09.03.2016, 15:29 Uhr

ÜBERFLÜSSIGE NACHWUCHSSORGEN

Hall in Tirol: Burg Hasegg Münze Hall | ubuntu-Ausstellung von Alois Schild
Objekte & Wortschöpfungen des ubuntu-Botschafters

WANN? Eröffnung Freitag, 1. April 2016 / 19 Uhr
WO? 6060 HALL / BURG HASEGG MÜNZE HALL

Die Eröffnung begleiten:
Jeanne Mukaruhogo, Afrika-Sprecherin der SOS-Kinderdörfer weltweit
& Demba Diatta “les garçons du Sénégal“

Der Künstler Alois Schild setzt sich seit Jahrzehnten für die integrative Begegnung von Heimat und Fremde ein. Mit fantastisch anmutender Objektkunst und klugen Wortschöpfungen baut er Brücken zwischen den Kulturen. „Ein Mensch wird nur durch andere Menschen zum Menschen“, dieses zentrale Zitat der ubuntu-Philosophie nimmt in Kunst und Künstler Gestalt an. In seiner Ausstellung ÜBERFLÜSSIGE NACHWUCHSSORGEN zeigt Alois Schild die Ergebnisse eines gemeinsamen Kreativ-Workshops mit Kindern und Jugendlichen sowie neue skulpturale Arbeiten aus Stahl, Holz und Karton. Die Ausstellung des ubuntu-Botschafters spielt mit kunstvoller Symbolik für eine zukunftsweisende Wertekultur.

ALOIS SCHILD – der Künstler und ubuntu-Botschafter
Schon in ganz jungen Jahren zog es Alois Schild zum Eisen. Er gestaltete damit kleine Objekte und Figuren und gab ihnen witzige Namen wie „Flachlandmissionar“, „Bürstenindianer“ oder „Grüner Zungennarr“. Sein Elternhaus liegt direkt vor der Brandenberger Ache, in dem er auch heute noch wohnt und arbeitet. Er fischte immer wieder natürliche Materialien heraus, die einfach so angeschwemmt wurden und verband sie mit seinen „Fingerübungen“ - wie er seine frühen Arbeiten nannte. Geblieben ist ihm die große Liebe zum Eisen, das er auch wegen des automatisch einsetzenden Veränderungsprozesses „Rost“ sehr schätzt. Die oftmals rostige Patina verleiht seinen Figuren eine „witterungsbeständige Mystik“ – könnte schon wieder einer seiner kurios anmutenden Titel sein? Auf jeden Fall ist es die natürliche Alterung, die bei ihm eine Geschichte zu erzählen hat.

Seine ehemals kleinen Figuren entwickeln sich zu narrativen, monströsen Gebilden. Seine Titel, die den Betrachter in die Phantasiewelt des Künstlers einführen sollen, korrespondieren nicht auf den ersten Blick mit dem Figuralen: „Beneidenswertes Sündenregister“, „Schattenbild einer melancholischen Zeitmaschine“ oder das „Kernspaltungsbügelbrett“ spielen mit der Verwirrung des Betrachters mehr als mit seiner Information. „Ich will keine Erklärung sondern eine Denksportaufgabe mitliefern. Wir sind umgeben von Massenware, ich lebe für das Unikat“, sagt Künstler Alois Schild, der sich selbst für einen Optimisten hält, der Worten nicht immer traut und sie vor allem nicht ganz ernst nimmt. Seine Arbeiten haben stets mehrere Bedeutungsebenen: Sie faszinieren haptisch, ob ihrer Größe und Präsenz, kommen bisweilen fast wuchtig und bizarr daher. Jedes Objekt von Alois Schild ist aber auch Ausdruck seiner kritischen Geisteshaltung – Irritationen inkludiert. Sein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste bei Bruno Gironcoli war der Grundstein zum Querdenken, denn bereits als junger Student sah er sich als „Repräsentant einer Gegenkultur.“ Er hat sich nie dem beliebigen Kunstmarkt unterworfen. Provokationen, die mit gewitzter Sprache verbunden werden, sind all seinen Arbeiten seit jeher immanent. Die Titel zu seinen Skulpturen und Objekten sind quergedachte Ideen zu aktuellen, bewegenden, gesellschaftspolitischen Themen und scheinen von einem anderen Stern gefallen zu sein.

Der Künstler vertraut seinem „inneren Kind“
„Wir Erwachsene glauben, dass alles von einem anderen Stern ist, das nicht in unser logisches Hirn passt“, so der Künstler. Er erzählt, dass Kinder seine Arbeiten und Titel natürlich auch hinterfragen würden, aber sie schaffen einfach neue, lustige Querverbindungen, die nicht bewiesen werden müssen. Gert Chesi, der Tiroler Fotograf, Autor und Freund des Künstlers, ging mit seinem damals noch kleinen Sohn durch den Schild´schen Skulpturenpark in Kramsach: „Alois warum nennst du dieses Kreuz ein Sternenbanner, wenn keine Sterne drauf sind?“ Dem Kind wurde erklärt, dass ein Kunstwerk zum Nachdenken anregen soll: Wenn alles so klar und verständlich wäre, würde man daran vorbeigehen, ohne es bemerkt zu haben. So aber stellt man Fragen und sucht nach Antworten. Man wird lange an ein an Kreuz mit Punkten denken und zu verstehen versuchen, warum es Sternenbanner heißt.
So hält die Verwirrung die Erinnerung wach …

Alois Schild fühlt sich als Mensch und Künstler dem Denken der Kinder verpflichtet.
Auch wenn er heute sämtlichen Formen einen tieferen Sinn verleiht, Material, Statik und Normen beherrscht sowie die Welt der Zahlen und Gewichte kennen gelernt hat, ist ihm das Unbekümmerte eines Kindes erhalten geblieben. Er hat sein inneres Kind nicht weg geschickt, er hat sich ihm anvertraut. „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“, heißt es in Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Sich etwas vertraut machen heißt auch, ihm einen Namen zu geben. Alois Schild hat all seine Skulpturen benannt. Er hat aus ihnen eiserne Monster oder lustige Vögel gemacht. Er, der sich dem Denken der Kinder nahe fühlt, gibt damit seinen kunstvollen Objekten eine Seele.

Alle Arbeiten von Alois Schild tragen auch ein klein wenig Fluxus in sich, denn sein Leben ist ein Gesamtkunstwerk. Die engagierte Arbeit für den Verein Kunstfreunde Kramsach und das Flüchtlingsheim St. Gertraudi, das er vor mehr als 25 Jahren ins Leben gerufen hat, sind untrennbar mit seinem Kunstschaffen verbunden. Lange bevor Zäune, Traglufthallen und Obergrenzen die Schlagzeilen bestimmten, setzte sich Alois Schild für eine Integration im positiven Sinne ein. „Ich wollte immer etwas Konstruktives machen und das gleich vor meiner Haustür“. Denn Integration ist für ihn keine Theorie sondern seit jeher gelebte Praxis. Die Schild´sche Haustür steht allen offen, es wird nicht zwischen Herkunft, Religion oder Ethnie unterschieden. Sein Atelier und Ausstellungsraum „Troadkasten“ ist immer wieder Plattform für junge, kreative Talente aus aller Herren Länder. Dem Künstler geht es ums Brückenbauen zwischen den Kulturen und die afrikanische Lebensphilosophie ubuntu nimmt in Kunst und Künstler Gestalt an: „Aber nur wenn alle mithelfen. Ein Mensch wir nur durch andere Menschen zum Menschen.“ Alois Schild zitiert die zentrale ubuntu-Botschaft als allumfassenden Satz: „Egal woher ein Mensch kommt und wo er lebt. Jeder Mensch braucht einen anderen, um ein würdiges Leben führen zu können.“

GRENZENLOSE BEGLEITPERSONEN
Alois Schild hat zwei erwachsene Töchter. Er und seine Frau Brigitte versuchten sie als Eltern immer gut zu begleiten auf ihrem Weg in die Selbständigkeit. Er ist sich bewusst, dass dies nicht allen Kindern ermöglicht wird. Besonders Kinder, die als unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in unser Land kommen, brauchen liebevolle Begleitung. Er trommelte kurzerhand Kinder aus St. Gertraudi für einen Workshop zusammen. Sie kamen am Sonntag, 13. März 2016 in den „Troadkasten“, um seine neu entstandenen Objekte zu beschreiben und ihre eigenen, gezeichneten Collagen dazu entstehen zu lassen.

Aus Karton, Holz und Klebestreifen wurden 12 GRENZENLOSE BEGLEITPERSONEN geschaffen. Diese Objekte sind eigens für 12 Kinder aus Afghanistan, Syrien, Irak, Somalia und Tschetschenien entstanden, die an den Workshops in Kramsach teilnahmen. Analog zu den 12 Aposteln, die Jesus Christus als Gesandte begleitet haben oder den 12 Monaten, die uns durch das Jahr begleiten, sollen die GRENZENLOSEN BEGLEITPERSONEN wert(e)volle Talismane symbolisieren.

In ihrer schlichten Einfachheit sollen sie auch die Einzigartigkeit der jungen Menschen widerspiegeln: „Ihre nicht-akademische Machart und ihre inspirierenden Formen sollen die wahre und wertvolle Substanz im Umgang mit Kindern veranschaulichen. Der Nicht-Materialismus soll damit symbolisch dargestellt, aber auch eingefordert werden“, so der Künstler zu den neuen Objekten, die ein Novum in seinem Schaffen sind. Das „innere Kind“ des Alois Schild geht aber noch ein bisschen weiter: Er meint mit einem ironischen Augenzwinkern, dass die Objekte auch als „dreidimensionaler Rorschach-Test“* dienen könnten.

SETZ´ DICH EIN – AM SCHILD´SCHEN DIWAN
SOS-Kinderdorf startet eine Mitmach-Initiative, die sich mit dem Thema „Kinder auf der Flucht“ beschäftigt. Zahlreiche Events in ganz Österreich sind dazu geplant und Alois Schild hat dafür eine VÖLKERVERBINDENDE SITZGARNITUR erfunden. Ein 50 cm hohes und rund zwei Meter breites, ellipsenförmiges Objekt aus Nirosta-Stahl im speziellen Faltenkleid. „Ob im weißen Seidenanzug sitzend oder mit festem Schuhwerk stehend – diese Sitzgarnitur soll eine Art ´speakers corner´ für die wichtige Arbeit von SOS-Kinderdorf sein“, so der Künstler. Sich sitzend, stehen, liegend, spielend für SOS einsetzen!
Das multifunktionale Kunstobjekt von Alois Schild wird künftig auch bei ubuntu-Veranstaltungen als Rednerempore zum Einsatz kommen, aber auch zum Sitzen, Lesen, Diskutieren, Spielen … einladen.

Im Innenhof der Münze Hall wird eine neue Installation aus Metallplatten gezeigt, die mit Kinder-Attributen „behängt“ wird. Weiters wird ein EXOTISCHES PRACHTEXEMPLAR aus dem Jahre 2015 präsentiert, in dem er die natürlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozesse des Menschen thematisiert: Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter. „Körper und Seele erhalten im Laufe der Jahre verschiedene Schichten – symbolisiert durch eine Zwiebel. Wir entwickeln uns und wir wachsen – hoffentlich der Sonne entgegen.“
Die Arbeiten des Künstlers Alois Schild sind „nicht belehrend, aber hinterfragend.“ Er sieht Kunstschaffen als einen Mehrwert, an dem man sich erfreuen, an dem man aber auch „etwas abarbeiten“ kann. Die Frage nach den Prioritäten einer Gesellschaft bewegt ihn sehr, denn „wenn Dingen mehr Wert zugemessen wird als Menschen, dann läuft etwas falsch.“ Er hält es mit dem französischen Maler Paul Cézanne, der den Menschen als Maß aller Dinge beschrieben hat: „Wer anders misst, misst falsch!“

Verzeichnisse und Quellen:
* Der Rorschach-Test (auch Tintenklecks-Test) ist ein psychodiagnostisches Testverfahren, für das der Schweizer Hermann Rorschach eine eigene Persönlichkeitstheorie entwickelte, die später mit den Theorien von Sigmund Freud verbunden wurde, der die Rolle des Unbewussten erforschte. Der Test wird von Psychoanalytikern und Psychiatern angewendet, um die gesamte Persönlichkeit eines Menschen zu erfassen.

www.aloisschild.at

„Unerschöpfliches Eisen für Lebensdetails“
Ursula Philadelphy, 2011

„Als ich versuchte meinem Sohn die Kunst zu erklären“
Gert Chesi, 2010

Fotos: Emanuel Kaser / Birgit Köll / Gerhard Berger / Alois Schild
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