Lichtsmog aus Windkraftanlagen
Nächtliches Dauerblinken: Weckrufe ans Ministerium
- Marchfeld bei Nacht: Die rot blinkenden Windrad-Lichter ärgern nicht nur nächtliche Spaziergänger, sie gefährden auch nachtaktive Tiere.
- Foto: Regina Courtier
- hochgeladen von Ulrike Potmesil
Windkraftanlagen müssen in Österreich in der Nacht blinken. Das stört Menschen und gefährdet Tiere. Die gute Nachricht: Es gibt Alternativen. Die schlechte: nicht in Österreich.
WEINVIERTEL. Wer nachts am Kellerberg in Mannersdorf neben der Rochuskapelle, dem Wahrzeichen der Region, steht und sich umblickt, der sieht rot: Nicht einige Lichter, nicht viele: Die ganze Landschaft blinkt, feuerrot. Las Vegas: ein müdes Lercherl gegen das, was sich hier am Land nach der Dämmerung abspielt.
Mit 733 Anlagen und über 1.7 Gigawatt Leistung ist Niederösterreich bei der Windkraft Spitzenreiter aller österreichischen Bundesländer, mit Abstand die meisten Windräder – 246! – blinken allein im Bezirk Gänserndorf.
Tödliche Gefahr für Vögel und Fledermäuse
Das Dauerblinken stört nicht nur nächtliche Spaziergänger, es hat auch nicht unerhebliche Auswirkungen auf die Tierwelt. Während sich Wild an die nächtlichen Blinker anpasst und nur gelegentlich vom Schatten der Rotoren aufgeschreckt wird, sind andere Tierarten wesentlich stärker betroffen, weiß Johannes Hohenegger, Vogelkundler bei Birdlife Österreich. Etwa Vögel, besonders Zugvögel: Bei schlechter Sicht fliegen die während der Nacht oft in Richtung von Lichtquellen, bei Windrädern häufig mit fatalen Folgen: Nicht nur Kollisionen, bereits die üblichen Luftdruckschwankungen in Rotorennähe können innere Organe vorbeifliegender Kleinvögel zerfetzen. Barotrauma nennen Wildtierforscher das.
Noch um vieles stärker betroffen sind aber Insekten und vor allem ihre Jäger, die Fledermäuse. Die roten Lichter ziehen beide magisch an: Rotoren sind häufig so stark mit Insektenleichen verschmutzt, dass die Leistung der Windräder messbar sinkt. Und wie Kleinvögel verenden viele Fledermäuse bei der nächtlichen Nahrungssuche. Auf 250.000 schätzt das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung die Zahl der von Windrädern in Deutschland jährlich getöteten Fledermäuse. Einige Arten sterben bei der Jagd nach den um die Blinker schwirrenden Insekten, andere wie die Mückenfledermaus werden vom Licht direkt angezogen.
Alternativen zum Dauerblinken: im Ausland bereits Gesetz
Windkraftanlagen müssen derzeit, weil sie höher als 100 m und daher Luftfahrthindernisse sind, zwangsweise nächtens blinken, „Hindernisbefeuerung“ nennt der Gesetzgeber das. Alternativen gibt es bereits: Bei der sogenannten bedarfsgerechten Befeuerung signalisieren Radarsysteme den Windanlagen rechtzeitig, wenn sich ein Flugzeug nähert. Die IG Windkraft, Interessensvertretung der Anlagenbetreiber, hat diese Alternativen bereits getestet. „Selbst in der Nähe des Flughafens in Schwechat konnte die Hindernisbefeuerung zu 96 % ausgeschaltet bleiben“, schildert Martin Jaksch-Fliegenschnee, der Pressesprecher der IG Windkraft, Ergebnisse einschlägiger Tests. Außerhalb von Flughäfen würde nach einer Umrüstung mangels Flugzeugen praktisch gar nichts mehr blinken.
Das zuständige Klimaministerium scheint die nächtliche Blinkerei wenig zu stören: Während die bedarfsgerechte Hindernisbefeuerung in Holland und Deutschland bereits gesetzlich verankert ist, gibt es in Österreich noch gar nichts, offenbar noch nicht einmal einen Plan. Man führe Gespräche mit den Ländern und mit der Austro Control, erfährt man lediglich, worüber man spricht, ob und was man plant und ob und bis wann mit der Zwangsblinkerei Schluss sein könnte: ministerielle Funkstille.
Druck auf Ministerium steigt
Der Druck aus den Ländern aber steigt: In einer einstimmigen Entschließung hat Anfang Juli der niederösterreichische Landtag das Ende der zwangsweisen Dauerbefeuerung gefordert, und sogar die IG Windkraft – die ein Imageproblem bei ihren Anlagen befürchtet – macht mittlerweile einschlägigen Druck auf das Ministerium. Man hoffe auf eine Regelung zu Jahresende, heißt es dort. Warums bei uns viel länger dauern muss als anderswo? „Bei uns in Österreich mahlen die Mühlen halt langsamer“, seufzt Antonia Gusenbauer, die Kommunikationsmanagerin der IG. Ob der Kampf mit den ministeriellen Windmühlen wohl anders ausgeht und vor allem schneller endet als der von Don Quijotte?
Auch tagsüber tödliche Gefahr: Das Ende von Johannes
Auch tagsüber sind Windräder eine tödliche Gefahr für die Tierwelt. Für Greifvögel etwa. Häufige Opfer in unserer Region: Milane und Adler. Im letzten Oktober haben sie an der Grenze zu Prottes einen prächtigen Kaiseradler tot aufgefunden, mit abgetrenntem Flügel, erzählt Rudi Felber, Zeislwirt in Ollersdorf und leidenschaftlicher Jäger, „Anderthalb Meter lang, allein der Flügel“. Gefunden haben sie ihn gemeinsam mit Birdlife direkt vor einem Windrad, weil „Johannes“ von der Vogelschutzorganisation besendert war. Vier Kaiseradler wurden allein in den letzten beiden Jahren in Österreich Opfer von Windrädern, weiß Namensgeber und -vetter Johannes Hohenegger. Dass zuletzt ausgerechnet von grüner Seite ein von der Wirtschaftskammer heftig akklamiertes Gesetz zur Beschleunigung von Umweltverträglichkeitsprüfungen einschlägiger Anlagen initiiert wurde, lässt ihn um den Stellenwert des Naturschutzes in Genehmigungsverfahren fürchten: Der Vogelschutz laufe Gefahr, zugunsten des alleinigen Ziels Klimaschutz unter oder besser zwischen die Räder zu geraten.
Links
AustroControl
Birdlife Österreich
IG Windkraft
Klimaministerium
Koordinationsstelle für Fledermausschutz und -forschung
Leibniz-Institut für Wildtierforschung
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