05.04.2016, 05:30 Uhr

"Ja, ich habe Wildfremde hier"

Lilo Horner mit ihren beiden Mitbewohnern Nasr (23) und Ejhab (33).

Lilo Horner traut sich was, wie ihre Freunde sagen. Sie hat zwei Flüchtlinge aufgenommen.

"Es ist so toll, was du da machst." Wenn Architektin Lilo Horner (72) diesen Satz hört, dann fährt sie ihre Krallen aus, wie sie selbst sagt. "Ich mache ja fast nichts, ich stelle nur ein leeres Kinderzimmer und den wenig benützten Spielekeller in meinem Haus zur Verfügung. Das ist eigentlich nichts besonderes", findet die Salzburgerin. Nachsatz: "Es wäre so leicht, ein bisschen mehr Menschlichkeit in der Frage der Flüchtlingsunterbringung zuzulassen."

"Sie bekochen uns"

Im ehemaligen Kinderzimmer wohnt nun Nasr (23) aus dem syrischen Aleppo, im Spielekeller Ejhab (33) aus dem Irak. Beide sind seit Mai letzten Jahres in Österreich und warten seither auf ihr Erstinterview durch die Asylbehörden. Lilo Horners Sohn Peter, ebenfalls Architekt, kann das nicht nachvollziehen: "Das ist jetzt neun Monate her – und in der Zeit lassen wir sie nur Däumchen drehen. Ich kenne auch einen anderen 27-jährigen Flüchtling, der Architekt ist – sogar nostrifiziert in Österreich –, hervorragend Englisch spricht und sich seinen Deutsch-Kurs selbst bezahlt hat. Ich bin überzeugt davon, dass er innheralb eines halben Jahres soweit wäre, sofort arbeiten zu können. Theoretisch, denn auch er wartet seit Monaten auf sein Erstinterview."

"Ein neues Bewusstsein"


"Kaffee?", fragt Lilo Horner. Nasr deckt Tassen auf, Ejhab schaltet die Kaffeemaschine ein, die Gastgeberin stellt ein Schüsselchen Kekse auf den Tisch. "Danke", sagt Ejhab auf Deutsch. "Ich habe noch nie eine so saubere Küche gehabt wie seit die beiden hier bei uns wohnen", sagt Lilo Horner. "Und: Sie bekochen uns auch, mit würzigem Reis, knusprigen Hühnerstücken oder Salat mit viel Petersilie, köstlich." Und nach ein paar Schlucken Kaffee sagt sie: "Wissen Sie, ich bin überrascht, wie sehr ich persönlich von unseren 'Geistern' wie ich sie nenne, profitiere. Und damit meine ich natürlich nicht die saubere Küche, sondern ein neues Bewusstsein. Ich sehe, in welchem Frieden wir hier leben, wir können überall hingehen, wir können alles sagen, ohne Angst haben zu müssen. Und dieses Glücksempfinden wird fast ein bisschen mehr, wenn man es teilen kann."

"Anderen Mut machen"

Ihr ist die Idee, Flüchtlinge aufzunehmen, beim Wegräumen der Weihnachtskrippe gekommen. "Ich habe mir gedacht, wie oberflächlich das ist, wenn wir diese Story doch in echt haben." Im Internet ist sie auf die Plattform www.fluechtlinge-willkommen.at gestoßen und hat sich kurzerhand gemeldet. "Natürlich haben manche meiner Freunde die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und haben gesagt, na, du traust dich was! Aber ich kann Ihnen sagen, es klappt wunderbar. Nasr und Ejhab sind wunderbare, freundliche und ausgesprochen hilfsbereite Mitbewohner. Ich möchte wirklich anderen Mut zum Nachahmen machen, es ist ein echter Gewinn für beide Seiten."

Und sollte es nicht klappen? "Man kann den Mietvertrag – den man für ein halbes Jahr abschließt – natürlich auch davor kündigen." Für Lilo Horner ist das kein Thema. Und: Wer kein Zimmer zur Verfügung stellen möchte, der könnte auch mit einer Patenschaft helfen, und damit "Zeit Miteinander verbingen, das Fremde kennenlernen, die Angst verlieren."

SO KÖNNEN SIE HELFEN
Über die Plattform www.fluechtlinge-willkommen.at werden in Salzburg Privatunterkünfte für Flüchtlinge vermittelt.
Die Unterbringung von geflüchteten Menschen in privaten Unterkünften anstatt in Massenunterkünften hält für beide Seiten Vorteile bereit, sagt Koordinatorin Selina Nowak: "Die Flüchtlinge finden besser Anschluss und lernen schneller die Sprache. Die Unterkunft Gebenden lernen eine andere Kultur, Sprache und Kulinarik kennen und helfen Menschen in einer schwierigen Situation."

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