11.06.2016, 01:04 Uhr

Zu Besuch beim Training von Assistenzhund Ylvi

Assistenzhund Ylvi mit der offiziellen Kenndecke (Foto: Claudia Stix (www.claudiastix.com))
Schwanzwedeln wartet die junge Labrador Retrieverhündin Ylvi in ihrer Box, während uns ihre Partnerin begrüßt. Als Ylvi endlich auch darf, weiß sie nicht, wem sie zuerst abschlecken soll. Ihren Trainer Paul? Oder doch unseren Schriftführer Paul? Vielleicht doch lieber Clia, die hat ja meistens Leckerlis dabei! Dann ging es auch schon auf den Trainingsplatz. Ylvi und ihr kleiner Freund Medic sind sichtlich begeistert, dass wieder etwas getan wird.

Aber fangen wir vorne an: schon im Vorfeld des AquaDay 2016 wurde entschieden, dass die Aquarienfreunde Tirol heuer neben dem Sozialfonds Jenbach Assistenzhund Ylvi unterstützen. Sie ist Österreichs erster geprüfter PTBS-Assistenzhund. PTBSsteht für Posttraumatische Belastungsstörung. Eher bekannt bei Soldaten die im Kriegseinsatz waren, aber PTBS kann eine Folge von jedem Trauma sein. Bei Ylvis Partnerin ist der Grund hierfür Missbrauch von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter. Die Krankheit zeigt sich in vielen Formen. Krampfanfälle, Dissoziationen, Alpträume, Panikattacken, Flashbacks, Schlafstörungen, Depressionen, Selbstverletzung bis hin zu Suizidgefährdung, um nur einige zu nennen. Wann diese Symptome auftreten ist oft nicht vorher zu sehen. Es reicht ein Geruch oder eine Erinnerung. Für Ylvis Partnerin war ein normales Leben undenkbar und auch heute ist sie weit davon entfernt. Das Nachgehen einer Arbeit ist nicht möglich. Zu unvorhersehbar sind die Anfälle. Aber seit Ylvi da ist, geht es schon viel besser.

Aber was mach Ylvi eigentlich? Nun, sie zeigt ihrer Partnerin Anfälle an, bevor diese sie wahrnimmt. Somit besteht die Möglichkeit, den Anfall abzumildern oder ganz aufzuhalten. Sie weckt ihre Partnerin, wenn sie mal wieder einen Alptraum hat, schaltet das Licht ein und beruhigt sie. Nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen bringt sie die Medikamente und auch gleich die Wasserflasche dazu. Sie hilft ihr aus Dissoziationen schneller wieder rauszukommen. Sie bringt Notfallmedikamente und nervt ihre Partnerin so lange, bis diese einsieht, dass etwas nicht stimmt und sie auch einnimmt. Sie begleitet sie beim Einkaufen.
Ja, beim Einkaufen. Für fast jeden das Normalste was man tagtäglich tut. Nicht für Ylvis Partnerin. Die engen Gänge, die fremden Menschen, die vielen Geräusche und Gerüche. Als das kann Flashbacks, Panikattacken oder Dissoziationen auslösen. Hier hilft Ylvi in dem sie Menschen blockt. Wenn ihre Partnerin beispielsweise durch den Laden geht, weicht Ylvi ihr nicht von der Seite. Sie geht aber immer auf der Seite, von der sich ein Fremder nähern könnte. Sie schafft Abstand und Platz. Das Gleiche macht sie an der Kassa. Sie setzt sich einfach hinter ihre Partnerin. So kann ein Fremder nicht zu nahe kommen und ihre Partnerin fühlt sich zumindest ein klein Wenig sicherer. Aber auch wenn ihre Partnerin sich nicht mehr wirklich erinnern kann, wo denn das Auto steht hilft Ylvi. Derzeit klappt es noch nicht immer so zielstrebig, aber Yvli ist ja erst zwei Jahre alt und wird erst seit zirka ein einhalb Jahren auf ihre Aufgaben als Assistenzhund trainiert.
Aber das Wichtigste an Ylvi ist wohl ihre Anwesenheit. Sie gibt ihrer Partnerin Sicherheit und Ruhe. Jeder Tierhalter kenn es, aber für das "Team Ylvi" hat das noch viel mehr Bedeutung. Ylvi bringt ihre Partnerin auf andere Gedanken. Sie lenkt sie ab in dem sie zum Spielen oder Streicheln auffordert. Sie sorgt auch dafür, dass ihre Partnerin sich nicht von der Außenwelt abschottet. Viel mehr rund um Ylvis Aufgaben gibt es auf ihrer Homepagezu lesen.

Zurück auf den Trainingsplatz. Zum Beginn gilt es für Ylvi eine Runde auf dem Parcours zu absolvieren. Aufwärmen für die kommende Trainingseinheit. Ylvi muss durch Reifen oder um Stangen herum gehen. Dabei muss sie sich einerseits auf ihre Partnerin konzentrieren, was die Bindung stärkt, aber auch auf sich selbst. So bekommt die Labrador Retrieverhündin ein besseres Körpergefühl. Alles unter den strengen Augen ihres Trainers Paul von der Bildungswerkstatt für Mensch und Hund. Wenn einer der Beiden einen Fehler macht, muss die Station wiederholt werden. Zum Abschluss muss Ylvi sitzen bleiben, während ihre Partnerin Leckerlis versteckt. Auf Kommando darf sie diese dann suchen. So bekommt sie den Kopf wieder frei und ist bereit für die nächste Übung. Aber zuvor ist erst einmal eine kurze Pause angesagt. Zumindest für Ylvi. Ihre Partnerin wiederholt die Übung mit Medic. Ylvi läuft derweil am Platz herum und schnüffelt nach den Duftspüren, der Hundekollegen die vor ihr da waren.

Ylvi genießt das Training genauso wie die Pausen dazwischen. Für die junge Hündin sind die Pausen sehr wichtig. Ist sie doch fast rund um die Uhr einsatzbereit. Ihre Partnerin versucht ihr aber klar zu machen, wann sie arbeiten muss und wann Freizeit angesagt ist. Das unterscheidet Ylvi anhand von ihrem Brustgeschirr. Wenn das "Team Ylvi" unterwegs ist, trägt Ylvi immer ein Brustgeschirr. Dort kann eine kleine Tasche mit Notfallmedikamenten angebracht werden. Wenn sie Freizeit hat, trägt sie ihr Freizeithalstuch. Richtig ernst wird es, wenn sie die offizielle Kenndecke trägt. Dann weiß Ylvi, jetzt ist höchste Konzentration gefordert. Die leuchtgelbe Kenndecke mit dem offiziellen Logo bekommen Assistenzhunde - die den Blindenführhunden gesetzlich gleichgestellt sind - erst nach bestandener Prüfung durch das Messerli Institut. Nicht jeder kann sich einfach einen Assistenzhund zulegen. Um in Österreich anerkannt zu werden braucht es neben den bestandenen Prüfungen eine Eintragung im Behindertenpass. Dann hat das Assistenzhundeteam alle Zutrittsrechte, die auch einem Blindenführhund zustehen. Leider ist vielen diese Gesetzesänderung nicht bewusst und nicht selten, werden die Teams aus Geschäften hinausgeworfen. Das stellt allerdings eine Diskriminierung da und kann beziehungsweise wird auch geahndet. Es spielt übrigens keine Rolle, warum ein Assistenznehmer einen Hund hat und er darf auch nicht danach gefragt werden. Der richtige Umgang nicht nur mit Assistenzhundeteams, sonder Hunden allgemein scheint derzeit in Vergessenheit zu geraden. Viele Kinder laufen auf fremde Hunde zu und streicheln sie. Auch Erwachsene betatschen fremde Vierbeiner ohne den Besitzer zu fragen, ob das überhaupt ok ist. Natürlich mögen es Assistenzhunde genauso, wenn sie gestreichelt werden, aber das bedeutet, dass ihre Aufmerksamkeit nicht bei ihrem Partner ist und das kann möglicherweise ungeahnte Folgen nach sich ziehen. Für Ylvis Partnerin heißt es zudem, dass ein Fremder in ihrer unmittelbaren Nähe ist. Es gab aber auch schon Fälle, wo ein Epilepesie-Warnhund einen Anfall nicht rechtzeitig anzeigen konnte und sein Partner dadurch verletzt wurde. Zum richtigen Umgang mit Assistenzhundeteams gibt es auf Ylvis Homepage Informationen.

Dann geht es auch schon weiter. An diesem Tag stand der Grundstein für das Anti-Giftköder-Training auf dem Lehrplan. Ylvi kann gar nix dafür, es liegt ihr in den Genen, dass sie verfressen ist. In Zeiten wo sehr oft Gift ausgelegt wird, ist es für jeden Hund dramatisch, wenn er einen Köder aufnimmt. Für das "Team Ylvi" wäre es ein herber Schicksalsschlag. Auch finanziell. Die Kosten für einen fertig ausgebildeten Assistenzhund liegen im fünfstelligen Bereich. Für Menschen mit Beeinträchtigungen eine enorme Summe, die sie erst einmal aufbringen müssen. Ein Teil wird zwar vom Land und anderen Stellen übernommen, aber es ist für jemanden, der nicht erwerbsfähig ist, trotzdem viel Aufwand, die nötigen finanziellen Mittel dafür aufzutreiben.
Nach Ylvi darf dann auch noch Medic den Leckereien, die unser Schriftführer Paul am Gelände verteilt hat widerstehen und schon ist die Trainingsstunde auch wieder vorbei. Vom Trainer Paul gibt es noch Tipps, wie die drei am Besten in den kommenden Wochen die Übung weiterführen und vertiefen können und dann heißt es auch schon Abschied nehmen.

Wir wünschen dem "Team Ylvi" weiterhin viel Erfolg und freuen uns, wieder von euch zu hören.
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