17.05.2016, 00:00 Uhr

5 Minuten Wien: Auf der Suche nach dem Respekt

Eigentlich hätte es ein schöner Abend für Doris werden sollen: ein Abendessen mit ihrem Freund. Gemeinsam im Lokal trifft sie die Begrüßung des Kellners wie ein Schlag: "Grüß euch, ich führ euch gleich an euren Platz."

"Ich bin 60 Jahre alt und zumindest doppelt so alt wie Sie, ich verbitte mir das Du", möchte Doris rausschreien. Doch um den Abend nicht zu verderben, schluckt sie eine Erwiderung hinunter. Am Platz verläuft alles gut – nur dass eben der Herr zuerst das Bier serviert bekommt und dann erst Doris ihr Getränk.

Der Ärger in ihr wächst. Sie erinnert sich an die Straßenbahnfahrt am Morgen. Auf dem Weg zum letzten freien Sitzplatz wurde sie von einem Mid-Ager in Formel-1-Manier überholt, der in einem Höllentempo den Sitzplatz für sich beanspruchte. Genauso schnell war das Handy in seiner Hand und seine Aufmerksamkeit nicht mehr von dem Gerät wegzulenken.

Inzwischen hat der Kellner auch Haupt- und Nachspeise aufgetragen. Natürlich bekam der Herr zuerst den Teller. Und das obligatorische "Hat’s euch g’schmeckt?" kam natürlich auch. Als er mit der Rechnung kommt, schlägt Doris’ große Stunde: "Die Rechnung begleiche ich." Der Konter: "Gerne, Madame." Nun reichte es Doris: "Ich bin zwar alt, aber keine Madame. Nachdem Sie mich den ganzen Abend, ohne mich gefragt zu haben, geduzt haben, meinen Freund zuerst bedienten und mir so keinen Respekt zollten, wollte ich Ihnen kein Trinkgeld geben. Aber das ist falsch: Sie brauchen das Geld dringend, um eine Schule zu besuchen, auf der die Benimmregeln gelernt werden, denn Ihre Eltern haben in dem Punkt versagt." So wurde es für Doris doch noch ein schöner Abend.
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Sylvia S. aus Favoriten | 20.05.2016 | 10:38   Melden
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