut funktionieren. Und ich kann dazu beitragen, dass der Druck in ganz Österreich aufrecht bleibt, in dieser Sache mehr zu tun.

Glauben Sie, ist es schon gelungen, alle Lehrer für den ganztägigen Unterricht zu begeistern?
Es werden nie alle Lehrer von der Schule der Zukunft begeistert sein. Ebenso wenig wie alle Schüler und alle Eltern. Aber das Ergebnis der Wiener Volksbefragung zum Thema der ganztägigen Schulformen zeigt, dass es sich definitiv nicht um ein Minderheitenthema handelt. Es gibt viele Menschen in unserer Stadt, die bemerkt haben, dass sie diese Angebote benötigen. Der starke Ausbau war also richtig. Und er muss weitergehen.

Ewiges Thema in der Schulreform sind auch die Übergänge zwischen einzelnen Schulformen …
Bis heute sind viele Übergänge weniger Übergänge, sondern eher Hürden oder – anders formuliert – Siebe. An den Übergängen zwischen den Schulformen ist es immer noch so, dass von manchen Schülergruppen weniger übrig bleiben als von anderen. Und da sind wir wieder beim Thema: Vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten sind betroffen.

Was muss hier passieren?

Die einzelnen Schultypen müssen noch besser miteinander „reden“. Also: Die Volksschule muss noch besser darauf aufbauen, was in den Kindergärten gelernt wurde. Da ist etwa der Ansatz, sogenannte individuelle Portfolios zu jedem Kind zu erstellen, die das Kind vom Kindergarten in die Schule mitnimmt, genau richtig. Zusätzlich sind wir gefordert, die Lehrer dabei zu unterstützen, diese Übergänge für die Schüler angstfrei zu gestalten. Kinder und Jugendliche sollen zeigen können, was sie draufhaben – und nicht Angst haben.

Warum ist es dennoch so, dass vielen Kindern die anfängliche Freude an der Schule rasch vergeht? Oder müssen Schule und Lernen vielleicht gar nicht immer Freude bereiten?
Ja, Lernen bedeutet auch immer, sich etwas zu erarbeiten. Und wir Erwachsene wissen, dass das manchmal mühsam ist. Das wird sich auch nicht ändern. Aber dennoch gilt für mich folgende Prämisse: Die Schule muss ein Ort sein, an dem Menschen – Schüler wie Lehrer – gerne miteinander lernen, und zwar von der Volksschule bis zur Oberstufe. Dafür brauchen wir eine Pädagogik, der es gelingt, alle Kinder zu begeistern.

Lehrer sollen Inhalte vermitteln, begeistern, Integration ermöglichen, mit sozialen und psychischen Problemen umgehen können. Verlangen wir da nicht ein bisschen viel von einer einzelnen Person?
Der Ausbau des Unterstützungspersonals ist wichtig. Ich halte es für gut, dass die Stadtregierung vor hat, hier 100 zusätzliche Stellen zu finanzieren. Aber noch eine grundsätzliche Anmerkung: Es geht nicht darum, dass Lehrer Supermenschen sein müssen, die einfach die Gehirne anderer befüllen. Im Zentrum von Schule und Lernen steht eine Beziehung zwischen Menschen. Und an dieser müssen die Lehrer arbeiten. Dafür brauchen wir die am bes­ten Geeigneten. Die will ich.

Und was machen Sie mit den Schlechten?
Das Ganze ist natürlich nicht nur ein Wohlfühlthema. Wir als Stadtschulrat sind Schulaufsicht und kümmern uns darum, dass alles gut und gesetzmäßig läuft in den Klassen. Mir geht es in den nächsten Jahren aber vor allem darum, Lehrer zu motivieren. Das funktioniert am besten, wenn wir positive Beispiele aufzeigen, die andere dazu bringen, nachzuziehen.

2

Wohin in Wien?
Täglich neue Freizeit-Tipps für Wien mit unserer INSPI-App

Wie kann man aus dem Hamsterrad ausbrechen, wenn bereits alle Ideen ausgeschöpft wurden? Wenn du Abwechslung suchst, dann lass dich täglich aufs neue INSPIrieren, denn Wien hat wirklich viel zu bieten. Was machen in Wien?Wer suchet der findet, so lautet ein altbekannter Spruch. Wir machen es euch noch einfacher! Bei INSPI musst du nicht suchen, sondern bekommst täglich frische, unverbrauchte Ideen auf dein Handy. Inspi ist die App, mit der du von Hand ausgewählte Vorschläge von zufälligen...

4 2

Gewinnspiel Wien Urlaub
1 Nacht für 2 Personen im Hilton Vienna Park plus WienPackage gewinnen!

Bei uns bekommst du wertvolle und interessante Nachrichten aus deiner näheren Umgebung, bist immer top über Veranstaltungen im Bezirk informiert und findest attraktive Gewinnspiele. Sei auch du näher dran und sichere dir die wichtigsten Infos aus deiner Region mit dem meinbezirk.at-Newsletter. Lerne Wien als WienerIn neu kennen!Wer schon immer einmal Wien durch die Augen eines Touristen erleben wollte, der bekommt mit unserem Gewinnspiel dazu die Möglichkeit. Abseits von Berufs- und...

4 Kommentare

?

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?

Werde Regionaut!

Jetzt registrieren

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Du möchtest selbst beitragen?

Melde dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Foto des Tages einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen