10.05.2016, 19:00 Uhr

Containern: Essen aus der Tonne auf den Tisch

Ein "Freeganer" in Aktion. In Österreichischen Supermärkten werden täglich wertvolle Nahrungsmittel weggeschmissen. (Foto: wikipedia)

Ein Leben in der so genannten "Wegwerfgesellschaft" ist vor allem für Menschen mit geringem Einkommen oft nicht zu bewältigen. Besonders für junge Menschen wird das Containern immer häufiger ein fester Bestandteil der Lebensmittel-Beschaffung.


Vorweg: Containern (auch Dumpstern oder Mülltauchen) bezeichnet die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern. Das Containern erfolgt in der Regel bei Abfallbehältern von Supermärkten. Die Lebensmittel werden meist wegen abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdaten, Druck- und Gammelstellen oder als Überschuss weggeworfen. Viele dieser Lebensmittel sind jedoch ohne wesentliche Geschmacks- und Qualitätseinbußen und ohne erhöhtes gesundheitliches Risiko eine gewisse Zeit genießbar.
Unter den Personen, die sich von Container-Abfall ernähren, sind einerseits bedürftige Menschen und andererseits politische Aktivisten, die auf diese Weise ein Zeichen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln in großen Mengen setzen oder die Lebensmittelwirtschaft nicht durch Konsum unterstützen wollen. Containern ist die bekannteste Praxis des Freeganismus und ein fixer Teilbereich dieser Lebensweise, die auf weitgehender Konsumverweigerung und einer Boykottierung der sogenannten Wegwerfgesellschaft beruht.

Die "Mülltaucher"

Kapuzenpulli auf, Taschenlampe und Gummihandschuhe eingesteckt, los geht's. Mario, Johanna und Boris (Namen von der Redaktion geändert) machen sich auf den Weg zu ihrer wöchentlichen Tour. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft. Mario ist ein Mitarbeiter eines großen Medienunternehmens, Johanna ist derzeit auf Arbeitssuche und Boris ist Koch. "Ich als Koch bekomme oft ein flaues Gefühl im Bauch, wenn ich sehe, wie unsere Gesellschaft mit wertvollen Lebensmitteln umgeht", sagt Boris. Mario erzählt, dass er vom Containern abhängig war, als er noch arbeitslos war. "Mittlerweile arbeite ich zwar in einer angesehenen Firma, zum Leben reicht es aber trotzdem nicht. Vor allem wenn man sich an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt hat", sagt er. Für Johanna ist das Dumpstern fast lebensnotwendig. "Ich bekomme vom Staat kein Geld. Ich habe leider den Fehler gemacht und meinem letzten Arbeitgeber zu sehr vertraut. Deswegen bin ich weder versichert noch habe ich Einnahmen", so Johanna.

Der Aufbruch

Kurz nach 21:30 geht die Tour los. Erster Stop ist bei einer Discounter Filiale in Klagenfurt. "Hier gibt es meistens nur eine geringe Ausbeute", sagt Johanna. Die Müllcontainer stehen direkt neben der Laderampe und sind nicht versperrt. "Es ist uns besonders wichtig, dass wir keine Gesetze brechen. Deswegen gehen wir nur zu Geschäften, deren Firmengelände nicht versperrt ist und auch die Müllcontainer frei zugänglich sind", sagt Mario. Neben der Rampe stehen zwei große Restmüll-Tonnen und eine kleine Bio-Tonne. Nach ca. einer Minute haben die drei Mülltaucher bereits vier Brote und vier Packungen frischen und noch knackigen Bärlauch im Rucksack. "Wir nehmen nur das mit, was wir auch selber brauchen. Wir wollen ja schließlich weg von der Wegwerfgesellschaft," sagt Mario. Die Brote waren sogar noch knusprig und bei den Zwiebeln waren nur ein paar Druckstellen. "Ich verstehe nicht, wieso man das alles wegwirft. Wenn man die Zwiebeln mit den Druckstellen aussortiert und den Rest wieder etwas billiger verkauft, würde sich doch bestimmt niemand aufregen", meint Johanna.


Bereits in der ersten Mülltonne finden die drei "Mülltaucher" frisches Gemüse und Brot.

Auf zum Supermarkt

Weiter geht der Fußmarsch bis zu einer Billa-Filiale. "Hier muss man immer ein wenig aufpassen, da die Mülltonnen manchmal verschlossen sind bzw. in eigenen Müllräumen stehen", sagt Mario. Auch bei dieser Filiale stehen die Mülltonnen in einem eigenen Müllraum, welcher jedoch bereits sperrangelweit offensteht. Diesmal dauert es etwas länger. Die drei Freunde nehmen sich jeweils eine Tonne vor. Sie haben eigene Müllsäcke dabei, um die "guten" von den "schlechten" Sachen zu trennen. Nach zirka zehn Minuten ist die Aktion schon wieder vorbei. Die drei beseitigen noch einige Müllreste vom Boden und verschließen den Müllraum. Warum sie den Müllraum zusammenräumen und verschließen, beantwortete Mario: "Wenn wir hier nur das rausholen, was wir brauchen, und vielleicht noch Müll herum liegen lassen, wird die Geschäftsführung sich sehr schnell darum bemühen, den Müllraum wieder zu verschließen bzw. auf andere Art und Weise unzugänglich zu machen. Bei Lidl ist es zum Beispiel so, dass Mülltonnen ein eingebautes Schloss haben, sodass niemand diese öffnen kann."


Semmeln, Brote, und sämtliche Backwaren, die nicht am selben Tag verkauft wurden, werden meist weggeschmissen.

Die Ausbeute

Ich war jetzt also zirka eine Stunde mit den drei Mülltauchern unterwegs und begleite sie noch bis in die Wohnung von Mario. "Mal sehen, was wir heute so erbeutet haben", sagt Johanna. In der Wohnung teilen sie alle Waren genau untereinander auf. Und ich bin wirklich überrascht, was sie aus den Taschen und Säcken ziehen. Frisches Obst und Gemüse, Brot, Wurst, Käse, Konservendosen, Backwaren und noch viel mehr. "Wenn wir das jetzt alles gekauft hätten, würden wir jeweils mindestens 25 Euro bezahlen", meint Boris. "Hin und wieder finden wir auch seltene ,Schätze' wie Schokolade oder anderen Süßkram. Auch Bier und Kaffee waren schon dabei", so Johanna.


Aber wie sieht das rechtlich aus?

Diese Frage ist in Österreich umstritten. Aktuell gibt es noch keine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes. In Frage kommen Diebstahl (§ 127 StGB) bzw. Einbruchsdiebstahl (§ 129 StGB), wenn man mithilfe eines nachgemachten Schlüssels in einen Müllraum gelangt. In der Praxis macht die Polizei meist eine Anzeige wegen Diebstahl. Das Verfahren wird aber oft außergerichtlich ohne Verurteilung oder Prozess beendet.

Mag. Hannes Knapp von der Kanzlei Lichtenberger & Partner Rechtsanwälte in Wien hat folgende Meinung dazu: "Sobald man ein abgesperrtes Gelände zum Beispiel über einen Zaun betritt, muss man von einer Besitzstörung ausgehen. Das Eindringen in abgesperrte Bereiche wie Müllräume und die Mitnahme von dort abgelagertem Müll kann auch zu einer Anzeige wegen "Einbruchsdiebstahl" führen. Ein wesentlicher Punkt ist jedoch auch der Vorsatz, das heißt die subjektive Tatseite. Jemand, der Essen aus dem Müll holt, um sich davon zu ernähren, hat in der Regel wohl nicht den Vorsatz, sich daran zu bereichern und geht auch nicht davon aus, jemanden zu bestehlen und damit zu schaden. Außerdem gibt das Geschäft bei der Entsorgung sein Eigentumsrecht an den Lebensmitteln auf. Somit wird der Müll juristisch als "herrenlose Sache" betitelt. Unklar ist, ob möglicherweise ein Schaden für die Müllbeseitigungs-Unternehmen entsteht, sobald Lebensmittel in Container, die in deren Eigentum stehen, geworfen werden. Das müsste im Einzelfall geprüft werden."
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Rudolf Aichholzer aus Villach Land | 11.05.2016 | 07:45   Melden
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