17.01.2018, 00:01 Uhr

Kein Mehl dafür Streik

Mit dem von Wiener Neustadt ausgehenden Jännerstreik beschleunigten die Arbeiter das Ende des 1. Weltkriefes

WIENER NEUSTADT. Schon seit dem Hungerwinter 1916/1917 kam es in Wien aufgrund der Nahrungsmittelknappheit zu Streiks. Im Winter 1917/18 spitzte sich die Lage zu. Als schließlich die Mehlrationen um die Hälfte gekürzt wurden fand die soziale Unzufriedenheit und Kriegsmüdigkeit ihren Höhepunkt in dem am 14. Jänner 1918 in den Wiener Neustädter Daimler-Motorenwerken ausgebrochenem Streik. Schon am Morgen versammelten sich die Arbeiterinnen und Arbeiter im Fabrikshof zu einer von den Vertrauensmännern einberufenen Betriebsversammlung. Einstimmig beschlossen sie den Streik und eine Demonstration am Hauptplatz. Die in den umliegenden Fabriken (Lokomotiv- und Maschinenfabrik, die Flugzeugwerke, die Radiatorenfabrik und die Munitionsfabrik Roth) Arbeitenden schlossen sich sofort an.
Im nahen Wöllersdorf ähnliche Bilder in der dortigen Munitionsfabrik. Einige Tausend Arbeiter (hauptsächlich Frauen) machten sich dort zu Fuß auf den Weg nach Wiener Neustadt.
Die Behörden setzten in Wiener Neustadt nun auf Gewalt. Soldaten räumten mit aufgesteckten Bajonetten den Hauptplatz. Vom Rathaus, dessen Fenster mit Steinen eingeschossen wurden, zog die Menge zum Arbeiterheim, wo aus jeder betrieblichen Streikleitung ein Vertreter gewählt wurde - die ersten Arbeiterräte auf österreichischem Boden.
Schon am nächsten Tag dehnte sich die Streikbewegung aus und nahm die Form eines politischen Massenstreiks für einen raschen Friedensschluss an. Am Höhepunkt des Streiks befanden sich fast 1 Million Menschen im Ausstand. Auch in Lichtenwörth, Eggendorf, Hirtenberg, Enzesfeld, Leobersdorf, Sollenau, Felixdorf, Hirschwang, Pitten, Gumpoldskirchen, Brunn am Gebirge, Schwechat, überall schlossen sich die Arbeiter dem Streik an. In Wiener Neustadt reagierten die Behörden auf den Streik mit der Verhängung von Alkoholverbot, Kaffee- und Gasthäuser mussten frühzeitig zusperren.
Obwohl der Jännerstreik das Ende des Krieges beschleunigte, unterzeichneten die Entente-Mächte und Deutschland im französischen Compiegne einen Waffenstillstand erst am 11. November 1918 und beendeten damit den Ersten Weltkrieg.
Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete für Österreich auch die Gründung der Ersten Republik.
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