Brandkatastrophe vom 
18. Sept. 1918 in der k. u. k. Munitionsfabrik Wöllersdorf

Ein Denkmal erinnert an die Katastrophe.
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  • Ein Denkmal erinnert an die Katastrophe.
  • Foto: KV Winzendorf
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Winzendorf/Wöllersdorf. Am Freitag den 28. Sept. 2018 um 15 Uhr wird unter Anwesenheit namhafter Persönlichkeiten am Friedhof Winzendorf aus Anlass des 100. Jahrestages des verheerenden Brandes eine Gedenkfeier abgehalten und dabei von Frau Bürgermeister Ernestine Sochurek vor dem historischen Grabstein der Opfer eine Gedenkstätte enthüllt. 423 Menschen fielen dem Brand in der k. u. k. Munitionsfabrik Wöllersdorf am 18. September 1918 zum Opfer, darunter 14 junge Winzendorferinnen. Der Brand im Objekt 143 der k. u. k. Munitionsfabrik Wöllersdorf war die größte zivile Katastrophe, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der österreichisch-ungarischen Monarchie ereignete

Bei der Gedenkfeier sprechen u.a. Frau Dr. Gertrude Langer-Ostrawsky vom NÖ-Landesarchiv und der Initiator des Gedenkens, Ing. Gerhard Kofler aus Winzendorf. Dabei werden die Auswirkungen des 1. Weltkrieges auf die Landbevölkerung, vor allem auf die Frauen und auf die Familien in Winzendorf dargestellt. Die Feier wird von Musik umrahmt. Der Kulturverein Winzendorf lädt alle Interessierten zu dieser Gedenkfeier ein. Informationen auf den Websites www.winzendorf.at und www.oesterreich100.at

Durch die Wirrnisse in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und die Nachwirkungen der beiden Weltkriege wurde die Wöllersdorfer Brandkatastrophe nie genau untersucht, ist bei vielen Bewohnern des Steinfeldes in Vergessenheit geraten und wurde, wie andere unangenehme Erinnerungen, verdrängt. Das unvorstellbarer Ausmaß dieses Fabrikbrandes, das dadurch in den betroffenen Familien ausgelöste Leid und nicht zuletzt die Opfer selbst, erfordern ein Gedenken. Am 28. September 2018 wird vor dem historischen Grabstein eine neue Gedenkstätte ihrer Bestimmung übergeben. Diese soll einerseits an die Opfer erinnern und andererseits eine Mahnung für die Nachwelt dar stellen, als stille Aufforderung an alle, sich für die Sicherung und den Erhalt des Friedens einzusetzen.

Die Brandkatastrophe

Warum die Gittertore der Fabrikshalle verschlossen waren erklärte die Augenzeugin Eugenie Lichtenwörther aus Wöllersdorf so: „Ich war als neuzehnjähriges Mädchen in einer Halle neben dem Objekt 143 beschäftigt. In dieser Halle wurde an Artilleriemunition gearbeitet. Die Frauen wogen das Schießpulver in Leinensäcke und nähten diese zu. Dann wurden die Säckchen mit Zündhütchen in die Geschosse gesteckt. Der Sommer war auf dem Steinfeld, wo die Munitionsfabrik stand, immer heiß und trocken. Durch das Glas der Dachfenster in Objekt 143 heizte sich die Luft in der Halle unerträglich auf. Die Fenster waren nicht zu öffnen. Um Frischluft und etwas Abkühlung zu bekommen, musste man daher die Tore öffnen. Um rechtzeitig bei der Ausgabe des Mittagessens zu sein, verließen Arbeiterinnen bereits etwas vor 12 Uhr mittags die Halle durch eines der seitlichen Tore. Daher schloss das militärische Aufsichtspersonal immer deutlich vor der Mittagspause diese Tore und ließ nur ein einziges Eingangstor offen, wo sie das Kommen und Gehen gut kontrollieren konnten. Um der unerträglichen Hitze zu begegnen, kamen die für die Kontrolle des Objektes 143 verantwortlichen Militärs auf die Idee, die Ausgänge mit Gittertoren zu versperren. Beim Ausbruch des Brandes um etwa 11:30 Uhr war daher für die Beschäftigten jeder Fluchtweg versperrt. An den Gittertoren häuften sich die Leichen. Als man die Tore mit Mühe aufbrachte, stürzten Überlebende vor Schmerzen brüllend ins Freie. Die meisten brachen hier sofort zusammen.“

Die k. u. k. Munitionsfabrik Wöllersdorf war der größte Industriebetrieb der Österreich-Ungarischen Monarchie und zählte 1916 über 40.000 Beschäftigte, davon der Großteil Frauen. Am Gelände gab es fast 1000 Bauten (Objekte).

Der Dechant von Wöllersdorf, Karl Minichthaler, schrieb in die Pfarrchronik: „Ich bin am 18. September 1918 um 1 Uhr nachmittags zur Aushilfe des Feldkuraten in das Fabrikspital gefahren und habe den wenigen, welche bei Besinnung waren, die Beichte abgenommen und den Bewusstlosen die Absolution gespendet. Es war ein jammervoller Anblick. Ganz nackt brachte man die Armen in den Krankensaal – denn die furchtbare Stichflamme der pulverigen Nitrozellulose hatte sämtliche Bekleidung im Nu verzehrt. Am ganzen Körper verbrannt lagen die Verwundeten und Sterbenden röchelnd auf ihren Schmerzenslagern, bis die Ärzte und Pflegerinnen alle der Reihe nach verbanden. Viele verstarben ihnen unter den Händen.

Besonders grauenvoll war der Anblick der Bergung der Toten. Beim Eingang zur Totenkammer fuhr ein Automobil nach dem anderen vor, welche die Todesopfer von der Unglücksstelle brachten. In jedem Wagen waren ungefähr zehn Leichname übereinander gelagert, wie geschlachtete Kälber auf einem Fleischerwagen. Der Wagen wurde geöffnet: Mit raschem Griff erfassten zwei starke Arme eine Tote nach der anderen, zogen sie auf die bereitstehende Bahre und schon trugen zwei Soldaten die Leiche in den Saal und legten sie auf die Erde in die fast unabsehbare Reihe der dort liegenden Opfer. Rasch arbeiteten die Leute, denn Wagen folgte auf Wagen. Sie hatten Eile, um die Toten alle noch vor Einbruch der Nacht zur bergen. Wie versteinert grinsten uns die entstellten, indianerbraun gefärbten Gesichter der Toten entgegen. Steif ragten ihre Glieder in die Luft. Splitternackt, denn alles an ihnen war versengt, bis auf die Schuhe, welche die meisten noch anhatten. So lagen die meist jungen toten Frauen auf dem Boden.“

Die Arbeiter-Zeitung schrieb am 22.9.1918: „Die Katastrophe hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Ringtheaterbrand. Im Theater waren die Türen geschlossen, in Wöllersdorf wurden sie zu spät geöffnet und durch die Stichflammen und Leichen verlegt und unbenutzbar gemacht.“ Der Ringtheaterbrand in Wien am 8. Dezember 1881 war mit offiziell 384 Toten eine der größten Brandkatastrophen.
Die 14 Winzendorfer Opfer:

Apollonia Brunflicker, 24 Jahre, Haus Nr. 6
Marie Handlhofer, 34 Jahre, Haus Nr. 69
Franziska Hochhauser, 14 Jahre, Haus 93
Josefa Rosa Hofer, 19 Jahre, Haus Nr.57
Maria Anna Kollmann, 18 Jahre, Haus 45
Leopoldine Mayer, 18 Jahre, Haus Nr. 60
Theresia Ruttmann, 19 Jahre, Haus Nr. 61
Barbara Seiser, geb. Augustin, 23 J., Nr. 62
Theresia Wiedhofer, 20 Jahre, Haus Nr. 77
Agnes Wiedhofer, 24 Jahre, Haus Nr. 77
Leopoldine Antonia Woltran, 14 J., Nr. 116
Maria Woltran, 16 Jahre, Haus Nr. 96
Barbara Zehrer, 19 Jahre, Haus Nr. 17
Marie Korner, 26 Jahre, zuletzt wohnhaft in 
 Wiener Neustadt

Ein Denkmal erinnert an die Katastrophe.
In der Munitionsfabrik Wöllersdorf waren 1916 etwa 40.000 Menschen beschäftigt.

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