Skandal um Rinderschiff vor der Türkei
Recherchen führen zu möglicher Österreich-Verbindung
- Das unter togolesischer Flagge fahrende Frachtschiff „Spiridon II“, ein mehr als 50 Jahre alter Transporter, war mit knapp 3.000 Rindern aus Uruguay unterwegs in die Türkei.
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TÜRKEI/ÖSTERREICH/ZWETTL. 14. November 2025, Türkei: Ein seit Wochen vor der türkischen Küste festsitzendes Frachtschiff mit tausenden Rindern sorgt international für Kritik an den Praktiken des globalen Lebendtierhandels. Der Fall der „Spiridon II“ gilt mittlerweile als Symbol für strukturelle Probleme im internationalen Tiertransport. Recherchen der Investigativplattform The Marker legen nahe, dass auch ein Unternehmen mit Sitz in Österreich in den Export involviert gewesen sein könnte.
Schiff mit fast 3.000 Rindern gestoppt
Das unter togolesischer Flagge fahrende Frachtschiff „Spiridon II“, ein mehr als 50 Jahre alter Transporter, war mit knapp 3.000 Rindern aus Uruguay unterwegs in die Türkei. Am 22. Oktober 2025 wurde das Schiff im Hafen von Bandırma gestoppt, nachdem türkische Behörden bei rund 500 Tieren erhebliche Dokumentationsmängel festgestellt hatten. Mehr als 100 Rinder trugen keine Ohrmarken, bei vielen anderen stimmten die Kennzeichnungen nicht mit den Begleitpapieren überein.
Die türkischen Behörden verweigerten daraufhin die Einfuhr der Tiere. Seitdem liegt das Schiff fest, während die Rinder weiterhin an Bord bleiben mussten. Ein Zwischenstopp zum Nachladen von Futter wurde erst am 8. November genehmigt.
Nach Angaben aus Gerichtsakten sind inzwischen mindestens 58 Tiere verendet. Zusätzlich kam es bei 140 trächtigen Kühen zu Fehlgeburten. Zwar wurden etwa 50 neugeborene Kälber lebend gefunden, weitere rund 90 geborene Tiere gelten laut Kapitän jedoch als vermisst.
NGOs warnen vor weiterem Tierleid
Tierschutzorganisationen schlagen Alarm und fordern eine rasche Entladung der Tiere. Die Organisation Animal Welfare Foundation kritisiert die Bedingungen an Bord als katastrophal. Projektleiterin Maria Boada Saña warnte, dass die Tiere bereits durch die wochenlange Überfahrt von Südamerika geschwächt seien. Jede weitere Verzögerung verschärfe das Leiden der Tiere erheblich.
Der Fall wird inzwischen international als Beispiel für mangelnde Kontrolle und Verantwortung bei Langstrecken-Tiertransporten diskutiert.
Spur zu Exportfirma mit Österreich-Bezug
Besondere Brisanz erhält der Fall durch Recherchen von The Marker. Demnach könnte ein Unternehmen mit Sitz in Österreich an der Organisation oder Durchführung des Transports beteiligt gewesen sein. Nach den vorliegenden Informationen könnte die Firma im Auftrag oder als Partner des uruguayischen Exporteurs Ganosan agiert haben.
Das Unternehmen bestritt auf telefonische Nachfrage eine Beteiligung an dem Transport und reagierte nicht auf eine schriftliche Anfrage.
Österreichische Exporte in Hochrisiko-Regionen
Der Vorfall lenkt auch den Blick auf die österreichische Exportpraxis bei Zuchtrindern. Laut Daten der Rinderzucht Austria wurden im ersten Halbjahr 2025 insgesamt 5.754 Rinder aus Österreich nach Algerien exportiert – rund 3.400 Tiere mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Damit ging nahezu die Hälfte der österreichischen Zuchtrinderexporte in dieses nordafrikanische Land.
Das Prinzip dieser Transporte ist ähnlich: häufig trächtige Tiere werden zunächst in Sammelstellen in Österreich zusammengeführt, anschließend per Lkw zu Häfen transportiert und schließlich auf Frachtschiffe verladen, die über Tage oder Wochen unterwegs sind.
Strukturelle Probleme des Lebendtierhandels
Der Fall der „Spiridon II“ verdeutlicht nach Einschätzung von Expertinnen und Experten die systemischen Risiken solcher Transporte. Sobald Schiffe die Gewässer der Europäischen Union verlassen, gelten häufig andere Kontrollen und Zuständigkeiten. Lange Transportzeiten, unklare Verantwortlichkeiten und begrenzte Kontrollmöglichkeiten auf hoher See erhöhen das Risiko für Tiere erheblich.
Für Kritiker des Systems zeigt der aktuelle Skandal daher weniger einen Einzelfall als vielmehr ein strukturelles Problem des internationalen Lebendtierhandels.
ZIB2-Recherchen bringen neues Licht in den Fall
Rund ein halbes Jahr später bringen nun ORF ZIB2-Recherchen weiteres Licht in den Fall – und die Spur führt nach Jagenbach in den Bezirk Zwettl.
Verkauft und organisiert wurde der Rindertransport dem Bericht zufolge von der österreichischen Agro Breeding GmbH mit Sitz in Jagenbach im Waldviertel. Grund für die Verhältnisse an Bord war laut den türkischen Importeuren eine Kette von Fehlentscheidungen des Eigentümers und Geschäftsführers der Agro Breeding GmbH, Christian Klinger.
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Sein Unternehmen hatte Kaufverträge, die der ZIB2 vorliegen, mit mehreren türkischen Rinderimporteuren abgeschlossen. 1.200 Angus-Rinder und 1.700 Holstein-Kühe sollten von Uruguay in die Türkei gebracht werden. Ursprünglich war vereinbart, dass das Schiff Mitte Juli 2025 von Südamerika Richtung Europa aufbricht.
„Firma Klinger hätte diese Kühe nie verladen dürfen“
Doch schließlich wurden die Kühe erst am 20. September auf den 53 Jahre alten Frachter „Spiridon II“ verladen. „Viele Kühe waren trächtig, sie hätten ursprünglich im fünften oder sechsten Schwangerschaftsmonat verschifft werden sollen. Wegen der Verspätung sind die Tiere aber sehr trächtig aufs Schiff gebracht worden. Die Firma Klinger (Agro Breeding GmbH, Anm.) hätte diese Kühe nie verladen dürfen“, sagt Savas Dursun, einer der türkischen Importeure, gegenüber der ZIB2. Zahlreiche Kälber kamen somit an Bord zur Welt – und viele davon dürften nicht überlebt haben.
Laut einem Dokument der türkischen Behörden wurden 140 Kälber während der Reise geboren. 50 wurden an Bord gefunden, 90 Kälber waren verschwunden – möglicherweise im Meer entsorgt, vermuten Tierschützerinnen. Videomaterial, das der ZIB2 vorliegt, zeigt den Zustand innerhalb des Schiffs bei der Ankunft in der Türkei, rund vier Wochen nach Abfahrt in Uruguay.
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Zu sehen sind mehrere tote Kälber, die am Boden liegen, teilweise bereits im Verwesungszustand. Die späte Abfahrt, die deshalb weit fortgeschrittene Trächtigkeit vieler Kühe, die schlechten Zustände und der Stress an Bord hätten nach Ansicht der türkischen Importeure die vielen toten Tiere verursacht.
In einer Stellungnahme gegenüber der ZIB2 weist die Agro Breeding Gmbh die Vorwürfe zurück. Schriftlich teilt das Unternehmen mit: „Tatsächlich hat es aus Gründen, die nicht von uns zu vertreten sind, Verzögerungen gegeben. Dies wurde jeweils mit den Käufern besprochen und der geänderte Zeitplan von den Käufern genehmigt.“
Auch MeinBezirk wollte den Geschäftsführer Christian Klinger dazu befragen, eine Stellungnahme blieb auf schriftliche Anfrage bisher noch aus.
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