Kopftuch-Debatte: "Ich habe die Kontrolle darüber, wer was von mir sehen darf"

Menerva Hammad, 25, ist erfolgreiche Journalistin und stellt fest: "Mein Kopftuch geht niemanden etwas an!" | Foto: Burghardt
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(Von Conny Sellner und Momcilo Nikolic)

Menerva Hammad ist 25 Jahre, hat Publizistik studiert und ist freie Journalistin und Kolumnistin. Sie trägt seit ihrem 18. Lebensjahr ein Kopftuch.

"Ich wurde zwar islamisch erzogen, aber das Kopftuch war bis dahin überhaupt nicht wichtig und kein Thema daheim. Meine Mutter hat keines getragen", sagt Hammad. Erst die Nachfrage einer Schulkollegin, warum muslimische Frauen Kopftücher tragen, brachte sie dazu, sich mehr mit dieser Thematik zu beschäftigen. "Im Zuge meiner Rechereche bin ich zur Ansicht gelangt, ich habe die Kontrolle darüber, wer was von mir sehen darf. Das, was man zum Kommunizieren mit mir braucht, sieht man sowieso."

Auch die elfjährige Meryem (Name von der Redaktion geändert) hat sich im vergangenen Sommer aus freiem Entschluss dazu entschieden, ein Kopftuch zu tragen. Ihre Gründe beschreibt das Mädchen so: "Ich wollte schon früher eines tragen, habe immer mit Tüchern experimentiert und fand es einfach sehr schön.
Meine Eltern waren zu Beginn dagegen und meinten, ich sei noch zu jung für solche Entscheidungen, und ich soll mir lieber Zeit lassen dafür. Diesen Sommer habe ich mich einfach durchgesetzt."

Reaktion der anderen

Hammad erinnert sich daran, wie es früher war. "Meine Haare zu machen, einen Rock anzuziehen - all das war nicht für mich, sondern für andere. Im Sommer vor sieben Jahren bin ich in Ägypten an einem Krawatten- und Tüchergeschäft vorbeigegangen und habe, weil sie mir so gut gefallen haben, gleich 25 Kopftücher gekauft." Menerva war die erste Frau überhaupt in ihrer Familie, die zum Kopftuch gegriffen hat und wollte vorab mit niemandem über ihre Entscheidung reden. "Ich wollte nicht, dass es mir jemand ausredet. Als ich schließlich das erste Mal mit einem Kopftuch meiner Mutter gegenüber gestanden bin, hat selbst sie mich nicht erkannt und wollte, dass ich es abnehme."

Meryem schildert die Reaktionen ihrer unmittelbaren Umwelt folgendermaßen: "Viele waren überrascht! Mitschüler tuschelten hinter meinem Rücken darüber, manche haben mich direkt angesprochen und das fand ich viel angenehmer. Meine besten Freunde sind aber immer noch meine besten Freunde, weil sie mich gern haben, so wie ich bin - egal, wie meine „Verpackung“ ist. Sie haben Zeit gebraucht, sich an mein verändertes Äußeres zu gewöhnen."

Angst um ihre Kinder

Menervas Mutter war anfänglich gegen das Tragen des Kopftuchs. Sie fürchtete, dass ihre Tochter diskriminiert wird und keine Chance auf einen Job hätte. Hammad setzte ihren Kopf durch und ein Jahr später folgte ihre Mutter ihrem Beispiel. "Zwang war bei uns nie ein Thema. Ich bin noch nie zu etwas gezwungen worden. Auch meine Brüder nicht.", stellt sie klar. Meryems Eltern hatten ebenso Angst um ihre Tochter und befürchteten, dass sie damit Angriffen ausgesetzt ist. Dennoch akzeptierten sie ihre Entscheidung, da Meryem reflektiert äußerte, warum sie sich viel wohler fühle, wenn sie ein Kopftuch trägt.

"Guter" Moslem

Es ist üblich, dass muslimische Frauen zu ihrer Geschlechtsreife zum Kopfuch greifen. "Das stimmt, aber, man muss es wollen. Wenn ich das jetzt mache, weil ein "Haberer" das von mir verlangt, dann ist es umsonst. Und nur weil ich ein Kopftuch trage, heißt es nicht, dass ich ein guter Mensch bin. Ein Bart im Gesicht und ein Kopftuch zu tragen bedeutet ja nicht automatisch, dass man ein guter Moslem ist", meint etwa Menerva Hammad. "Im Arabischen heißt es ja nicht Kopftuch, sondern "Hidschab" - und das heißt "Verhüllung". Darum geht es."

Zeichen der Identität

In Wien sieht man in den letzten Jahren mehr und mehr Frauen, die zum Kopftuch greifen. Hammad meint, den Grund dafür zu kennen: "Dadurch, dass man hier soviel Diskriminierung ausgesetzt ist, möchte man das Gefühl haben, dass man irgendwo dazugehört. Es geht um Identität und Zugehörigkeit. Ich war ja aufgrund meines Aussehens immer schon das "Mullatenkind" oder das "kleine Negerlein". So fühle ich mich jetzt mehr wie ich." Die erfolgreiche Journalistin hat lange Jahre versucht, als Österreicherin anerkannt zu werden. Obwohl sie bereits seit ihrem zweiten Lebensjahr in Österreich lebt und perfekt Deutsch spricht, stand sie immer unter dem Druck, sich zu beweisen, auszusehen wie eine Österreicherin oder sich so anzuziehen. "Ich hatte zwei Identitäten, die ich nicht gleichzeitig pflegen konnte. Später kam ich darauf, dass ich muslimsiche Austro-Ägypterin sein kann. Das ist kein Widerspruch, wie ich lange dachte. Man kann Muslima und Österreicherin sein."
Für die elfjährige Gymnasiastin Meryem sind die Gründe klar, warum sie ein Kopftuch tragen möchte. "Weil es mich ausmacht und zu mir gehört. Ich fühle mich damit frei, geborgen, beschützt und reifer."

"Gehören Sie zum IS?"

Menerva Hammad ist sich bewusst, dass es viel Hetze gegen Muslime in Wien gibt. "Man darf nicht immer gleich in die Opferrolle fallen. Ich seh mich ja nicht als Opfer." Die Reaktionen auf ihr Kopftuch beinhalten ein breites Spektrum von Unverständnis, Unwissenheit und Feindseligkeit. "Neulich hat mich eine alte Frau auf der Straße gefragt, ob ich zum IS gehöre. Aber die Dame hat das nicht böse gemeint. Auf meine Gegenfrage, warum sie das denn glaubt, meinte sie, weil ich ein Kopftuch trage. Ich habe ihr dann erklärt, dass die zwei Wiener Mädels, die zum IS gegangen sind, keines getragen haben. Die waren nicht einmal Muslimas. Da hat sie mir zugestimmt." Hammads Strategie in solchen Fällen ist immer dieselbe: Versuchen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Feindseliges Brüllen bringe nichts. Ihre Anmerkung, dass auch Nonnen verhüllt wären, Verhüllung auch im Judentum und in der Orthodoxie dazugehört, bringt Menschen oft zum Nachdenken.

Auch Meryem ist oft mit Fragen rund um ihr Kopftuch konfrontiert: "Die anderen Kinder waren zu Beginn einfach neugierig, was meinen Alltag mit Kopftuch betrifft. Ob ich z.B. damit schlafen muss, ob ich es zuhause trage, wie es mit Schwimmen und Turnen aussieht usw. Die beliebteste Frage, die mir gerade im Sommer immer wieder gestellt wird: 'Ist dir nicht heiß damit?' Es wurde viel über mich geredet aber nicht mit mir. Ich glaube, die meisten haben sich nicht getraut. Vielleicht aus Angst, wie ich darauf reagiere?" Lächelnd fügt sie noch hinzu: "Nein, ich schlafe nicht mit meinem Kopftuch und mir ist auch nicht heiß damit!"

Pöbeleien und Angriffe

Menerva Hammad sieht sich zwar selbst nicht als Opfer, war jedoch bereits in Situationen, in denen sie sich unwohl gefühlt hat und auch Angst verspürte. So wurde sie im Alter von 18 Jahren in der Öffentlichkeit angespuckt. "Und neulich, als das mit dem IS alles angefangen hat, haben sich in der U-Bahn zwei Betrunkene gegenüber von mir gesetzt. Sie haben dann lautstark darüber fantasiert, wie sie eine Muslima vergewaltigen würden. Und über Salafisten. Ich dachte mir nur, ich bin doch keine Salafistin! Ich setzte mich weg, doch sie folgten mir. Aber ich hatte Glück, denn ein Bekannter ist eingestiegen und sie haben Ruhe gegeben."

Meryem hatte bislang nur ein negatives Erlebnis in Verbindung mit ihrem Kopftuch: "Einmal wurde mir mein Kopftuch von einer Mitschülerin heruntergerissen, um mich zu ärgern." Für ihre Eltern ist jedoch klar, dass ihre Tochter in der aktuellen Situation durch ihr Kopftuch einer größeren Gefahr ausgesetzt ist, wenn sie in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Deshalb darf sie unter anderem nur in ihrer Begleitung zum Einkaufen gehen und muss nach dem Unterricht ohne Umwege sofort nach Hause kommen.

Kein Ziel

Menerva Hammad wehrt sich hingegen, sich aufgrund ihres Kopftuchs und der damit verbundenen Intoleranz einiger Mitmenschen verstecken zu müssen. "Was wäre das für eine Welt, wenn homosexuelle Menschen sich verstecken müssten? Wenn ich das Tuch abnehme, werde ich ja dennoch aus Ausländerin beschimpft. Warum soll ich mich verändern, weil Leute hassen? Sich zu verstellen, ist das Schlimmste." Angst hat Hammad nicht um sich selbst, sondern, dass ihrer Familie etwas passiert.

IS tötet Muslime

Der Wiener Firas Houdi, der seit Mai in Syrien weilt und kämpft, wird seit August per internationalem Haftbefehl gesucht. Menerva Hammad war in Wien seine Nachbarin. "Was die Medien hier nicht erwähnen ist ja, dass der IS andere Muslime tötet. Der Firas ist a-religiös aufgewachsen und hatte keine Ahnung, was er mit seinem Leben machen soll. Er hat die Schule abgebrochen. Ihm werden jetzt 11.000 Euro im Monat vom IS angeboten, deshalb ist er da hin. Das hat nichts mit Religion zu tun! Die bringen dort vor allem Muslime um, Schiiten. Das heißt ja, im Prinzip sollte ich Angst haben. Für sie bin ich ja eine Ungläubige. Die Opfer des IS sind vor allem Muslime!" Es gibt in Österreich mehr als eine halbe Million Muslime. "Knapp 150 davon sind jetzt beim IS. Die Restlichen können nichts dafür. Hier aber gibt es einen Generalverdacht gegen alle Muslime. Warum muss der Rest die Rechnung dafür tragen? Warum sehe ich nicht in jedem Österreicher einen potenziellen Fritzl oder einen Nazi? Weil es so nicht in den Medien kommuniziert wird!"

Bedeutung des Kopftuchs

Auf die Frage, was das Kopftuch für sie konkret bedeutet, haben beide Muslimas eine simple und in sich starke Meinung. Menerva: "Das Kopftuch ist ein Teil von mir. Ein Teil von mir, der niemanden etwas angeht." Meryem besinnt sich auf die Worte ihrer Mutter, wenn sie meint: "Ich fühle mich sehr wohl und hübsch in meiner Kleidung, und ich möchte selber entscheiden, was ich anziehe - egal, wie es die anderen finden. Ich möchte, dass die anderen meine inneren Werte schätzen!
Meine Mama sagt mir immer, wahre Schönheit kommt von innen und wichtig ist, dass ich wertschätzend zu allen Menschen sein soll. Das wünsche ich mir auch von den anderen."

Stellungnahme der Liberalen Muslime

Amer Albayati, Präsident der Liberalen Muslime in Österreich (ILMÖ) wird oft angefeindet, möchte aber nicht schweigen. Er ist gegen eine Ganzkörperverhüllung und nennt das Kopftuch eine private Sache: "Es soll kein polit-religiöses Symbol sein. Das lehnen wir ab. Der gesellschaftliche Effekt ist ja, dass Mütter Angst haben, dass ihre Töchter nicht heiraten werden, wenn sie keines tragen. Kopftuch wird bei vielen mit Ehre gleichgesetzt. Das ist falsch. Wer sich frei dafür entscheidet, soll es ruhig privat tragen, aber wir sind strikt dagegen, dass drei- oder vierjährige Kinder eines tragen müssen. Sie verlieren dadurch ihre Verspieltheit und ihre Jugend. Aber die meisten Muslimen in der ganzen Welt sind ohne Kopftuch. Anders gesagt: Die kopftuchtragenden Muslime sind eine winzige Minderheit im Verhältnis zum Rest der Muslime. Auch in Österreich."

Stellungnahme der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ)

Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, hat eine konkrete Meinung zu dem Thema "Kopftuch":

bz: Welche Bedeutung hat das Kopftuch im Islam?
"Das Kopftuch ist ein Teil der Glaubenspraxis – kein Symbol! Es wäre ein arges Missverständnis, die muslimische Frau aufs Kopftuch zu reduzieren. Denn erst einmal gibt es viele andere Dinge in der Religion, die als „Säulen“ auch einen hohen Stellenwert haben: Glauben an den einen Gott, Gebet, sozial – religiöse Pflichtabgabe an Bedürftige, Fasten im Ramadan und Pilgerfahrt nach Mekka. Daneben allgemein ein ethisches Verhalten, das dem Geist des Islams entspricht. Da sind Mann und Frau übrigens vor die gleichen Aufgaben gestellt.

bz: Viele Wiener assoziieren das Kopftuchtragen mit Zwang und Unterdrückung. Ihre Meinung dazu?

"Da gehen die eigene Wahrnehmung von Muslimen und die Außensicht ganz auseinander. Inzwischen gibt es aber auch empirische Studien dazu (Ulram 2012). Da zeigt sich dann, dass die allermeisten Musliminnen in Österreich das Kopftuch aus freien Stücken tragen – nur 4% „weil es die Familie erwartet“. Nur 16% der befragten Männer meinten: „Meine Frau sollte das auf jeden Fall“.

bz: Ab wann soll/muss man Kopftuch tragen? Geschlechtsreife? Wenn man zur Frau wird?

"Das Selbstbestimmungsrecht ist hier sehr wichtig. Aus religiöser Sicht mit der religiösen Mündigkeit, wie übrigens alles aus der Glaubenspraxis (Fasten, rituelles Gebet, etc.). Da gibt es zwei Faktoren: körperliche und geistige Reife – wie ja das Erwachsenwerden ein Prozess ist. Wie generell beim Praktizieren von Religion geht es hier um individuelle Entscheidungen, die mit der persönlichen Gläubigkeit zu tun haben. Genauso sind die Motive von Kopftuchträgerinnen sehr individuell. Der Glaube ist dabei das zentrale Motiv."

bz: In welchen anderen Religionen gibt es ähnliche Vorschriften zur Bedeckung, die vergleichbar sind?

"Im orthodoxen Judentum bedecken Frauen ihr Haar – heute manchmal mit einer Perücke. Auch im Christentum ist das Kopftuch nicht völlig fremd. Die Großmüttergeneration hat in der Kirche noch einen Schleier aufgesetzt. Weibliche Besucherinnen beim Papst bedecken ihr Haar."

bz: Wie steht die IGGiÖ zum Kopftuchtragen?

"Wir treten für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen ein. Gleichzeitig stellen wir uns gegen ideologische Instrumentalisierungen des Kopftuchs. Diese gibt es in beide Richtungen: Zwang zum Tragen und Zwang zum Ausziehen. Beide Extreme greifen die Mündigkeit von Frauen an und missbrauchen die Sichtbarkeit des Kopftuchs (bzw. des Ablegens), um auf den Köpfen der Frauen Politik zu betreiben."

Menerva Hammad, 25, ist erfolgreiche Journalistin und stellt fest: "Mein Kopftuch geht niemanden etwas an!" | Foto: Burghardt
Aufgrund der aktuellen Situation möchte Meryem (Name von der Redaktion geändert) unerkannt bleiben. Für sie steht jedoch fest. "Ich fühle mich mit meinem Kopftuch sehr wohl-" | Foto: Sellner
Amer Albayati, ILMÖ (Initiative liberaler Muslime Österreichs), spricht sich gegen das Tragen eines Kopftuchs bei Kleinkindern aus. | Foto: Nikolic
Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), Fuat Sanac, möchte betonen: "Das Kopftuch ist kein Zeichen, sondern ein Teil des Glaubens." | Foto: Santrucek
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