14.04.2016, 18:22 Uhr

Walter Gröbchen: "Meine Schallplatten sind meine Lebensspur"

"Vinyl ist menschlich, digital ist eine viel kühlere Welt", erklärt Walter Gröbchen seine Liebe zur Schallplatte.

Thomas Edison war sich mit Sicherheit nicht bewußt, dass seine 1877 zum Patent angemeldete Erfindung des Phonographen einen sensationellen Siegeszug rund um die Welt antreten wird. Doch was macht den Mythos Schallplatte eigentlich aus? Wir baten Musikjournalist und Verleger Walter Gröbchen und Künstlermanager Georg Rosa zum Doppelinterview.

NEUBAU. Am Samstag, den 16. April, findet bereits zum neunten Mal der internationale "Record Store Day" (siehe "Zur Sache" unten) statt. Getarnt mit Konzerten und Veröffentlichungen ist der Tag in Wahrheit nur eines: Eine Liebeserklärung an die gute, alte Schallplatte aus Vinyl.

Warum boomt die schon so oft totgesagten Schallplatte derzeit?
WALTER GRÖBCHEN:
Weil der Mensch sich nach etwas sehnt, das er angreifen kann. Eine LP klingt wärmer und menschlicher als eine CD. Außerdem kann man Vinyl sammeln, digitale Musik nicht, die bedeutet nichts. Man möchte auch nicht von Quantität erschlagen werden. Unsere Generation (Gröbchen ist 53 Jahre alt, Anm.) hat es in den Genen, Musik besitzen zu wollen.
GEORG ROSA: Jede Bewegung ruft eine Gegenbewegung hervor. Am Handy kann ich auf Knopfdruck eine Million Songs verfügbar haben, das ist nichts besonderes mehr. Schallplatten haben etwas mit Entschleunigung zu tun: Auflegen, den Tonarm aufsetzen, umdrehen - das ist etwas ganz anderes als am Handy Lieder schnell durchklicken. Man beschäftigt sich wieder mit Musik und hört Alben, die der Künstler konzipiert hat. Außerdem hat man mit dem Cover Artwork und Texte in der Hand.

Neben Eurer Tätigkeit bei dem Label "monkey Music" seid ihr seit Jahresbeginn auch bei dem Plattengeschäft "Schallter" in der Westbahnstraße mit dabei. Hat Wien wirklich noch ein weiteres Plattengeschäft gebraucht?
ROSA: Ob´s Wien braucht, weiß ich nicht. Es ist eine Herzensangelegenheit. Man bekommt hier neben neuen und gebrauchten Platten auch die Hardware, also Plattenspieler.

Welche Leute kaufen hier ein? Werden Platten auch von jungen Menschen gekauft?

ROSA: Ja, unsere Kunden sind jung und alt, ganz gemischt. Vinyl boomt auch in der jungen Generation.
GRÖBCHEN: Wenn man Musik liebt, dann liebt man Musik! Ein Plattengeschäft ist auch ein sozialer Treffpunkt, wo man sich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Ein guter Plattenhändler kann digital nicht ersetzt werden.

Haben junge Leute heute überhaupt diese Leidenschaft Musik zu hören wie in den 80ern?
GRÖBCHEN: Junge Leute hören anders Musik, sprunghafter. Wir haben damals für eine Platte unser ganzes Taschengeld von einem Monat ausgegeben, heute wird man mit Musik überflutet. Da kann man schon gegensteuern.

Wieviele Schallplatten besitzt ihr privat?
GRÖBCHEN: Zirka 8.000. Man versucht, sie immer wieder zu durchforsten, aber ich weiß, dass ich viele davon nie wieder höen werde. Ich würde mich aber auch nie von ihnen trennen - das ist meine eigene Lebensspur, die eigene Biografie lässt sich gut nachbilden. Jede Platte steht für einen Zeitabschnitt.
ROSA: Bei mir ist es nicht so wild, nur so um die 1.000.

Was war Eure erste selbstgekaufte Platte?

GRÖBCHEN: Die Single "Far far away" von Slade.
ROSA: Der Soundtrack zu Krieg der Sterne! Habe ich mir mit 11 Jahren gekauft und habe ich natürlich noch heute.

Ganz ehrlich: Ward ihr Vinyl immer treu?
GRÖBCHEN:
Ich habe sicher zehn Jahre lang von 1993 bis 2003 kaum Platten gehört. Ich habe CDs aber nie geliebt, sie klangen zu sauber und befanden sich in einer schnöden Plastikschachtel, die beim Öffnen gleich zerbrochen ist. Auch das Format habe ich nie geliebt. Ich kenne aber Leute, die in den 90ern ihre gesamte Plattensammlung auf CD nachgekauft haben. Die kamen aber auch irgendwann drauf, dass CDs nicht für die Ewigkeit sind.

Wird es Vinyl immer geben?
ROSA:
Ja, seit ein paar Jahren gehen die Verkaufzahlen in die Höhe.
GRÖBCHEN: Der Mensch ist ein analoges Wesen und denkt nicht binär. Dieses Glücksgefühl, eine Platte zu kaufen, gibt es bei digitaler Musik nicht. Man hat digital nie ein Original, immer nur eine Kopie. Hier gilt: heute runterladen, morgen vergessen. Wenn ich eine Platte wieder loswerden möchte, muss ich aktiv werden, ich kann sie nicht einfach löschen. Diese Produktlosigkeit wurde irgendwann in Frage gestellt.

Was macht denn jetzt genau den Charme einer Vinyl-Platte aus?
ROSA:
Man bekommt schon alleine durch die Haptik der Platte einen ganz anderen Bezug zu Musik als bei Streaming oder Download.
GRÖBCHEN: Sie ist einfach etwas Großartiges in einer Welt der Herrlichkeiten! Auch die Kratzer gehören dazu. Schon der legendäre John Peel hat gesagt: "Es geht um die Kratzer, die Geräusche sind das Leben!"

Das "Schallter" befindet sich in der Westbahnstraße 13 in 1070 Wien.

Zur Sache

Seinen Ursprung hat der "Record Store Day" (kurz: RSD), der seit 2007 an jedem dritten Samstag im April stattfindet, in den USA. Ziel ist eine Stärkung der unabhängigen, kleinen Plattengeschäfte, die an diesem Tag spezielle Vinyl-Platten, die von Bands extra für den RSD herausgebracht werden, anbieten. Große Ketten und Online-Händler sind vom RSD, der von Bands von Duran Duran bis Metallica unterstützt wird, ausgeschlossen. Viele der teilnehmenden Plattengeschäfte (weltweit 2.000; in Österreich, Deutschland und der Schweiz rund 180) veranstalten in ihren Läden Konzerte und Events.
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