17.03.2016, 15:51 Uhr

Andrea Walach: "Es ist nicht mehr zu machen"

"Schüler, die nach Beendigung der Schulpflicht kaum Deutsch sprechen, sind am Arbeitsmarkt unvermittelbar", so Direktorin Andrea Walach über die ungelösten Integrationsproblemen in Österreichs Klassen. (Foto: NMS Gassergasse/Alexandra Salvenmoser)

Die Direktorin der NMS Gassergasse sorgte mit ihrer Aussage über die massiven sprachlichen Defizite der Migrantenkinder für Aufregung. Das Echo aus der Bevölkerung ist enorm.

MARGARETEN. "Die E-Mails erreichen mich im Minutentakt", sagt Andrea Walach, die Direktorin der NMS Gassergasse. Grund für das starke Interesse an ihrer Person ist ein Artikel der Tageszeitung "Kurier". Walach kam in einer Reportage über die Neue Mittelschule auf die "verlorene Generation" zu sprechen: Rund ein Drittel der Schüler könnten auch nach Beendigung der Schulpflicht kaum Deutsch und wären somit im Berufsleben nicht vermittelbar. Das Bildungsministerium reagierte prompt - und zwar mit einem "Maulkorb-Erlass" an die Direktorin. "Mir wurde per Brief meine Abmahnung mitgeteilt mit dem Hinweis, ich solle nicht über etwas reden, von dem ich keine Ahnung habe", so Andrea Walach zur bz.

Keine Ahnung zu haben kann man der Direktorin, die seit 40 Jahren als Lehrerin und davon 17 als Direktorin tätig ist, nicht vorwerfen. "Meine Schüler haben zu 98 Prozent keine deutsche Muttersprache", so Walach. "Die restlichen zwei Prozent kommen aus schwierigen Verhältnissen und benötigen Sozialarbeiterhilfe. Unsere Lehrerinnen bringen eine exzellente Leistung, sind aber schlichtweg überfordert."

Große Rückendeckung aus der Bevölkerung

Klare Worte, die man zwar von offizieller Seite nicht gerne hört, die aber den Nerv der Bevölkerung treffen. Minütlich erreichen Walach E-Mails und Anrufe, in denen Lehrer aller Schultypen und Lehrbetriebe sowie Eltern ihre Unterstützung anbieten oder die Direktorin als Sprachrohr für die eigenen Integrationsprobleme gewinnen möchten. "Die Reaktionen sind nur positiv und kommen aus ganz Österreich", so Walach. "Die Öffentlichkeit fordert Schritte - es herrscht wirklich Handlungsbedarf!"

Angst vor disziplinarrechtlichen Schritten hat Walach nicht. "Ich denke nicht, dass man im Stadtschulrat das Schreiben aus dem Ministerium so unterschreiben würde, immerhin kennt man mich dort. Am 1. April besucht uns der neue Stadtschulratspräsident Jürgen Czernohorszky und hört sich die Sorgen unserer Pädagogen persönlich an."

Das erste deutsche Wort in der Volksschule

Ein altes Problem, dass sich mit der aktuellen Flüchtlingswelle zuspitzt. "Die Schulen werden vollgestopft. Diese oft traumatisierten Flüchtlingskinder müssen extra gefördert werden. In einer Schule wie dieser, die sowieso schon mit großen Sozialproblemen zu kämpfen hat, ist es nicht mehr zu machen. Die Lehrerinnen müssen erst in allen Klassen ein anderes Kind suchen, dass dieselbe Sprache spricht, um dem neuen Kind einfache Dinge wie den Stundenplan oder Materialbedarf zu erklären."

Ein Rezept gegen die "verlorene Generation" hat Walach nicht. "Eine Lösung auf Knopfdruck von heute auf morgen gibt es nicht. Das wird ein sehr langer Prozess werden. Wichtig wäre eine frühe Sprachförderung - viele Kinder kommen in die erste Klasse Volksschule und haben noch kein Wort Deutsch gesprochen."

Jetzt hofft die Direktorin auf Maßnahmen vonseiten der Politik: "Es war nicht meine Absicht, etwas ins Rollen zu bringen. Das sind Aussagen, die ich seit 20 Jahren tätige. Aber vielleicht ist ja jetzt die richtige Zeit, um den Kindern zu helfen."
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