20.07.2016, 09:05 Uhr

"Wenn ich in Tracht komme, lächeln die meisten"

Jürgen Löschenkohl, rechts neben Mohammed Al Gergawi (weißer Thawb), dem Minister für Kabinettsangelegenheiten der Vereinigten Arabischen Emirate, bei der Eröffnung des "Office of the Future" in Dubai. (Foto: privat)

Der Welser Jürgen Löschenkohl lebt seit zehn Jahren in Dubai. Einheimische gehen meist misstrauisch in ein Gespräch.

WELS. Dass er einmal für längere Zeit ins Ausland gehen würde, war für Jürgen Löschenkohl schon in frühen Jahren klar. "Zu Beginn war die Vorstellung noch sehr nebulös, ohne sie genau definieren zu können. Es war sozusagen ein kleiner Keim, der begonnen hat zu reifen", sagt der 38-Jährige, der in Wels aufgewachsen ist. Schon bei seinem Einstellungsgespräch beim Büromöbel-Hersteller Bene in Linz warnte er: "Achtung, ich möchte irgendwann ins Ausland." Zu Beginn waren dies noch relativ kurze Auslandsaufenthalte während seines dualen Studienganges. Nach etwas mehr als fünf Jahren kam schließlich das entscheidende Gespräch mit dem Betriebsvorstand an einer Autobahnraststätte bei Lindach: "Jürgen, jetzt warst du im positiven Sinne in den letzten Jahren so lästig, dass ich dir die Chance gebe, entweder ja oder ja zu sagen, ob du nach Dubai gehen möchtest, um nach zwei oder drei Jahren in die Fußstapfen des dortigen Exportleiters zu treten." Nach kurzer Beratungszeit mit seiner Lebensgefährtin nahm Löschenkohl das Angebot an. Der Umzug erfolgte am 28. November 2006, heuer feiert er sein zehnjähriges Jubiläum in der größten Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate.

Von der Region fasziniert

Löschenkohls Eingewöhnungsphase im Mittleren Osten dauerte etwa drei Jahre: "Im ersten Jahr muss man sich kulturell adaptieren, um zu wissen, wie die Gesellschaft und das Wirtschaftsleben funktionieren. Im zweiten Jahr baut man sein Netzwerk auf und im dritten fängt man an, zu ernten." Die Region habe ihn vom ersten Tag an fasziniert. "Der durchschnittliche Dubai-Tourist bekommt vom Land eigentlich nichts mit. Die arabische Halbinsel hat aber unglaublich viel zu bieten. Die Wüste ist zwar dominant und atemberaubend schön, aber es gibt dort weit mehr zu sehen. Auch die Berge sind sehr schön, zum Teil sieht es darauf aus wie eine Mondlandschaft." Von der sehr fortschrittlichen künstlichen Stadt Dubai aus fährt Löschenkohl nur etwa 1,5 Stunden in eine völlig andere Welt. "Speziell in den Bergen gibt es Dörfer, wo die Menschen so leben wie vor 50 Jahren. Die haben kein Wasser und keinen Strom. Ein alter Toyota-Pickup ist oft der einzige Luxus."

"Gelernt, Österreich mehr zu schätzen"

Beruflich hat sich der 38-Jährige vom Bindeglied zwischen der lokalen Gesellschaft in Dubai und dem Headquarter in Österreich zum Exportmanager von Bene Middle East entwickelt. "Die ersten fünf, sechs Jahre im Mittleren Osten waren sehr intensiv. Da kamen auch noch erste Erfahrungen in Pakistan hinzu. Wir haben dann unser Geschäft erweitert und von Dubai aus die Geschicke in Südafrika mit geleitet." Später kamen auch noch Indien und Australien hinzu. Dennoch schafft er es zwischen sechs und acht Mal pro Jahr in seine frühere Heimat Wels. "Man beginnt im Ausland die eigene Herkunft wesentlich mehr zu schätzen. Nach Vergleichen kann ich aus vielerlei Hinsicht sagen, dass Österreich eine weltweit einzigartige Lebensqualität bietet. Der Großteil der Bevölkerung sieht das aber nicht so, weil der Vergleich zu etwas anderem fehlt", plädiert Löschenkohl, der irgendwann zurückkehren möchte, für mehr Mut bei Jugendlichen zum Schritt ins Ausland. Trotz der Distanz hält die Beziehung mit seiner Lebensgefährtin, welche nicht mit nach Dubai ging. "Wir haben einen durchorganisierten Zwölf-Monats-Plan. Das klingt zwar unromantisch, aber wir leben im Grunde auf zwei Kontinenten. So schaffen wir es, uns trotzdem an 160 bis 170 Tagen im Jahr zu sehen."

Misstrauen bestimmt den Gesprächsbeginn

Die Menschen in den Emiraten, mit denen Löschenkohl beruflich und privat zu tun hat, kennen und schätzen das kleine Österreich. "Die Marke Österreich hat einen unglaublich hohen Stellenwert. Wenn ich zu manchen Anlässen in Tracht komme und sage, ich bin aus Österreich, lächeln die meisten. Vor allem die lokale wirtschaftliche Szene schätzt unsere Gastfreundschaft, dass es bei uns viel regnet, unsere Küche, das Gesundheitswesen und unsere Präzision." Bei den Arabern ist ihm eines schnell aufgefallen: "Speziell die ältere Generation hat einen extremen Wandel von Wüste zu kosmopolitischer Umgebung mitgemacht. Daher hört sie dir aufmerksam zu, stellt gute Fragen und möchte herausfinden, ob du ehrlich bist oder dich im Gespräch verstellst. Ist das Vertrauen einer Person gewonnen, ist vieles möglich. Eine zerbrochene Vertrauensbasis kann aber nicht mehr zurückgezahlt werden. In der Vergangenheit wurde diese Art des Geschäftemachens vielleicht missbraucht." In anderen Ländern agiert Jürgen Löschenkohl in einem Gespräch aber auch nicht anders, denn: "Wie man in den Wald hineinschreit, so hallt es auch zurück. Ich muss offen und ehrlich sein. Egal, welche Kultur mir gegenübersitzt."

Bisherige Artikel aus der Serie "Landsleute im Ausland":
Christian Koblmiller: Link
Bernhard Zaglmayr: Link
Mario Scherhaufer: Link
Aleksandar Stanojevic: Link
Robert Polzinger: Link
Robert Fischer: Link
Helmut Gaisberger: Link
Hans-Joachim Lauterbach: Link

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