18.08.2016, 11:34 Uhr

Hohe und niedere Frau in Tirol

Absam: Gemeindemuseum Absam |

Wer am heurigen "Hohen Frauentag", dem 15. August, ein Kontrastprogramm zur Frauen- und Ehrenamtsverherrlichung suchte, konnte es in Absam finden. Der Leiter des Gemeindemuseums Absam, Matthias Breit, zeigte in zwei Führungen, welchen Betrag Frauen und Mädchen in der Zeit der Industrialisierung zum Reichtum des Landes leisteten.

"Bereits 1818 entsteht ... am Amtsbach die Kapfersche Beinknopffabrik, in der bis zu 130 Frauen und Kinder arbeiten werden", war in der Veranstaltungsankündigung zu lesen. In den beiden Vorträgen schilderte Matt

hias Breit das harte Leben dieser Frauen und Kinder in den ersten Absamer Fabriken.

Ihre Arbeit war hart, laut und staubig, die Arbeitszeit von fünf Uhr morgens bis neun am Abend und die ersten sozialen Errungenschaften nach Einführung des Gewerbeinspektorates waren Verbesserungen für Kinder: "Sie sollten in einem eigenen Bett schlafen können und einmal in der Woche gewaschen werden". Viele der Frauen und Kinder in den ersten Absamer Fabriken waren aus Bergarbeiter-Familien des Salzbergbaues, und hatten oft schon dort als "Bargelder" mitgearbeitet. Das kann man durch Analyse des Salinen-Mannschaftsbuches und der Ein- und Ausgangsbücher der Fabriken feststellen.

Schwer und gefährlich


Dass die Arbeit in den Fabriken nicht nur hart sondern auch gesundheitsschädlich und gefährlich war, fand seinen Niederschlag schon früh auch in Zeitungsartikeln, in denen von Unfällen und Verletzungen berichtet wurde. Frauen hatten zur den großen Arbeitsbelastung auch noch andere Nachteile: Da es noch kein Arbeitsrechtsbestimmungen für Fabriksarbeiterinnen gab, wurden diese Frauen und Mädchen noch wie Dienstbotinnen behandelt. Es herrschte das Züchtigungsrecht durch den Arbeitgeber und die Kleiderordnung für Dienstbotinnen, die für die harte Fabrikarbeit nicht geeignet war. Schutzvorrichtungen bei den gefährlichen Transmissionsriemen gab es auch noch keine was zu entsetzlichen Arbeitsunfällen führte, bei denen es oft zu Knochenbrüchen kam. Kindern konnte ein Arm gequetscht oder gar abgerissen werden. Lungenkrankheiten und Bleichsucht, aber auch Menstruationsunregelmäßigkeiten kamen häufig vor. Eine Versicherung im Falle einer Erkrankung oder eines Unfalls gab es nicht. Erst 1890 wurde die Allgemeine Arbeiter-Unfallversicherung gegründet.

Der Museumsleiter würdigte am Hohen Frauentag mit seinem Vortrag diese ersten Fabrikarbeiterinnen und rief in Erinnerung: Der Reichtum Tirols ist zu einem großen Teil der Frauen- und Kinderarbeit zu verdanken. Die Frauen damals aber hatten als "Dank" dafür die härteste Arbeitsbedingungen von klein auf und zudem noch die Stigmatisierung, liederliche, putzsüchtige und sittenlose "Weiber" zu sein.

Am Abend gab es noch einen erschütternden Dokumentarfilm über die ebenfalls harte und unbedankte Arbeit der Tiroler Dienstboten, der Knechte und Mägde, von Bert Breit.
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