20.03.2016, 06:32 Uhr

Die Sprache des Ingenieurs ist seine Zeichnung

Von so einer Rippenplatte kann man ganz schön viel lernen
Neben vielen anderen Fachgebieten ist das des Eisenbahnbaues Teil der Bauingenieurausbildung. Da ich mich für das Fachgebiet des konstruktiven Ingenieurbaues entschieden hatte, lernten ich und meine Kollegen nur die Grundzüge davon. Daher meinte ich,dass die damit verbunde Prüfung eher zu den Einfachen gehören würde. Ungeachtet dessen, sollte diese Prüfung zu einer zentralen Erfahrung meines Studiums und vieler Lebensbereiche überhaupt werden. Warum war das so und wie ist es dazu gekommen?

Den Stoffumfang bildete ein dicker Ordner. Der erste Studienabschnitt war schon vorbei. Alles war gut gegangen. Auch die Zeitschiene war ok und so ging ich zuversichtlich an die Sache ran. Die meisten Sachen waren mit dem Hausverstand zu lösen. Ich blätterte den Ordner immer wieder durch, blickte kurz auf die Abbildungen und sagte in meinem Kopf: Alles klar! Ich tat es wie gewohnt mehrere Male und so nahm die Vorbereitung auch ein paar Tage in Anspruch. Ich fühlte mich gut vorbereitet.

Doch dann kam die mündliche Prüfung. Frage 1: Herr Kollege, nennen Sie mir eine Möglichkeit der Befestigung einer Schiene auf einer Schwelle!" Ich erwähnte die sogenannte Rippenplatte. Solch eine Platte hatte ich oft und oft gesehen. Ich war neben der Eisenbahn aufgewachsen. Meine Großväter und die Urgroßväter väterlicherseits waren Eisenbahner. Ich hatte solche Stücke als Kind bereits gesammelt und dem Alteisenhändler übergeben und damit ein paar Schillinge kassiert. Die Frage schien leicht zu beantworten. Doch dann kam der entscheidende Satz: "Reden ist eine Sache. Bitte zeichnen Sie mir das auf, Herr Kollege!"

Ich malte ein paar Striche auf die Tafel, löschte wieder weg, dachte angestrengt nach und stellte schließlich fest, dass ich nicht dazu in der Lage war. Ich hatte mir nur die Bilder angesehen, hatte mich aber nicht darauf vorbereitet, diese Bilder aus dem Kopf zu rekonstruieren. Auch einige scheinbare hilfreiche Hinweise des Professors brachten nicht das gewünschte Ergebnis. Ich konnte es einfach nicht! Er beendete unser Gespräch und meinte: "Die Sprache des Ingenieurs ist seine Zeichnung. Sie werden wiederkommen müssen, Herr Kollege!"

Ich konnte es kaum glauben. Ich war durchgefallen! Versagt, schon bei der ersten Frage. Und noch dazu bei einer so leichten und einfachen! Es war zum Haareraufen. Ich und durchgefallen. Es war einfach fürchterlich. Doch je mehr ich in meiner Verzweiflung darüber nachdachte, wurde mir bewußt, dass dieser Umstand ein großer Segen sein könnte. Ja ich hatte mich vorbereitet und auch Zeit investiert. Doch eines hatte ich nicht getan. Es aus dem Kopf in einer Zeichnung wiedergeben. Eigenständig zu reproduzieren und nicht nur überfliegen. Nicht an der Oberfläche bleiben, sondern in eine Sache reingehen. Etwas bewusst anzuschauen. Das hatte mir bisher gefehlt. Besonders bei einfachen Dingen! Mit fiel auch der Spruch meines Vaters ein, wenn es darum ging etwas handwerkliches oder im Fußball zu lernen:"Es muß Dir in Fleisch und Blut übergehen!"

"Die Sprache des Ingenieurs ist seine Zeichnung!" nie wieder werde ich diesen Satz vergessen. Solange ich es nicht aufzeichnen kann, kann ich es nicht. Zumindest nicht wirklich. Und es ist kein Teil von mir. Immer und immer wieder mußte ich es üben. Was war die Wirkung? Mein Vorstellungsvermögen wurde in der folgenden Zeit und weit darüber hinaus geschult, trainiert und vor allem entwickelt.

Welch ein Glück, dass mich der Professor nicht durchgelassen hat, sondern durch den Fleck (5er) etwas wirkliches Gutes tat. Zuerst hatte ich vor der Prüfung gebetet, dass ich sie schaffen würde. Nun war ich meinem Gott dankbar, dass er mir durch eine scheinbare Kleinigkeit diese lebenswichtige Erfahrung schenkte,
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