17.05.2016, 00:00 Uhr

Späte Freundschaft mit dem Alphabet

Brigitte Bauer, die Leiterin des Basisbildungszentrum "abc", setzt sich für Basisbildung für Erwachsene ein.

Brigitte Bauer im Chefinnen-Gespräch über das Stigma Sonderschule, Auswüchse der Bürokratie und Motive ihrer Kursteilnehmer.

15 von 100 Erwachsenen in Salzburg können nicht ausreichend lesen und schreiben. Wie kann das sein in einem Land mit neunjähriger Schulpflicht?
BRIGITTE BAUER: Manche haben in der Schule einfach den Anschluss verpasst – aus verschiedenen Gründen. Vielleicht weil sie als Kinder zu Hause mithelfen mussten und die Schule nicht so wichtig war, vielleicht weil sie es auf viele Fehlzeiten gebracht haben, vielleicht auch weil die Schule, die Lehrkraft versagt haben. Es gibt wunderbare Lehrer und es gibt welche, die pädagogisch nicht fit sind – und die gibt es leider auch heute noch.

Ist das Schulsystem schuld?
Es kommen immer mehrere ungünstige Faktoren zusammen. Aber ja, auch das Schulsystem ist einer davon. Wer nicht in den ersten beiden Jahren die Basics im Schreiben und Rechnen lernt, der hat später keine Chance mehr, das in der Schule individuell und effizient nachzuholen. Es gibt kein flottes und flexibles Reagieren, das Wiederholenlassen einer Klasse ist nicht sehr effizient, das Überweisen in die Sonderschule ein Stigma für's Leben.

Welche Erfahrungen mit der Sonderschule haben Ihre Kursteilnehmer gemacht?

Wer ein Zeugnis aus der Sonderschule hatte, hat es verbrannt, zerrissen oder sonst etwas damit angestellt. In vielen Fällen durfte nicht einmal der Partner davon wissen, so sehr stigmatisiert ein Sonderschulzeugnis. Damit ist auch ein Grundstein für kaum ausgeprägtes Selbstbewusstsein gelegt worden. Vor allem beim ersten Mal huschen viele Kursteilnehmer ganz leise bei der Tür herein, so als würden sie sich am liebsten verstecken.

Das Verstecken der eigenen Defizite beim Lesen und Schreiben begleitet Ihre Kursteilnehmer ja schon fast ein Leben lang. Was ist es, das sie dann in einen Ihrer Kurse lockt?
Oft sind es die eigenen Kinder. Mütter, Väter wollen ihnen bei den Hausaufgaben helfen können. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder ihre Defizite bemerken. Wir hatten eine junge Mutter im Kurs, die konnte die Babynahrung ihrer Tochter im Supermarkt nicht mehr erkennen, weil das Design geändert worden war. Für sie gab das den Ausschlag, zu uns zu kommen. Andere wollen im Beruf bestimmte Aufgaben erledigen können, zum Beispiel Bestellungen ausfüllen.

Wie gelingt das Lernen oft Jahrzehnte nach der Schule?
Unsere Kursteilnehmer bestimmen selbst, worin sie sich verbessern wollen. Groß- und Kleinschreibung zum Beispiel oder das Einmaleins oder überhaupt das Alphabet. Wir haben mittlerweile eine riesige Datenbank mit unterschiedlichsten Lernmaterialien, weil wir für jede neue Anforderung maßgeschneiderte Materialien erstellen. Viele unserer Kursteilnehmer haben jahrelang geglaubt, sie seien zu dumm, um etwas zu lernen. In unseren Kursen – am Anfang sind es Einzelstunden – sehen sie sehr schnell, wie rasch das mit dem Lernen funktioniert.

Sie unterrichten weit mehr Frauen als Männer. Betrifft das Problem mehr Frauen?
Nein, überhaupt nicht. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens melden sich Frauen eher, denn ihnen fällt es leichter, sich diesem Tabuthema zu stellen. Sie erzählen Freundinnen und Bekannten eher von ihrem Kursbesuch. Und zweitens liegt das an der Art unserer Finanzierung. Die läuft fast ausschließlich über Projekte, die zur Hälfte über den Europäischen Sozialfonds und zu jeweils einem Viertel von Bund und Land ko- finanziert werden. Einige dieser Projekte waren bzw. sind reine Frauenförderprojekte. Mit diesen Geldern dürfen wir keine Kurs- plätze für Männer anbieten.

Wie glücklich sind Sie darüber?
Nicht besonders, ganz ehrlich. Ab Herbst wird wieder ein neues Projekt dazu kommen; wieder ein reines Frauenprojekt. Aber ohne dieses Projekt könnten im Herbst viele Kurse nicht starten – wir haben schon wieder Wartelisten. Ich muss aber dazu sagen, dass wir auch andere Projektfinanzierungen haben und damit auch keinen Mann, der zu uns kommt, abweisen müssen.

Finanziell lebt das Basisbildungszentrum "abc" also von der Hand in den Mund. Wäre eine mittelfristige Fördervereinbarung für Sie nicht einfacher?
Natürlich. Der Bewerbungsaufwand im Rahmen von EU-Projekten ist unglaublich groß. Sie müssen sich vorstellen, wir müssen wir ja nicht nur ein umfangreiches Kurskonzept, sondern auch ein Antragsbudget mit detailliertesten Beschreibungen einreichen. Wir mussten zum Beispiel angeben, was wir unter „Büromaterial" verstehen, also: Bleistifte, Lineale, Kugelschreiber, Büroklammern, Tipp-ex. Was nicht angegeben ist, wird nicht finanziert. Das ist nicht nur absurd und ärgerlich, sondern auch unwirtschaftlich. Falls das Projekt dann bewilligt wurde, geht das Dokumentieren erst richtig los.

Wieviel Ressourcen binden diese ständigen Bewerbungen um neue Projektförderungen?
Das legt jede Arbeit lahm. Wenn wir das nicht machen müssten, könnten wir mit Sicherheit laufend um vier Kurse mehr anbieten. Die Fördergelder würden dem eigentlichen Zweck dienen – nämlich den Erwachsenen, die lernen wollen.

Mehr Infos gibt es unter www.abc.salzburg.at bzw. unter 0699 10102020.


Interessiert an mehr Chefinnen-Gesrpächen? Hier geht es zur Interview-Reihe "Chefinnen-Gespräch".
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