21.09.2016, 20:30 Uhr

Urlaub in der Sperrzone von Tschernobyl

Verlassene Häuser in der Sperrzone (Foto: Christian Obermayr - EINFACHWERBEN)
PERG, PRYPJAT, TSCHERNOBYL (up). Am 26. April 1986 fand die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl statt. 30 Jahre später hat sich ein Tourismus in die Zone rund um das Kernkraftwerk entwickelt. Der Perger Werbeagentur-Chef Christian Obermayr besuchte diesen Sommer für zwei Tage die 30-Kilometer- und 10-Kilometer-Sperrzone rund um das AKW. "Es war beeindruckend, den konservierten Sozialismus und das Gefühl der absoluten Katastrophe zu erleben", beschreibt Obermayr. "Die Reaktorkatastrophe war für mich als damals fünfjähriges Kind ein prägendes Erlebnis. Man durfte nicht rausgehen, nicht Sand spielen, keine Schwammerln essen. Und ein Grund war natürlich auch die Suche nach neuen Eindrücken, neuer Inspiration. Das kann ich ja für meine Arbeit in der Agentur ebenfalls brauchen."

Neuer Sarkophag in Bau

Derzeit wird eine neue Schutzhülle für den zerstörten Reaktorblock 4 gebaut, die die radioaktive Strahlung im Inneren hält. Das Stahlbetongebilde wird 2017 über den bisherigen Sarkophag geschoben, der das Ende seiner Lebensdauer erreicht hat. "Dann ist vieles nicht mehr sichtbar, deshalb wollte ich noch heuer dorthin. Und selbst sehen, was bisher nur aus den Medien bekannt war. In Kiew gibt es Agenturen, die Leute unterstützen, die dorthin wollen, die organisieren alles. Wir waren neun Touristen und ein Guide", erzählt der Pabneukirchner. Bis auf 50 Meter kam er an die Außenhülle heran. Immer mit dabei: Ein Dosimeter, also Strahlenmessgerät. "Außen sind nur noch Gamma-Strahlen. Ein Tag in dem Gebiet dort entspricht der Strahlenbelastung eines Transatlantikfluges."

Geisterstadt Prypjat

Die Gegend im 30-Kilometer-Umkreis ist größenteils entvölkert und verfallen. "Es gibt aber Leute, die dort wohnen. Arbeiter, die sich um die Infrastruktur kümmern und einzelne Rückkehrer." In der Zehn-Kilometer-Zone liegt die Stadt Prypjat, 1970 gegründet als Vorzeigestadt, als Stadt der Zukunft, die den Arbeitern des 1978 in Betrieb gegangenen Atomkraftwerks als Heimat dienen sollte. "Rund 50.000 Leute lebten dort. Es war eine sehr moderne, am Reißbrett entworfene Stadt. Es gab ein Kino, Theater, Schwimmbad, sogar einen Vergnügungspark. Der ging aber nie in Betrieb. Das Riesenrad ist nur einmal gelaufen, zur Beruhigung der Einwohner nach der Katastrophe."

Die Welt überwacht

Während das Atomkraftwerk Tschernobyl den meisten ein Begriff ist, ist die riesengroße Radaranlage Tschernobyl 2 gleich nebenan kaum bekannt. "Es gab eine solche Anlage im Westen der Sowjetunion und eine im Osten. Damit konnten die Russen die ganze Welt überwachen. Die Anlage war streng geheim und als Kinderferiendorf getarnt", erklärt Obermayr. Masten von 150 Metern Höhe sind heute noch zu sehen. Der Betrieb verschlang die Leistung eines von damals vier Reaktorblöcken. "Mit der Katastrophe fiel auch die Radaranlage aus, womit die Sowjets plötzlich keine amerikanischen Atom-U-Boote und Raketen mehr aufspüren konnten. Damit waren sie verwundbar, was sicher auch mit ein Grund war, warum der Reaktorunfall zunächst verschwiegen worden war."

Die Katastrophe von Tschernobyl (Quelle: Wikipedia)

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat.

Bei einer Simulation eines vollständigen Stromausfalls kam es zu einer Kernschmelze und Explosion des Reaktorkerns, wodurch der Block vollständig zerstört wurde. Große Teile des radioaktiven Inventars gelangten in die Umwelt. Das Graphit, mit dem der Reaktor moderiert wird, geriet in Brand und konnte erst Tage später gelöscht werden. Der Landstrich um den Reaktor musste geräumt werden und ist bis heute unbewohnbar. Die mit dem Rauch in große Höhe gelangte Radioaktivität wurde nach Westen getrieben und bewirkte einen radioaktiven Niederschlag (Fallout) über Nord- und Mitteleuropa. Diese Havarie machte den Ortsnamen „Tschernobyl“ zum Synonym für Gefahren der Kernenergie und die unabsehbaren Folgen eines Super-GAU.

Nach der Katastrophe begannen sogenannte Liquidatoren mit der Dekontamination der am stärksten betroffenen Gebiete. Bis November 1986 errichtete man einen aus Stahlbeton bestehenden provisorischen Schutzmantel, der meist als „Sarkophag“ bezeichnet wird.

Über die weltweiten gesundheitlichen Langzeitfolgen, insbesondere jene, die auf eine gegenüber der natürlichen Strahlenexposition erhöhte effektive Dosis zurückzuführen sind, gibt es seit Jahren Kontroversen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält insgesamt weltweit ca. 4000 Todesopfer für möglich.

Die Katastrophe von Tschernobyl gilt als bisher weltweit schwerster Unfall in einem Kernkraftwerk.

Alle Fotos: Christian Obermayr - EINFACHWERBEN

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