08.04.2016, 15:25 Uhr

Hoffnung für die Gailtalbahn lebt weiter

Südtiroler "Bahnbrecher" Walter Weiss mit ProGailtal-Sprecher Hannes Guggenberger und Bürgermeister Hannes Lenzhofer

Daß man mit gemeinsamen Anstrengungen unvorstellbar viel erreichen kann, beweist die Wiederbelebung der Südtiroler Vinschger Bahn nach 15-jährigem Kampf.

GAILTAL (jost). Die Einstellung des Bahnverkehres auf der Strecke Hermagor-Kötschach mit Ende 2016 ist beschlossene Sache. Das wird vorerst nicht mehr zu verhindern sein. An Ersatzlösungen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Mobilität wird gerade eifrig gebastelt. Doch die Mehrheit der Bevölkerung des oberen Gailtales findet keine richtige Freude an dieser Lösung.
Dass es mittelfristig aber trotzdem Hoffnung für die Gailtalbahn zwischen Hermagor und Kötschach-Mauthen geben kann, haben die zahlreichen Besucher einer Informations-Veranstaltung im Kultursaal Dellach/Gail kürzlich erfahren.

Interessante Parallele

Als im Jahre 1990 die 60 Kilometer lange Vinschger Bahn von Meran bis Mals von den italienischen Staatsbahnen nach 110 Jahren zum „Dürren Ast“ erklärt und wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt wurde, war die dortige Bevölkerung genauso vor vollendete Tatsachen gestellt worden wie jetzt auch die Gailtaler, die nunmehr nach dem im Vorjahr pompös gefeierten 100-Jahr-Jubiläum einer „schöne Leich“ entgegensehen.
Das war für den aufmerksam umtriebigen ProGailtal-Sprecher Hannes Guggenberger auch Grund genug, Walter Weiss, einen namhaften und erfolgreichen südtiroler Kämpfer für Bahn-Mobilität, in’s Gailtal einzuladen, um zu erfahren, dass man Entscheidungen der Obrigkeit nicht einfach resignierend hinnehmen muß. In seiner Begrüßung wies er beispielsweise darauf hin, dass in der Region Südtirol grundsätzlich alle namhaften Schigebiete wie Kronplatz oder Helm im Pustertal optimal an die Schienen-Mobilität angeschlossen sind, was beispielsweise im Gailtal bezüglich Nassfeld unverständlicherweise komplett fehlt.

Mustergültiger Kampf

Für Walter Weiss, engagierter Langzeit-Altbürgermeister (1976 bis 2005) von Naturns im Vinschgau, war nach der Einstellung der Vinschgerbahn anno 1990 sofort klar, dass diese Entscheidung keinesfalls kampflos akzeptiert werden konnte: „Komplett unvorstellbar, sich das Rückgrat der Gesamt-Mobilität als staufreien Korridor in die Landeshauptstadt (Bozen) einfach wegnehmen zu lassen!“ Weiss und eine Handvoll begeisterter Mitstreiter formierten sich vorerst zu einer losen Interessensgruppe, die ihr Netzwerk dahingehend fokussierte, die stillgelegte Bahn-Trasse unbedingt zu erhalten. Auch wenn bald nach der Einstellung des Bahnverkehrs entlang der Geleise und in den Bahnhöfen Gras und Gebüsch wucherte, wurde mit vereinten Kräften erreicht, dass nach einigen Jahren die Strecke von den italienischen Staatsbahnen an das Land Südtirol übergeben wurde. Ende 2000 wurde dann unter der Federführung von Walter Weiss der Verein „Freunde der Eisenbahn“ gegründet, der heute über 1.000 Mitglieder aus allen Teilen Südtirols und Italiens, aber auch aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland hat. Zielsetzung war ganz klar die Sensibilisierung und Begeisterung für die Eisenbahn im Allgemeinen, in diesem Fall speziell für die Wiederbelebung der Vinschger Bahn.

Ergebnis

Seit 2005, also nach 15-jährigem Kampf, fährt die 60 km lange Vinschger Bahn wieder im Taktverkehr mit Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h zwischen Meran und Mals.
Die ursprünglich erwarteten 500.000 Passagiere pro Jahr waren nie mehr ein Thema, denn bereits kurz nach der Wiedereröffnung war die Zweimillionen-Passagierzahl erreicht und deutlich überschritten.
In den nächsten Jahren soll die Strecke nochmal modernisiert und elektrifiziert werden, damit man Geschwindigkeiten bis zu 130 km/h mühelos erreicht.
Man darf dabei nicht vergessen, dass Meran auf 320 m Seehöhe liegt, die Endstation Mals dagegen auf 1.000 m Seehöhe.

Ermutigung

Walter Weiss wollte mit seinem beispielhaften und rhetorisch faszinierenden Vortrag in Dellach lediglich aufzeigen, dass es absolut dafür steht, sich zu formieren und entschlossen für ein Anliegen zu kämpfen. Sein Credo: „Die Überzeugten und die Begeisterten sind der Schlüssel zum Erfolg.“ Dass alles seine Zeit braucht, ist unbestritten, aber niemals aufzugeben, war für die Südtiroler Bahn-Enthusiasten damals das klare Ziel.
Weiss: „Kämpfen müsst ihr selber, es wird nichts geschenkt. Kapital ist nicht immer nur das, was am Konto steht, sondern das Humankapital ist das wirklich Wertvolle im Leben!“
Warum eine perfekte öffentliche Mobilität wie in Südtirol (oder in der Schweiz) so wichtig ist, erklärt der erfahrene Südtiroler Pädagoge und Bürgermeister so: „Bei uns ist garantiert, dass auch die Bergbauernkinder bis 1.300 m Seehöhe vom Schulbus abgeholt und heimgebracht werden, das beweist unsere Wertschätzung für die Bevölkerung des ländlichen Raumes. Nur so bleibt gewährleistet, dass die Abwanderung verhindert wird und dass unsere so wertvolle Ressource „gepflegte Landschaft“ auch in Zukunft geschätzt und geachtet wird.“

Zukunft

Nach verschiedenen Wortmeldungen aus dem Publikum, die unisono die aufgezeigte Südtiroler Lösung als beneidenswert und beispielhaft titulierten, war zu erkennen, dass die Besucher der Dellacher Veranstaltung nun wahrscheinlich mehr als bisher ernsthaft nachdenken, wie man daraus eventuell auch für die Gailtalbahn eines Tages eine brauchbare und tragfähige Lösung erzielen könnte.
Guggenberger: „Schade, dass diesen interessanten Vortrag nicht alle Bürgermeister des Gailtales besucht haben...“
Ein erster Aktions-Schritt in diese Richtung könnte eine gemeinsame Besichtigung der Vinschger Bahn mit einer Interessentengruppe rund um Hannes Guggenberger in den nächsten Monaten sein, um das Konzept einer möglichen „Gailtalbahn-Lösung“ etwas klarer zu erkennen.

Bürgermeister Johannes Lenzhofer

„Es ist beeindruckend, wie im Südtiroler Vinschgau die Wiederbelebung der dortigen Lokalbahn umgesetzt wurde. Bei uns wird es wahrscheinlich noch eine Weile dauern, bis in allen Köpfen die Wertigkeit der Bahn-Mobilität jenen Stellenwert erreicht, den sie eigentlich verdient...“

Südtiroler Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder

„Nach 15 Jahren Stillstand (1990 bis 2005) konnte die neue, moderne Vinschger Bahn wieder in Betrieb genommen werden. Dieser lange Weg der Wiederinbetriebnahme sollte auch einen Anreiz bilden, darüber nachzudenken, ob nicht auch in anderen Gebieten Bahnen wieder errichtet werden könnten.“ (Durnwalder war Südtiroler Landeshauptmann von 1989 bis 2014)

Landesrat Florian Mussner

„Funktionierende lokale Bahnverbindungen haben einen Mehrwert für das ganze Land und positionieren die Region noch stärker als Feriendestination.“

Willi Nowak, Verkehrsclub Österreich

„Wir setzen uns mit ganzer Kraft dafür ein, dass alle Menschen faire Mobilitäts-Chancen erhalten und die Belastungen durch den Verkehr in Form von Stau, Abgasen und Lärm für Mensch und Umwelt kleiner werden.“

Geschichte

Die neue Vinschger Bahn Meran - Mals wurde als normalspurige Lokalbahn erbaut. Auf einer Länge von 59,8 km erklimmt sie über drei Steilstufen einen Höhenunterschied von knapp 700 Metern. Um die Baukosten möglichst gering zu halten, wurde abschittsweise mit einer Steigung von bis zu 29 Promille und einem Radius von nur 200 Metern trassiert. Besonders im ersten Abschnitt von Meran über Marling hinauf auf die Töll ist die Streckenführung verwunden und schwierig. Um den großen Höhenunterschied bis zur Töll, dem Beginn des Vinschgaus, zu überwinden, wurde eine große Kehrschleife über Marling notwendig. Die Bahn führt dabei durch drei Tunnels (Marlinger Kehrtunnel, Josefsbergtunnel, Töll-Tunnel) und eine Galerie. Auch geologisch ist dieser Abschnitt äußerst schwierig: bei der Reaktivierung der Bahn mussten im Josefsbergtunnel umfangreiche Sicherungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Bei der im Jahr 2005 in Betrieb genommenen Bahn handelt es sich um eine komplett neue Struktur. Einzig die Trassierung der alten Vinschger Bahn, Brücken und Tunnel wurden beibehalten. Oberbau, Sicherungsanlagen, Betriebsleitung und Fahrzeuge entsprechen durchwegs dem heutigen Stand der Technik. Der Oberbau besteht aus neuem Schotter, Betonschwellen sowie Schienen vom Typ UNI 50. Das Gleis ist durchgehend geschweißt. Um auch in den sehr engen Bögen die lückenlose Verschweißung zu ermöglichen, wurden erstmals in Italien Y-Stahlschwellen verwendet. Sie bieten einen höheren Widerstand gegen Querverschiebung des Schwellenrostes und sollen den Unterhaltsaufwand reduzieren. Durch diese Maßnahmen konnte die Achslast auf 22,5 Tonnen erhöht werden, was auch problemlos Güterverkehr ermöglicht, aber auch der Laufruhe der Triebwagen zu Gute kommt. Die Weichen bestehen aus Schienen vom Typ 60 UNI mit einem Gewicht von 60kg/m und können mit 60km/h befahren werden.
Durch den qualitativ hochwertigen Oberbau konnte die Streckengeschwindigkeit auf 70km/h in den meisten Kurvenabschnitten angehoben werden. Auf den geraden und relativ flachen Abschnitten, welche zwischen den für den Vinschgau typischen Steilstufen liegen, wurde das Limit auf 100km/h festgesetzt.

Rollmaterial

Bei den zwölf Fahrzeugen der Vinschger Bahn handelt es sich um Gelenktriebwagen mit dieselelektrischer Kraftübertragung des Typs GTW 2/6 von Stadler Rail aus der Schweiz. Die auf die Bahnsteighöhe abgestimmte Niederflurbauweise kommt den Reisenden ebenso entgegen wie die große Türweite: Man betritt den komfortablen Fahrgastraum stufenfrei, was auch für Menschen mit Behinderungen mit einer großen Erleichterung verbunden ist. Ein Mehrzweckraum zum Abstellen von Gepäck, Fahrrädern oder Kinderwägen vervollständigt das Angebot der modernen Vinschger Bahn. Die attraktive Innenraumgestaltung mit hellen und freundlichen Großraumabteilen samt Panoramafenstern gibt der Reise eine entspannende Note. Zeitgemäßes Design und Geräuscharmut unterstreichen das neue Fahrgefühl zwischen Meran und Mals. Der moderne Reisekomfort bleibt auch in den Sommermonaten aufrecht: Fahrgast- und Fahrerräume sind mit zwei unabhängigen Klimaanlagen ausgestattet und sorgen für ein angenehmes Ambiente an heißen Tagen.
Die Triebwagen bestehen aus drei Teilen: zwei Fahrgastkabinen sowie einem mittig angeordneten Triebdrehgestell. Die beiden Kabinen besitzen je ein Drehgestell und stützen sich auf das Antriebmodul ab. Die Traktionstechnik ist im mittleren Triebdrehgestell konzentriert (Achsfolge 2' Bo 2'). Dies bringt den Vorteil mit sich, dass zum einen die Schallpegel in den Fahrgastbereichen niedrig sind, zum anderen die Antriebseinheit ein hohes Reibungsgewicht hat und somit eine Anfahrzugkraft von 80 kN auf die Schiene bringen kann. Der Antrieb besteht aus zwei Traktionsbäumen mit je einem Dieselmotor von 380kW Leistung, einem Asynchrongenerator, IGBT-Inverten und einem Asynchronfahrmotor. Im normalen Betrieb sind beide aktiv und ermöglichen auf den steilen Rampen eine beachtliche Beschleunigung von 1,05 m/s².
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