07.07.2016, 04:30 Uhr

Chancengleichheit durch Prozessbegleitung

In Kinderschutzzentrum Tandem können sich Kinder mit Hilfe von Spiel- oder Malsachen offenbaren. (Foto: photographee.eu/panthermedia.net)

Die Möglichkeit der Prozessbegleitung soll Kindern die Angst vor der Aussage vor Gericht nehmen.

WELS. Vergangene Woche berichtete die BezirksRundschau über eine Verhandlung am Welser Landesgericht. Am 27. Juni musste sich ein 58-Jähriger aus dem Raum Wels wegen möglichem sexuellen Missbrauch vor Gericht verantworten. Laut Richterin Gerlinde Hellebrand vom Landesgericht Wels wurde dem Angeklagten Vergewaltigung, schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen sowie der Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses vorgeworfen. Der Beschuldigte soll seine Tochter seit ihrem sechsten Lebensjahr sexuell missbraucht haben. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren soll es immer wieder zu Übergriffen gekommen sein. Da ein weiterer Beweisantrag gestellt worden ist, wurde die Verhandlung auf 19. September vertragt. In der zweiten Verhandlung wird die Vernehmung des Opfers via DVD vorgespielt. Diese sogenannte kontradiktorische Vernehmung, auch schonende Vernehmung genannt, wird dann angewendet, wenn man dem Opfer eine Konfrontation mit dem Täter ersparen will. Bei Opfern von Sexualdelikten, die unter 18 Jahre alt sind, muss kontradiktorisch einvernommen werden.

Prozessbegleitung vermittelt Sicherheit

Um Minderjährigen die Aussage vor Gericht zu erleichtern, gibt es die Möglichkeit der Prozessbegleitung. Kommt es zu einer Anzeige, werden Kinder und Familien durch die Verhandlung begleitet und darauf vorbereitet. "Oft waren die Kinder von der Situation am Gericht so eingeschüchtert, dass sie gar nichts ausgesagt haben. Dann musste das Verfahren eingestellt werden", erzählt Silvia Neubauer, Geschäftsführerin vom Kinderschutzzentrum Tandem in Wels. Die Möglichkeit der Prozessbegleitung gibt es in Österreich seit 15 Jahren. Anfangs sei oft der Vorwurf erhoben worden, man würde die Kinder in ihrer Aussage beeinflussen. "Das tun wir aber nicht", betont Bernhard Ille, fachlicher Leiter des Kinderschutzzentrums. "Es geht nicht darum was ausgesagt werden soll, sondern wie der Prozess abläuft. Wir gehen mit den Kindern vorab zum Gericht, zeigen ihnen den Befragungsraum, stellen ihnen die Richterin vor und sind bei der eigentlichen Befragung dabei. Das soll ihnen ein Sicherheitsgefühl vermitteln", so Ille weiter.

Spieltherapie hilft Erlebtes umzusetzen

Das Tandem ist eines von 30 Kinderschutzzentren in Österreich. Neben der Prozessbegleitung werden Beratung und Therapie bei Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch geboten. Die Klienten kommen hauptsächlich aus Wels und Wels-Land, aber auch aus Grieskirchen und Eferding. Im vergangenen Jahr gab es 183 neue Akten zu bearbeiten. 232 Erwachsene und 145 Kinder und Jugendliche nahmen die Hilfe des Kinderschutzzentrums in Anspruch. Ein Großteil der Beratungsfälle dreht sich um sexuelle Gewalt. Mit deutlichem Abstand folgen psychische und physische Gewalt sowie Konflikte in der Familie. "Je älter ein Kind ist, desto leichter kann es sich durch Sprache ausdrücken, oft braucht es aber andere Wege" erklärt Ille. Die Therapieräume im Tandem sehen wie Spielzimmer aus. Sandkisten, Plüschtiere, Handpuppen oder Malsachen sollen den Kindern helfen, sich zu offenbaren. Die Arbeit ist für Ille auch nach 30 Jahren noch fordernd: "Jeder von uns hat sich ein Muster zurechtgelegt, um das Gehörte nicht mit nach Hause zu nehmen. Ich fahre täglich mit dem Rad, um abzuschalten."
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