07.10.2016, 08:29 Uhr

Zahnradbahn auf den St. Gilgener Schafberg startet auf oberösterreichischem Territorium

Bergläufer treten beim Schafberglauf gegen die Bahn an (Foto: Wolfgangsee Tourismus)

Überblicker mit Fremdzufahrt

Flachgau (et). Er zählt zu den höchsten Flachgauern, das älteste Berghotel Österreichs ziert seine Spitze, die auch durch eine Himmelstür zu erreichen ist, auf ihn dampfen seit mehr als 120 Jahren dieselben Lokomotiven hinauf, die in Oberösterreich zuhause sind, bis zu 13 Seen sind vom Gipfel aus zu sehen, und sein spektakuläres Profil soll als Raketenabschussrampe gedient haben – der Schafberg ist zweifellos ein Grenzfall für sich.

Mit seinem markanten Gipfel zählt der 1.782 Meter hohe Schafberg an der Schwelle des Voralpenlandes zu den Hochalpen zu den schönsten Aussichtsbergen in Österreich. Nur Strobl mit dem 1.950 Meter hohen Gamsfeld, Grödig mit dem Salzburger Hochthron und Großgmain mit dem Mitterberg übertrumpfen im Flachgau den St. Gilgener Gemeindehöhepunkt. Bei Prachtwetter sind bis zu 13 Seen des Salzkammerguts zu entdecken, der Blick reicht vom Böhmerwald im Norden bis zu den Alpen im Süden. Seit 1862 thront auf dem Gipfel Österreichs ältestes Berghotel, das sich heute im Besitz der Salzburg AG, befindet..

Zweigeteilte Bahn in Salzburger Hand

Je nach körperlicher Verfassung gelangen Gipfelstürmer bequem oder schweißtreibend hinauf. Schwindelfreie nehmen den Weg unterhalb des nördlichen Steilabsturzes und gelangen durch die "Himmelpforte", einen natürlichen Felsdurchbruch, auf das schräge Gipfelplateau. Die Mehrheit der Schafberg-Besucher genießt jedoch das Bergerlebnis auf der bis zu 26 Prozent steilen Strecke, auf die seit 1893 eine Zahnradbahn verkehrt, bei Nostalgiefahrten sogar immer noch mit den beiden Original-Lokomotiven. Die qualmenden Stahlrösser verspeisen für eine Berg- und Talfahrt rund 500 Kilogramm Steinkohle und überwinden dabei jeweils 1.190 Höhenmeter. Der "Heimatstall", also die Remise, der Dampf- und Dieselloks, befindet sich auf oberösterreichischem Gemeindegebiet von St. Wolfgang. Auch Talbahnhof, Kassa und Werkstätten sind dort, und die Anlagestelle der Wolfgangsee-Schifffahrt, ebenfalls im Besitz der Salzburg AG, deren Flaggschiff, die MS Salzburg, übernachtet auf oberösterreichischer Seite.

Direkte Flugverbindung nach Wien mit nasser Landebahn

Zurück zur Schafbergbahn: Erst mit der Überquerung des Dittelbachs nach 472 Metern Strecke erreicht die Bahnstrecke Salzburger Boden, dafür dann für weitere 5.378 Meter bis zum Gipfel. Innerhalb nur eines Jahres errichteten 350 meist italienische Arbeiter die Schafbergbahn. 1924 wurde aufgrund des großen Andrangs zur Sommerfrische am Wolfgangsee mit der spektakulären Bergbahn kurzzeitig sogar eine Flugverbindung von Wien nach St. Wolfgang mit Wasserflugzeugen eingerichtet.

Mensch gegen Dampflok

Sportliche Naturen treten alljährlich im Mai gegen die Bahn an. 2007 gelang es Helmut Schmuck, den Streckenrekord aus dem Jahr 1986 auf 43 Minuten und drei Sekunden zu verbessern. Damit lag er deutlich unter der Fahrzeit der Zahnradbahn von 45 Minuten.

Cape Canaveral im Salzkammergut

2011 als Theaterstück wiederbelebt wurde ein angebliches Geheimexperiment, das 100 Jahre zuvor auf dem Schafberggipfel durchgeführt wurde. Der deutsche Mathematiker und Physiker Carl Crantz und der Lokomotivführer Berthold Hödlmoser wollten mit einer Kanone eine bemannte Kapsel über eine Startrampe bis ins böhmische Pilsen schießen und dort per Fallschirm landen lassen. Eine Dampfmaschine sollte die Beschleunigung stabilisieren, das Militär zeigte sich interessiert an einer dadurch möglichen gesteigerten Geschoßreichweite. Die Umstände des Versuchs überdecken heute die Bergnebel, was einer künstlerischen Nachinszenierung durch ein Theaterprojekt Raum für Fantasie bot.

Kurioses über Grenzen hinweg

Die Salzburger Grenzfälle versammeln Kuriositäten rund um die Grenzen Salzburgs und bilden eine aufschlussreiche Lektüre zu Geschichte, Landeskunde und Politik des Bundeslandes. Der Autor Stefan Mayer beschäftigt sich seit 2002 mit grenzfälligen Besonderheiten in und um Salzburg. Er gestaltet die monatliche Serie "Grenzfälle", von der bereits drei Bücher erschienen sind. Die Bücher sind vergriffen, digitale Versionen stehen im Webshop des Landes zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung. Einzelne Grenzfall-Artikel können jederzeit abgerufen werden.
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