31.08.2016, 20:00 Uhr

"Völlige Abstinenz ist unrealistisch"

Dank Smartphone ist das Internet heute überall verfügbar. Bei manchen kann das zur Sucht führen. (Foto: Syda Productions/Fotolia)

Surfen, chatten, online spielen: Das Internet ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Doch immer mehr Menschen werden süchtig nach dem World Wide Web.

Internetsüchtige behandelt die Ambulanz für Spielsucht der pro mente OÖ am Neuromed Campus in Linz. Sie ist die einzige Anlaufstelle dieser Art in Oberösterreich. Leiter Kurosch Yazdi erklärt im Interview, warum sich nur wenige Betroffene helfen lassen wollen und eine völlige Abstinenz unmöglich ist.

StadtRundschau: Primar Yazdi, was ist Onlinesucht genau?

Kurosch Yazdi: Onlinesucht umfasst alle Suchterkrankungen, die es ausschließlich durch das Internet gibt. Dazu gehören etwa Online-Rollenspiel-Sucht, Internetpornografie-Sucht oder die Sucht nach sozialen Medien. Manche Süchte, wie etwa Glücksspielsucht oder Kaufsucht verlagern sich immer mehr ins Internet, zählen aber nicht nur klassischen Onlinesucht. Es gibt jedoch starke Überschneidungen zur Handysucht.

Welche?
Es ist eher selten, dass Menschen süchtig nach dem Handy selbst sind bzw. nach dem Erreichbar-sein. Die Betroffenen müssen dann etwa ständig nachschauen, ob jemand angerufen oder eine SMS geschrieben hat. Für die meisten ist das Handy ein Medium, mit dem sie eine Internetanwendung nutzen können. Onlinesucht wird daher zu einem immer größeren Teil über das Handy betrieben.

Ein Leben ohne Handy zu führen ist heutzutage fast unvorstellbar ...
Das ist das Problem. Das Handy macht das Internet leichter zugänglich. Je verfügbarer ein Suchtmittel ist, desto mehr Menschen werden auch süchtig. Durch das Smartphone ist das Internet 24 Stunden am Tag verfügbar, etwa auch in der Schule oder in der Arbeit, wo es früher Phasen gegeben hat, die man nicht am Computer verbracht hat.

Sind wir heute also alle gefährdet, süchtig zu werden?
Theoretisch kann Onlinesucht jeden treffen. Der Großteil der Betroffenen sind jedoch Menschen zwischen 15 und 25 Jahren. Wie bei jeder Suchterkrankung, also auch wie Alkohol oder Drogen, sind vor allem Menschen gefährdet, die psychosoziale Leiden haben – die etwa ängstlich, depressiv oder einsam sind. Mit einer Suchterkrankung kompensiert man ja ein Defizit, das man spürt. Die Erhebungen in Europa zeigen, dass Onlinesucht bei Männern und Frauen in etwa gleich verteilt ist. Bei Männern sind es jedoch meist Spiele – von Online-Rollenspielen über Egoshooter bis zu Strategiespielen – bei Frauen sind es meist soziale Medien. Von Internetporno-Sucht sind hauptsächlich Männer mittleren Alters betroffen.

Ab wann spricht man von einer Sucht?
Eine Sucht definiert sich über verschiedene Faktoren. Das eine ist die Menge des Konsums, die bei Süchtigen weit überdurchschnittlich ist. Ein weiteres Kennzeichen ist, dass jemand weitaus mehr konsumiert, als er sich vornimmt. Dazu kommen Entzugserscheinungen. Wenn man Onlinesüchtigen die Möglichkeit nimmt, das Internet zu nutzen, werden sie genauso wie Alkohol- oder Nikotinabhängige nervös, gereizt, können nicht mehr schlafen, und versuchen Wege zu finden, ihre Sucht stillen zu können. Krankhaft ist etwas dann, wenn für den Betroffenen oder sein Umfeld Schaden entsteht.

Welche Schäden können das sein?
Wenn man etwa in der Schule eine Klasse wiederholen muss, wenn man vereinsamt, die Familie ständig streitet, man Haltungsschäden bekommt, weil man ständig vor dem Computer sitzt usw. Wo kein solcher Schaden entsteht, ist es nicht krankhaft. Anders gesagt: Wenn man vielfältig bleibt und auch anderen Tätigkeiten und Hobbys nachgeht, muss man sich keine Sorgen machen. Da darf es dann auch einmal vorkommen, dass man einen ganzen Tag lang durchspielt oder sich stundenlang auf Whats App unterhält.

Wie kann Betroffenen geholfen werden?
An der Ambulanz für Spielsucht bieten wir Psychotherapie für Betroffene. Das Problem ist jedoch, dass sich die wenigsten helfen lassen wollen, weil sie selbst keinen Leidensdruck spüren. Es sind eher Eltern oder Freunde, die sich Sorgen machen und Hilfe wünschen. Man kann niemanden zu einer Psychotherapie zwingen. Die Betroffenen müssen es wollen und auch selbst etwas dafür tun. Wir bieten aber eine eigene Elterngruppe an, die sich alle zwei Wochen am Abend in Begleitung eines unserer Therapeuten trifft.

Was kann man zuhause tun, wenn man fürchtet, das eigene Kind könnte in die Onlinewelt abdriften?
Das hängt stark vom Alter ab. Je jünger ein Kind ist, desto wichtiger ist es, Grenzen zu setzen und die Internetnutzung einzuschränken. Kinder lässt man ja auch nicht Alkohol oder Zigaretten unkontrolliert konsumieren. Je älter ein Kind ist, desto weniger kann man den Internetkonsum einschränken. Wenn man dem Kind nur Grenzen setzt und dabei meist abwertend ist, dann wendet sich das Kind irgendwann innerlich von den Eltern ab. Daher sollte man positiver auf das Kind zugehen und andere Angebote machen. Dafür ist es wichtig, sich zuerst für das zu interessieren, was das Kind tut und damit das Kind zu respektieren, anstatt gleich Vorwürfe zu machen. Dann kann man versuchen, einen Deal zu machen, der beiden Seiten entgegenkommt.

Durch das Smartphone ist das Internet immer und überall verfügbar. Davon loszukommen, ist daher umso schwieriger.
Bei Onlinesüchtigen kann das Ziel nicht sein, in völliger Abstinenz zu leben. Es gibt schon Experten, die fordern, dass wir uns wieder völlig vom Internet und vom Smartphone abwenden. Das wäre heutzutage jedoch völlig unrealistisch. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten für jene, die von ihrer Sucht wegkommen wollen: Menschen, die noch nicht so stark süchtig sind, können versuchen, die Internetnutzung kontrollierter und in einem geringeren Ausmaß zu betreiben – etwa nur an bestimmten Tagen oder zu bestimmten Uhrzeiten. Menschen, die schon sehr stark süchtig sind, sollten versuchen, die bestimmte Anwendung zu vermeiden, nach der sie süchtig sind – etwa das Online-Rollenspiel oder die Kommunikationsplattform.

Hier finden Sie Information und Hilfe

Ambulanz für Spielsucht: Beratung und Therapie bei Onlinesucht. Für betroffene Eltern gibt es eine eigene Gruppe. Eine Anmeldung ist unter Tel. 05768087-39571 möglich. Vor der Aufnahme in die Gruppe findet ein Erstgespräch statt.
Institut Suchtprävention: Aktivitäten und Factsheets für verschiedene Zielgruppen
Safer Internet: Tipps zur Sicherheit im Internet
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