24.09.2016, 22:36 Uhr

Premiere: Grein erlebt Großdeutschland

Grein erlebt Großdeutschland

Filmpräsentation im Stadtkino Grein mit Robert Meyer, Direktor der Volksoper Wien und Sprecher des Films und den Filmemachern Stefan Mandlmayr, Andreas Kastenhofer und Karl Hohensinner.

GREIN. Die Dokumentation des Historischen Vereins der Stadt Grein "Grein erlebt Großdeutschland" wurde am Samstag, 24. September, in neuer Version im Stadtkino Grein präsentiert. Der Medienkünstler David Hochgatterer hat das Material aus dem Jahr 1999 grundlegend neu gestaltet. Neu entdecktes Film- und Fotomaterial wurde eingeschnitten, Untertitel eingefügt. Der Historische Verein der Stadt Grein wird von Karl Hohensinner geleitet.

Die einführenden Worte von Karl Hohensinner, Obmann des Historischen Vereins der Stadt Grein:

„Texte aus dem Jahr 1938 werden als verbindende Worte in diesem Film verwendet.
Den Zeitungsartikeln und Propagandatexten wohnt eine eigentümliche Komik und eine gewisse Lächerlichkeit inne. Die damaligen Journalisten versuchen oft, eine nahezu gottesdienstliche Atmosphäre herbeizureden. Tatsächlich haben viele politische Inszenierungen dieser Zeit eher den Charakter einer tölpelhaften Laienbühne.

Die Lächerlichkeit nationalsozialistischer Inszenierungen ist nicht nur eine Sichtweise der Jetztzeit, sondern wurde auch schon damals erkannt: Man denke an den Film von Charlie Chaplin: "Der große Diktator".

Robert Meyer hat bei der sprachlichen Interpretation der alten Pressetexte ein wenig von seinem Können als Nestroydarsteller eingebracht, um die Zuschauer auch hinter die Fassade dieser Propagandatexte zu führen.

Stefan Mandlmayr und Andreas Kastenhofer
Stefan Mandlmayr hat die wichtigsten Interviews sehr genau vorbereitet und auch selbst die Interviews geführt. Sein damals gerade abgeschlossenes Studium der Psychologie war für die Qualität des Projektes eine große Bereicherung.

Andreas Kastenhofer hatte die technische Seite des Projektes über: Besorgen und bedienen einer Kamera, Anfertigung von Kopien etc. Technische Ausrüstungen waren schwer zu bekommen und störungsanfällig. Viele Schwierigkeiten, die man sich jetzt nicht mehr vorstellen kann waren allgegenwärtig.

Wir sind in Grein gefragt worden, warum gerade diese Zeit dokumentiert worden ist und nicht eine andere.

1938 bis 1945 war eine Zeit, wo jede Person, ob sie wollte oder nicht, massiv mit Politik konfrontiert wurde. Es gibt auch kaum eine Familie, die nicht in irgend einer Form in dieser Zeit beschädigt worden ist. Es ist also eine Enormität der Ereignisse gegeben.

Enorm waren auch die Franzosenkriege und der Dreißigjährige Krieg: Aber dazu hätte man in Grein keine Leute mehr befragen können. Das leuchtet wohl jedem ein!

Die andere in Grein mehrfach gehörte Fage ist:
Warum habt ihr die Nazis in Grein dokumentiert? Man muss auch dokumentieren, was an Schrecklichkeiten in anderen Ländern passiert ist.
Wir haben Grein dokumentiert, weil wir hier den besten Zugang hatten. Weil wir hier kompetent sind und es uns auch finanziell leisten konnten.
Natürlich gehören auch die Ungeheuerlichkeiten andere Länder dokumentiert.
Ich bin sehr dafür: Zum Beispiel der Völkermord der Türken an den Armeniern vor hundert Jahren sollte noch besser dokumentiert werden. Das können aber nur diejenigen tun, die sich irgendwie in der Lage sehen dazu. Das leuchtet wohl jedem ein!

David Hochgatterer:
Er hat die bereits 1999 zusammengestellte Dokumentation grundlegend überarbeitet. Die Urfassung war viel weniger bebildert und von schlechter Bild und Tonqualität. Es standen für die Basis-Interviews keinerlei gute Geräte zur Verfügung. Das Projekt verfügte nie über das Mindestmaß an nötigen Finanzmitteln. Man war auch in extremen Zeitdruck. Wir hatten mit einer absterbenden Generation zu tun.

Am Beginn der Interview-Serie starb der ehem. Vizebürgermeister von 1945 Eduard Kolbe kurz, bevor wir einen Interviewtermin ausmachen konnten.
Wir wussten, wir mussten schnell sein!
Sucht man bei öffentlichen Stellen um Geld für kulturwissenschaftliche Projekte an, muss man meist lange warten, ist dem Unverständnis von Beamten und Politikern ausgesetzt, muss unqualifizierte Belehrungen anhören und dergleichen mehr.

Wir konnten aber nicht zu unseren Interviewpartnern sagen:
"Bitte bleiben Sie noch ein paar Jahre am Leben, bitte sterben sie nicht! Die Landeskulturabteilung gibt uns eh 300 Euro im Jahr, wenn wir schön darum bitten.
Die Gemeinde Grein gibt uns eh 200 Euro im Jahr, wenn wir jährlich einen Verwendungsnachweis vorlegen! In ein paar Jahren haben wir unsere Interviewausrüstung beisammen! Also bitte bleiben sie gesund und sterben sie nicht gar vielleicht, bitte passen sie ihren körperlichen Verfall den Förderrichtlinien des Landes Oberösterreich an!"

So etwas ist doch nicht möglich!

Was ich hier pointiert und sarkastisch darstelle ist auch heute Realität!

Viele unserer Interviews sind 1-2 Stunden lang und voll unwiederbringlicher Information!
Oft wurden nur wenige Minuten in eine Dokumentation aufgenommen. Die Originalbänder altern im Archiv des Vereines dahin. Die mühevoll zusammengetragenen Informationen drohen wieder verloren zu gehen. Die Nachwelt wird möglicherweise nicht mehr viel vom Vereinsarchiv vorfinden. Es wird bald keine Abspielgeräte mehr geben und die Bänder werden sich nach und nach von selbst löschen, wenn nicht jemand fünftausend Euro locker macht.

So! Wenn Sie den heute gezeigten Film als DVD haben wollen, dann können Sie sich nachher in eine Liste eintragen.
Verkaufsexemplare wurden nicht vorausproduziert. Von anderen Produktionen gibt es noch Restexemplare.
Die beliebte und seit langem ausverkaufte DVD "Strudengau eine Welt an der Donau" wird vielleicht mittelfristig wieder aufgelegt."

Persönlich begrüßen konnte Karl Hohensinner unter den zahlreichen Kinobesuchern Vizebürgermeister Stefan Göbl, Kultur-Stadtrat Lothar Pühringer und Bürgermeister außer Dienst Manfred Michlmayr.

Bilder: Bilal Usman
Textwiedergabe: Robert Zinterhof

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