30.04.2016, 07:49 Uhr

Die Vernebelungstaktik in der Landwirtschaft

Bad Kreuzen, 30 April 2016

Unsere bürgerliche Gesellschaft wird heute durch Politik und Wirtschaft bestimmt. Die soziale Ebene der bäuerlichen Familien mit ihren kleinstrukturierten Bauernhöfen wird diesen Interessen untergeordnet. Die wichtigsten Hebel der wirtschaftlich/politischen Macht sind dabei Eigentum und dessen Manipulation durch das Geldsystem. Problemlösungen gehen daher weit über die aktuelle Form der bürgerlichen Gesellschaft hinaus und „überformen“ sie in angemessener und notwendiger Art und Weise.

Eigentum und Geldsystem werden von mir nicht in Frage gestellt, sondern an den sozialen Verhältnissen gemessen und ausgerichtet. Geld- und Rechtssystem sind daher in einen kulturellen Rahmen zu bringen, der sich direkt aus den gesellschaftlichen Prozessen heraus ergibt. Das heißt, die Beteiligten sind einzubeziehen und werden von Mitläufern oder passiven Wählern zu direkt betroffenen Menschen mit Interessen auf verschiedenen Ebenen. Die institutionellen Grundlagen sind zu schaffen. Ein Beispiel ist ein Mehrkammern-Parlamentarismus, welcher eine differenziertere Form der Interessenvertretung erlaubt.

Die Politik betreibt mit der ihr untergeordneten bäuerlichen Vertretung bis heute dagegen eine Vernebelungstaktik, indem alle wesentlichen Zahlen und Statistiken geschönt und verfälscht werden.

Beispiel: der jährlich erscheinende „GRÜNE Bericht“

Auf den „GRÜNEN Bericht“ berufen sich Politik und Medien, ohne auf den „Beipackzettel“ zu verweisen. Die politischen Strategen wählen dafür nur Betriebe aus, welche Zahlen aufweisen, die den Interessen von Politik/Wirtschaft entsprechen. Ein Arbeitstag eines Landwirtes wird z.B. mit 8 Stunden angenommen – mehr ist nicht möglich. So kann man das Einkommen je Stunde entsprechend manipulieren. Die realen Zahlen wären nicht zu rechtfertigen. Bei Zuchtviehversteigerungen werden hingegen nur die verkauften Tiere berücksichtigt. Der Preis sagt daher wenig über die Gesamtsituation des Marktes aus bzw. über die Zahl und die Bedeutung der nicht verkauften Rinder.

Im Nebel erscheint auch die Förderpolitik im Rahmen der Europäischen Landwirtschaft. „Bauern bekommen sehr viel Förderung“ - heißt es. Da die Auszahlungshöhe auf die Fläche bezogen ist, geht der Großteil der Beträge an Großbetriebe. Großbetriebe und Gutshöfe produzieren in der Folge das, was große Betriebe eben produzieren. Die viel gelobten kleinstrukturierten Höfe und ihre besonderen Qualitätspotentiale haben dagegen wenig Chance, Akzente zu setzen. Die Förderhöhe entspricht ihrer bescheidenen Größe. Zudem werden nur 20 % der Agrargelder auf landwirtschaftliche Betriebe verteilt, 80% gehen an Industriebetriebe, an Verwaltung, etc.

Genossenschaften gehören in der Regel den Bauern (z.B. Molkereien). Die Ausrichtung hängt aber fast ausschließlich am Management und am Controlling des Betriebes. Sachzwänge des Systems (Geld- und Rechtssystem), menschliche Fehlleistungen, Lobbyismus und unlautere Charaktere bringen die Genossenschaften immer öfter in schwierige Situationen. Der Bauer darf dies als „Miteigentümer“ in der Hauptversammlung nur abnicken. Wird das Management ausnahmsweise gewechselt, geht dasselbe Spiel munter weiter. Wehren sich die Bauern als Mitglieder der Molkereigenossenschaft, musste man zudem die Erfahrung machen, dass es dann genau sie sind, die vermehrt mit Qualitätsproblemen zu tun haben.

Positive Nachrichten (z.B. Erhöhung des Milchpreises um 1 Cent) werden von den Fachmedien hochgejubelt. Bauern werden motiviert, mehr zu produzieren. Es läuft ja so toll! Schlechte Nachrichten (z.B. Milchpreis fällt um 2 Cent) werden nur am Rande erwähnt. Der Bauer bleibt in dieser Situationen alleine, nach dem Motto: „Mach was Du willst!“

In der Zeitung „Der Bauer“ hieß es vor kurzem: „Keine Importe zu Lasten der Landwirtschaft“. Der Sojaimport österreichischer Betriebe wird mit keinem einzigen Wort analysiert: Es sind aber genau diese Importe von Soja, die unserer Landwirtschaft schaden! Auch in den Erzeugerländern bringt diese Form der Wirtschaftspolitik die Bauern in Bedrängnis. Genauso wie unsere Milchkrise dort zu Krisen führt, wohin wir unsere Überschüsse in Form von Milchpulver verkaufen.

Die Problematik der Futtermittelimporte ist in den nächsten Monaten zu vertiefen, weil Gen-Soja, Glyphosateinsatz, Zerstörung der kleinbäuerlichen Struktur, hoher Energiebedarf, übermäßiger Einsatz von Kunstdüngern und Spritzmittel, etc. unmittelbar mit dieser Entwicklung zu tun haben. Die Nebenkosten (Bodenzerstörung, Bienentod, etc.) wird aber nicht eingepreist und bleiben im „Nebel“ der Denkformen. Die damit indirekt verbundene psychische Gewalt, können in ihrer sozialen Wirkung auf die Menschen in der Landwirtschaft nicht überschätzt werden.

Die Form der Vernebelungspolitik wird hier an einigen Beispielen aufgezeigt. Die meist gleichgeschalteten Agrarmedien verhindern, dass die Betroffenen die Zusammenhänge erkennen. Die Analyse der einzelnen Bauern führt daher meist zu falschen Ergebnissen. Kulturelle Entwicklung in der Landwirtschaft wird entweder weiter von den „Kulturen“ hinter den krisengeschüttelten Systemen (Geld- und Rechtssystem) und vom Mitläufertum der Bauern abhängen oder die Menschen in der Landwirtschaft lernen, eigene kulturelle Formen mit Leben zu erfüllen. Dazu gehört Eigenständigkeit als Basis, aber auch Einfühlungsvermögen („Selbstbezug-im-Fremdbezug“), Hinterfragungstechnik, bewusste Verweigerung (Reaktion der Systeme?), etc. Dann zieht der Nebel über den Köpfen der Bauern ab.

Die heutige Kultur der landwirtschaftlichen Krise wird dadurch nicht sichtbar, aber das Neue, was die Betroffenen aus eigener Kraft geschafft haben. Das hat mit Eigenständigkeit zu tun, vor allem aber auch mit Beziehung, also sozialem Handeln bzw. Kultur.
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Josef Breinesel aus Perg | 02.05.2016 | 12:44   Melden
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Josef Breinesel aus Perg | 02.05.2016 | 12:44   Melden
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