23.09.2014, 09:57 Uhr

Buchtipp: "Sittlich minderwertig!"

(Foto: http://edition-innsalz.at/)
BAD TRAUNSTEIN. Autorin Ilse Krumpöck hat mit "Sittlich minderwertig" ein neues Buch auf den Markt gebracht.
Mit diesem Buch, in dem jedes Wort wahr ist, lieh die Autorin der Protagonistin abwechslungsweise ihre Stimme, damit diese ihr Unrecht in literarisch würdiger Form in die Welt hinausschreien konnte. Ein Leid jagte das andere und die Trostlosigkeit ihrer Lebensreise ohne Rückfahrkarte ist Fini heute durchaus bewusst. Auch Christl kann ihren Peinigern nicht verzeihen. Doch das Rad der Zeit lässt sich nun einmal nicht mehr zurück drehen, auch wenn den beiden ehemaligen Heimkindern durch dieses Buch zu Entschädigungszahlungen und sensiblen Entschuldigungsschreiben verholfen werden konnte, wofür dem Landeshauptmann von Tirol, Günther Platter, und den zuständigen Opferschutzstellen herzlich gedankt sei.

Zum Inhalt

Mit "Sittlich minderwertig", dem Urteil einer Volksschuldirektorin, wurden Ende der 1950er Jahre die beiden Barackenkinder Fini und Christl, die in einer kinderreichen Familie in den Notunterkünften des ehemaligen Fluko- Lagers in Vöcklabruck lebten, im Schülerbeschreibungsbogen als „Abschaum“ abgestempelt. Die Armut dieser Ausgegrenzten war so groß, dass sie nicht einmal Unterhosen besaßen, ein Mangel, der einen behinderten Kinderschänder aus gutem Hause dazu animierte, sich ihnen unsittlich zu nähern. Da die beiden Mädchen überdies bettelten und ihre Eltern mit ihrer Erziehung überfordert waren, kamen sie in das Heim für „Schwererziehbare“ nach Kramsach in Tirol, wo erst ihr wahrer Leidensweg begann. Unter einer sadistischen Heimleitung der Mutwilligkeit bösartiger Erzieherinnen ausgesetzt, begann ein unvorstellbares Martyrium in tradierten nationalsozialistischen Erziehungsmodellen für die beiden Schwestern und ihre Leidensgenossinnen, die sich etwa im Karzer mit den Ratten befreundeten und ihre kahlen Stellen der ausgerissenen Haare wegen beim Kirchgang unter Mützen verstecken mussten. Auch die lieblosen Führungsberichte der Direktorin an das Jugendamt - im Original zitiert - strotzen nur so vor verbalen Faustschlägen. Die Zustände in Kramsach riefen schon 1964 die oberösterreichische Wochenzeitung „ECHO“ auf den Plan, die zwar ausführlich über die Gräuel berichtete, deren wiederholter Appell jedoch bei den zuständigen Behörden auf keinerlei Widerhall stieß. Alles blieb beim Alten. Als Fini aus Hunger lange Zeit hindurch heimlich aus der Speisekammer Esswaren stahl und dabei ertappt wurde, überstellte man die beiden in andere Heime, wo sie eine Haushaltungsschule besuchten und fortan getrennte Wege gingen. Nach ihrer Entlassung aus der Fürsorgeerziehung konnten beide nie über ihre Zeit im Heim hinwegkommen. Besonders im Leben Finis, deren Verlustängste in der Kindheit sich fortan negativ auf ihre Beziehungen zu Männern auswirkten, kam es zu vorprogrammierten Schwierigkeiten, die sie sich heute, mit fünfundsechzig Jahren, als Gedächtnisprotokoll von der Seele schrieb. Aus ihrer permanenten Suche nach Nestwärme entwickelte sich eine übersteigerte Rastlosigkeit, die sich in zahlreichen Umzügen, vielen verschiedenen Lebenspartnern, mehrfachen Eheschließungen, reichlichem Kindersegen und darauf folgenden Scheidungen, Selbstmordversuchen und Klinikaufenthalten in der Psychiatrie manifestiert. Ein typisches Beispiel für das klägliche Scheitern staatlicher Fürsorgeerziehung der Nachkriegszeit!

Ilse Krumpöck - http://www.ilsekrumpoeck.at/
Erhältlich bei http://edition-innsalz.at/ und im gut sortierten Buchandel.
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