Perchtoldsdorfer wegen Doppelmordes vor Gericht

Der wegen Doppelmordes angeklagte Gerald B. mit seiner Verteidigerin Astrid Wagner.
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  • Der wegen Doppelmordes angeklagte Gerald B. mit seiner Verteidigerin Astrid Wagner.
  • hochgeladen von Peter Zezula

Kein "Allerwelts-Mordfall": Da tötet ein 47-jähriger Mann zuerst seine Mutter (75) mit mindestens acht Schlägen mit dem Baseballschläger, dann wendet er sich dem Vater (85) zu und schlägt auf diesen mindestens 17 Mal mit dem Baseballschläger ein, sodass sogar dessen Gehirnmasse ausgetreten ist - und dann hat fast jeder im voll besetzten Gerichtsaal Mitleid mit ihm.
Prozess am Landesgericht Wiener Neustadt. Der ehemalige ÖBB-Bedienstete Gerald B. hat dieses furchtbare Gewaltverbrechen begangen. Dafür gibt es keine Entschuldigung und er bekannte sich auch voll schuldig. Nur: Wie es dazu kam, dass lässt doch den Schluss zu, dass dieser Mensch mehrmals um Hilfe gerufen hat und er einfach nicht gehört wurde.
Denn so ein Typ ist er. Unscheinbar, ein braver Beamter, beinahe unsichtbar. Er, der als einziger Hörender in einer Taubstummenfamiilie aufgewachsen ist, sich seit jeher um die Belange seiner Eltern kümmerte bzw. kümmern musste. Irgendwann sind die beiden - ebenfalls hörbehinderten Schwestern ausgezogen, da blieb er allein mit den Eltern, wohnte mit ihnen im Haus.
Ein paar Schlaganfälle und schon war der Vater schwer pflegebedürftig, die Mutter tat alles, was ihr Mann verlangte, oder glaubte, verlangen zu müssen. Gerald B. lebte außer Haus unscheinbar, zuhause am Limit. Der Vater wurde immer kranker, verweigerte Heimhilfe. Und zum Jahreswechsel 2016/17 dann die nächste Tragödie: Seine Mutter stolperte über die Treppe, zog sich schwere Schädelverletzungen und Prellungen am ganzen Körper zu.

Was tat man für sie im Krankenhaus? Man verarztete und verband die Frau und schickte sie mit dem Sohn heim. Zumindest für den Rest der Silvesternacht hoffte der Sohn, dass man die Mutter im Spital aufnehmen würde. Jetzt begann sich die Todesspirale zu drehen: Der Angeklagte hatte beide zu pflegen. Übergab sich der Vater in dem einen Bett, wimmerte die Mutter im anderen vor Schmerzen. Zur Ruhe kommen war so unmöglich, an Schlaf gar nicht erst zu denken. Und dazwischen immer wieder Telefonate mit Rettung, Ärztenotdienst, Hilfswerk und Ärzten - leider Feiertage, leider kein Bett frei, leider kein Zimmer frei, leider, leider, leider.

Leider holte Gerald B. am 3. Jänner seinen Baseballschläger und ...

Gleich nach der Tat rief er selbst die Polizei an: "Jetzt hab' ich sie endlich erschlagen. Ich kann nicht mehr."

Die Vorsitzende des Geschworenenprozesses Richterin Birgit Borns befragte den Angeklagten behutsam, näherte sich vorsichtig dem Tathergang und ließ am Nachmittag Zeugen sprechen. Nächste Woche werden die Sachverständigen zu Wort kommen.
Der Angeklagte befindet sich in einer psychiatrischen Anstalt, hatte kurz nach der Tat einen Selbsmordversuch unternommen. Am Friedhof und am Grab seiner Eltern war er bereits: "Da denk ich mir, sie liegen da und haben ihren Frieden."

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