28.07.2016, 00:00 Uhr

"Wir schnüren ein Keine-Sorgen-Paket"

Rafaela Chabti leitet die Übergangspflege am Neuromed Campus in Linz. (Foto: KUK)

Im Rahmen der Übergangspflege am Neuromed Campus werden Patienten nach ihrer Entlassung drei Monate lang zuhause begleitet.

Nach einem Krankenhausaufenthalt stehen viele Menschen – nicht nur Ältere – vor einem Dilemma: Sie sind gesund genug, um entlassen zu werden, fühlen sich aber noch nicht völlig bereit, den Alltag alleine zu meistern. Doch nur wegen einer körperlichen oder psychischen Einschränkung muss man nicht gleich ins Altersheim. Mit der Übergangspflege wird eruiert, ob ein Patient die Möglichkeit hat, sein Leben zuhause selbstständig weiterzuführen. Der Neuromed Campus (damals noch Wagner-Jauregg) hat vor mehr als 20 Jahren als erstes Krankenhaus Oberösterreichs diese spezielle Art des pflegerischen Entlassungsmanagements ins Leben gerufen.

Wieder einleben

"Nach einem Spitalsaufenthalt brauchen viele Menschen Zeit, bis sich alles wieder eingespielt hat. Für uns einfache Dinge können dabei oft zu einer Herausforderung werden", weiß Rafaela Chabti, Leiterin der Übergangspflege am Neuromed Campus. Sie und ihr Team sorgen dafür, dass ihre Klienten schon während des Spitalsaufenthalts optimal auf die Entlassung vorbereitet wird. Im Anschluss wird der Klient maximal drei Monate zuhause betreut und begleitet. "Ziel ist, dass der Klient wieder Stabilität in seinem gewohnten Umfeld erlangt und sich wohlfühlt", so Chabti.

Vertrauen aufbauen

Schon früh wird im Neuromed Campus darauf geachtet, wo der Patient herkommt, wie sein Umfeld ist, welche Ressourcen und Möglichkeiten er selbst hat und ob er nach dem Krankenhausaufenthalt wieder zurück nach Hause kann. „Die optimale Vorbereitung auf die Entlassung beginnt bereits am Tag der Aufnahme“, sagt die Expertin. Ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Pflegefachkräften, Physiotherapeuten etc. entscheidet, ob ein Patient eine Übergangspflege benötigt. Ist das der Fall, lernen sich Patient und Betreuer bereits im Krankenhaus kennen. "Der Patient muss mich zu ihm nach Hause lassen. Dafür ist viel Vertrauen nötig. Wir können nur etwas bewirken, wenn sich der Klient auf uns einlässt", so Chabti.

Optimale Vorbereitung

Noch während des stationären Aufenthalts erfolgt ein gemeinsamer Besuch im eigenen Zuhause. „Der Besuch bietet dem Klienten die Chance, in sicherer Begleitung zu spüren, wie es ihm daheim geht. Im Spital wird man ja rund um die Uhr betreut, es wird einem überall geholfen – da fühlt man sich schnell ein Stück weit sicher. Zuhause ist das oft rasch anders.“ Bei diesem ersten Besuch wird etwa auch auf die Gehfähigkeit und Belastbarkeit sowie die Psyche geachtet und es wird eruiert, welche Partner ins Boot geholt werden müssen, z. Bsp. Essen auf Rädern. "Wenn dann die Entlassung erfolgt, stehen alle Partner schon bereit. Bis dahin arbeiten wir im Krankenhaus daran, etwaige Defizite zu verbessern, etwa durch das Üben des Stiegensteigens oder durch Kochtrainings. Wir schnüren schon im Krankenhaus ein Keine-Sorgen-Paket und sind dann draußen zusätzlich drei Monate da, damit anschließend wieder alles ohne uns funktioniert", erklärt Chabti.

Besuche geben Sicherheit

Am Entlassungstag wird der Klient von seinem Betreuer nach Hause begleitet und so die Wiedereingliederung erleichtert. Regelmäßige Besuche geben Sicherheit. "Diese finden ganz individuell nach den Wünschen und Bedürfnissen des Klienten statt. Unser Team beweist dabei große Flexibilität." Der Betreuer achtet auf psychische und physische Schwierigkeiten, macht Haushaltstrainings, übt das Einkaufen gehen mit dem Klienten und vieles mehr. „Wir aktivieren und motivieren, sind in allen Feldern unterstützend dabei und sind auch Ansprechpartner für alle involvierten Personen und Institutionen. Vor allem bei Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten sind viele froh, wenn jemand da ist, der ihnen erklärt, wie man damit umgeht."

Zukunftsthema

Die Übergangspflege bedeutet für die Pflegefachkräfte eine große Herausforderung. „Wir wissen nie, was uns am nächsten Tag erwartet. Vielseitigkeit, Flexibilität und Spontanität sind daher besonders wichtig. Dazu kommen eine ausgeprägte Belastbarkeit, eine gute Portion Hausverstand, ein gutes Zeitmanagement und ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit.“ Die Teams sind hauptsächlich in Linz und den angrenzenden Bezirken im Einsatz. Pro Jahr werden – je nach Aufwand für die Wiedereingliederung – rund 60 bis 80 Klienten betreut. Auch für das Krankenhaus hat die Übergangspflege Vorteile: "Wir vermeiden damit Drehtürpatienten, minimieren Wiederaufnahmen, halten Akutbetten für echte Akutfälle frei und stellen sicher, dass wichtige Therapien nach der Entlassung auch wirklich durchgeführt werden", so Chabti. Die Expertin ist davon überzeugt, dass die Übergangspflege künftig auch für andere Bereiche wichtig sein wird. „Es ist etwas Wunderschönes, wenn einem jemand zuhört und Aufmerksamkeit schenkt. Das ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Übergangspflege würde jedem guttun.“
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