11.10.2016, 11:55 Uhr

Unser Hochkönig – deine Geschichte

Erni Reindl denkt noch oft an den Tag zurück, als sie beim Preiselbeeren Pflücken den Luftballon von Christine fand.

Der Hochkönig ist mit einer Höhe von 2.941 Metern der höchste Gebirgsstock der Berchtesgadener Alpen. Der Hauptgipfel, der ebenfalls Hochkönig heißt, überragt alle Berge im Umkreis von 34 Kilometern. Der Berg verbindet den Pongau und den Pinzgau miteinander ebenso wie auch die Menschen, die an seinem Fuße leben. Einige von ihnen erzählen uns ihre Geschichte mit dem Hochkönig:

Die Mutter des Hochkönigs

Die Sonne scheint in die Stub’n des passionierten Jägers. Wo das Licht auf den Fußboden fällt, hat es sich sein Gefährte Xandl, der Jagdhund, gemütlich gemacht. Als würden sie von Spots beleuchtet, setzt die Sonne die vielen Krickerl an der Wand ins rechte Licht. Peter Radacher Senior rührt in seinem Kaffee. Vor ihm liegt ein altes Foto, vergilbt und an den Rändern eingerissen: „Das ist Mutter Radacher, die Mutter des Hochkönigs und meine Großmutter.“

Frau, die beeindruckte
Das Bildnis zeigt eine imposante Frauengestalt in Kniebundhosen, mit Hut und langem Wanderstab. „Sie war alles andere als eine gewöhnliche Frau. Mit 1,80 Meter Körpergröße, kräftig, robust und harsch, wirkte sie auch auf so manchen Mann einschüchternd. Und Hosen zu tragen, schickte sich für eine Frau um 1900 eigentlich nicht“, erzählt ihr Enkel. Die Kleidung war aber nötig, denn in Rock oder Kleid wäre Therese Radacher nicht auf 2.941 Meter Seehöhe hinaufgekommen. Dort hatte die geschäftstüchtige Frau nämlich von 1898 bis 1920 alleine das Schutzhaus am Hochkönig gepachtet. 22 Jahre lang bewirtschaftete sie diese Hütte wie auch die Alpenwirtschaft Mitterberg in Mühlbach (heutiges Arthurhaus).

1.500 Höhenmeter „gependelt“
„Von ihr erzählt man sich, dass sie manchmal den Touristen im Wirtshaus das Frühstück machte, bei deren Eintreffen am Hochkönig bereits das Mittagessen vorbereitet hatte und abends wieder unten am Herd stand, um für die rückgekehrten Bergsteiger das Abendessen zu kochen“, lacht Peter Radacher sen. „Das ist wohl ein bisschen übertrieben, aber 22 Jahre lang pendelte diese Frau jeden Sommer die 1.500 Höhenmeter. Eine, für heutige Zeiten, fast unglaubliche Leistung.“

Des Hochkönigs guter „Berggeist“
Da Mutter Radacher das Berggebiet wie ihre Westentasche kannte, konnte die Hüttenwirtin zahlreiche Touristen aus der Bergnot retten. Bei Nebel und Schneesturm stand Therese Radacher vor der Hüttentür und gab mit ihrem Signalhorn laute Zeichen, um Verirrten den Weg zum Schutzhaus zu weisen. So manchen wackeren Bergsteiger soll die starke Frau mit letzter Kraft über den Gipfelaufbau zur Hütte geschleppt haben, erzählt man sich noch heute in Mühlbach. „Die Menschen in Mühlbach haben meine Großmutter bewundert.
Die Männer schätzten ihre unglaubliche Leistung und die Frauen sahen sie als Vorbild“, erinnert sich ihr Enkel, der selbst viele Sommer mit ihr im Schutzhaus verbrachte. Uns vertraut er auch noch seine Lieblingsgeschichte über die Großmutter an:

Das Kind in der Küche
Mutter Radacher war bekannt für ihren vorzüglichen Kaiserschmarrn. Im Jahr 1900 bestellte sich ein Gast dieses Gericht und lobte es sehr. Nach einer Stunde bestellte er eine zweite Portion. Es verging fast eine Stunde, bis die Kellnerin ein braun-verbranntes Häuflein Elend auf dem Teller herausbrachte. Auf die entsetzte Frage des Gastes, was diesen Wandel in der Kochkunst bewirkt habe, antwortete die Kellnerin: „Mutter Radacher entschuldigt sich, aber sie hat in der Zwischenzeit ein Kind geboren.“ – „So warn’s eben, die alten Bergwirtsleut’!“, lacht Peter Radacher sen. und streichelt Xandl über den Kopf, „ – hart, aber auch herzlich.“

Der Hochkönig macht Freunde

Vor 15 Jahren ließ ein damals 8-jähriges blondes Mädchen voll Hoffnung, eine neue Freundin zu finden, in Kufstein einen Luftballon steigen. An ihm hing ein Zettelchen mit dem Namen und der Adresse der Volksschülerin, die so gerne eine Brieffreundin finden wollte. Der Wind erfasste den tanzenden Ballon und nahm ihn mit, beinahe 80 Kilometer weit. Wenige Tage später pflückte die Mühlbacherin Erni Reindl am Fuße des Hochkönigs, am Hochkeil, Preiselbeeren. „Und wie ich mich da um die Beeren
bückte, sah ich im Moos einen zerplatzten Luftballon mit einem Zettel liegen“, erzählt die Mühlbacherin. „Heute weiß ich, dass es Schicksal war, dass genau ich diesen Ballon gefunden habe.“

Ein Anruf und 1.000 Briefe
„Christina“ stand mit sauberer Handschrift am Zettel und Erni Reindl wählte noch am selben Tag ihre Nummer. „Ich dachte, das Mädchen würde enttäuscht sein, dass kein gleichaltriges Kind ihren Ballon gefunden hatte. Was sollte sie schon mit einer 67 Jahre alten Frau zu schreiben wissen. Aber die aufgeweckte und herzliche Christine hat sich so über meinen Anruf gefreut, dass mir sofort das Herz aufgegangen ist“, blickt die Mühlbacherin zurück.

Wind und Hochkönig haben’s gewusst
Seither sind 14 Jahre vergangen. Die kleine Christina wechselte von der Volksschule ins Skigymnasium, hat zu studieren begonnen und ist mittlerweile 23 Jahre alt. Und Frau Reindl, die Preiselbeer-Pflückerin vom Hochkeil? Die ist zu Christinas „Wahloma“ geworden.
Immer noch schreiben sich die beiden Frauen regelmäßig seitenlange Briefe über alles, worüber sich Brieffreundinnen eben so unterhalten. Auch Besuche gibt es hin und wieder. „Christine ist mein sechstes Enkelkind geworden. Nie hätte ich gedacht, dass aus diesem kleinen Zettelchen eine so tiefe und lange Freundschaft entstehen könnte“, sagt Erni Reindl. Der Wind und der Hochkönig haben gewusst, dass es sich lohnen wird, diese beiden Frauen zusammenzubringen.
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