01.09.2016, 05:30 Uhr

Stalking ist heute kein Kavaliersdelikt mehr

Verfolgt, beobachtet, terrorisiert: Die Lebensqualität der Opfer wird durch Stalking massiv gestört. (Foto: Mr Korn Flakes/Fotolia)

Die Zahl angezeigter Stalking-Fälle ist seit Jahren konstant, die Dunkelziffer dürfte aber weit höher sein.

WELS. Am 30. August musste sich ein 27-jähriger Mann am Welser Landesgericht wegen des Vorwurfes der beharrlichen Verfolgung verantworten. Laut Richterin Gerlinde Hellebrand soll er einer jungen Frau über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten immer wieder auf Facebook geschrieben haben. Insgesamt mehr als 320 Nachrichten. "Umgangssprachlich kann man hier von Stalking sprechen. Bei einer Verurteilung droht dem Mann eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe von bis zu 720 Tagessätzen", so Hellebrand. Gehen Stalking-Fälle vor Gericht, landen sie oft auch am Schreibtisch von Josef Landerl. Er ist stellvertretender Einrichtungsleiter von Neustart Oberösterreich. Der Verein Neustart hat Niederlassungen in Linz, Ried, Steyr und Wels und ist auf Resozialisierungshilfe für Straffällige, Unterstützung von Opfern und Kriminalitätsprävention spezialisiert. Hilfe beim Tatausgleich oder – kommt es zu einer Verurteilung – Bewährungshilfe sind die zwei Leistungsbereiche, die Neustart bei Stalking bietet.

Nicht eine bestimmte Behandlungsform

"Meist sind die Opfer jedoch nicht an einer Bestrafung interessiert, sie wollen nur, dass das Stalking ein Ende hat", weiß Landerl. "Die Lebensqualität der Opfer wird durch Stalking massiv gestört. Die Symptome können sich von posttraumatischen Störungen, Schlaf- und Belastungsstörungen bis hin zum Rückzug aus dem Sozialbereich ziehen", so Markus Scheidler, Konfliktregler bei Neustart. Kommt es zum Tatausgleich, betreut Scheidler Täter und Opfer. "Allerdings achten wir von Anfang an darauf, dass es zu keinem Kontakt mehr kommt", erklärt Scheidler. Der Stalker muss dann eine Art Verzichtserklärung unterschreiben, in der er bestätigt, künftig jeden Kontakt – egal ob schriftlich, persönlich oder über Dritte – zu seinem Opfer zu unterlassen. Neustart begleitet den Täter dann über Monate hinweg, vermittelt, wenn notwendig, eine Psychotherapie oder trifft andere geeignete Maßnahmen. In rund zwei Dritteln der Fälle ist die Täterbegleitung von Neustart erfolgreich. Eine bestimmte Form von Behandlung gibt es bei Stalkern aber nicht, weiß Sandra Charwat-Pessler, klinische Psychologin aus Wels: "Hinter vielen Ursachen für Stalking stehen psychische Störungen, etwa wahnhafte Störungen, Intelligenzminderung oder Persönlichkeitsstörungen." Zurückweisung, gescheiterte Liebesbeziehungen, Schwierigkeiten im Umgang mit Nähe und Distanz oder auch Kontrollbedürfnisse seien mögliche Auslöser für Stalking. "Im Einzelfall muss geklärt werden, welche Ursache zugrunde liegt, also ob und welche psychische Störung vorliegt und auf Basis einer fundierten Diagnostik wird dann ein Behandlungsplan erstellt", erklärt die Psychologin.

Noch bis vor zehn Jahren ein Kavaliersdelikt

Stalking zieht sich durch alle Altersgruppen und Schichten, meist seien es jedoch Männer, die Frauen nachstellen, meint Landerl. "Die Täter sind fantasievoll: Nachstellen, Geschenke, hunderte Nachrichten oder Auftauchen am Wohnort", so Landerl. Lange galt Stalking nur als Kavaliersdelikt, erst seit dem Jahr 2006 regelt der §107a StGB die beharrliche Verfolgung. 2015 wurden in Österreich 119 Fälle anzeigt. Da sich Opfer oft aus Scham keine Hilfe suchen, gehen Landerl und Scheidler aber von einer wesentlich höheren Dunkelziffer aus.
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