24.06.2016, 00:30 Uhr

Verbund-Chef Anzengruber: "Atomenergie hat in Europa keine Zukunft"

Verbund-Chef Anzengruber: "Bis 2020 wollen wir zu 100 Prozent CO2-frei sein." (Foto: Arnold Burghardt)

Für Wolfgang Anzengruber, Chef des Stromriesen Verbund, ist die Energiewende unumkehrbar.

Hat die Atomkraft noch eine Zukunft?
WOLFGANG ANZENGRUBER: In Europa nicht. Wir haben in Europa nicht einmal ein Endlager für Atommüll. Dabei beträgt die Halbwertszeit für Atommüll 20.000 Jahre. Das ist gefährlich und sehr teuer.

Ihr Fazit?
Die Energiewende ist nicht mehr aufzuhalten. Jetzt machen wir die Energiezukunft.

Wie sieht die aus?
Bis 2020 wollen wir zu 100 Prozent CO2-frei sein. Wir erzeugen jetzt schon über 95 Prozent unseres Stroms aus Wasserkraft und Wind und zu fünf Prozent aus fossiler Energie. Das ist kein Gutmenschentum. Dahinter stecken beinharte wirtschaftliche Überlegungen.

"Die Wasserkraft ist die einzige wettbewerbsfähige erneuerbare Stromerzeugungstechnologie ohne Förderung."


Welche?
Die Wasserkraft ist die einzige wettbewerbsfähige erneuerbare Stromerzeugungstechnologie ohne Förderung. Wenn man ein Wasserkraftwerk baut, dann steht das 100 Jahre. Der Bau ist teuer, aber es läuft eben sehr lange. So halten wir unsere Erzeugungskosten in Summe niedrig.

In welchem Zustand sind die Verbund-Wasserkraftwerke?
Unsere 127 Kraftwerke sind in einem sehr guten Zustand und werden auch ständig gewartet.

2015 hat der Verbund bei drei Milliarden Umsatz 208 Millionen Nettogewinn erwirtschaftet. Und heuer?
Der Preisverfall bei Strom hält an. Vor etwa sieben Jahren lag der Großhandelspreis pro Megawattstunde bei 75 Euro. Jetzt sind es 25 Euro.

Warum merken die Privatkunden nichts davon?
Weil die Stromrechnung zu gut einem Drittel aus Steuern und Abgaben besteht. Und da ist auch der Ökostromzuschlag enthalten.

"Durch die Überproduktion sinkt der Strompreis und die Stromerzeuger vor Ort wollen für den niedrigen Preis den Strom nicht verkaufen."


Sie sind gegen die Ökostromförderung?
Das ist verkürzt: ich bin für Marktwirtschaft mit transparenten Preissignalen und gegen Output-Förderungen auch bei fossiler und nuklearer Energie. Weil diese Förderungen den Markt verzerren. Ökostrom aus Sonnen- und Windkraft wird zu einem hohen Fixpreis eingespeist. Aber nicht nur bei Ökostrom, auch bei anderen Energiequellen müssen verzerrende Wirkungen von Subventionen reduziert werden.

Ist zu viel Strom am Markt?
Ja. Durch die Überproduktion sinkt der Strompreis und die Stromerzeuger vor Ort wollen für den niedrigen Preis den Strom nicht verkaufen. So entstehen Engpässe. Es ist ein Teufelskreis. Und dann ist da noch das Transportproblem.

Wie das?
Ökostrom wird oft dort erzeugt, wo man ihn nicht braucht. Etwa aus Wind an der Nordsee. Die Masse der Verbraucher sitzt aber hunderte Kilometer weiter südlich. Also müsste man viel mehr Stromleitungen bauen, was aufgrund der mangelnden Akzeptanz eher schwierig ist.

"Ohne Speicher können nur 30 Prozent des selbst erzeugten Stroms genutzt werden."


Wo kann der Verbund künftig mehr Geld verdienen?
Mit Dienstleistung für alles was mit Energie und Speicherung zu tun hat: Heizung, Licht, Erzeugung. Wir bieten Komplettlösungen für Private mit Photovoltaikanlagen an. Speicher, Wärmepumpe, Steuerung, Wallstation für E-Mobilität. Ohne Speicher können nur 30 Prozent des selbst erzeugten Stroms genutzt werden. Mit Speicher doppelt so viel. Unsere Ladestationen bieten wir natürlich nicht nur Verbund-Stromkunden an.

Die Mitbewerber finden das sicher nicht lustig.
Der Strommarkt ist ein Verdrängungsmarkt. Es kommen ja kaum neue Stromkunden dazu. Jeden Kunden, den wir wollen, müssen wir jemandem anderen wegnehmen.

Sie bauen auch Landestationen für Elektroautos.
E-Mobilität wird sich durchsetzen. Deshalb haben wir über Smatrics in Österreich ein flächendeckendes Schnellladenetz errichtet.

Wie sieht Ihre persönliche Energiewende aus?
Ich baue bei meinem Haus gerade eine Photovoltaikanlage. Und ich fahre privat ein Elektro-Auto.

Redaktion: Linda Osusky und Wolfgang Unterhuber
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Josef Lankmayer aus Lungau | 27.06.2016 | 22:48   Melden
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