23.08.2016, 14:00 Uhr

Ein Job zwischen Galadinner, Gästelisten und Gespür für die High Society

Festspiel-Protokollchefin Suzanne Harf ist täglich stundenlang auf den Beinen. "Das wichtigste in meinen Job sind die Schuhe." Elegante, flache Schuhe. (Foto: Franz Neumayr)

Suzanne Harf im Stadtblatt-Chefinnen-Gespräch über ihren Job als Festspiel-Protokollchefin, VIP-Gäste und die Farbe der Servietten.

Sie sind seit 1995 Protokollchefin der Salzburger Festspiele. Passieren da auch mal Hoppalas?
SUZANNE HARF:
Klar, die habe ich aber verdrängt. Aber natürlich passiert es, dass ein Künstler für die Premierenfeier zuerst abgesagt hat und dann aber doch erscheint – mit seiner ganzen Familie zum Beispiel. Dann gibt es keinen Platz oder nicht den richtigen Platz für ihn. Da muss man dann improvisieren. Deswegen bereite ich mich akribisch vor, überprüfe kurz vor Veranstaltungen, ob wichtige Gäste, die zugesagt haben, auch wirklich kommen oder nicht.

Was genau ist Ihre Aufgabe?
SUZANNE HARF: Alles, was nicht als künstlerischer Teil auf der Bühne stattfindet – große Empfänge, Premierenfeiern, VIP-Betreuung oder Pausenempfänge. Wenn etwa der Bundespräsident zu einem Galadinner kommt, dann lege ich fest, wer ihn begrüßt, durch welche Tür er den Raum betritt oder wo er sitzt. Und ich erkundige mich bei wichtigen Gästen – wie zuletzt beim schwedischen Königspaar – was sie gerne essen oder trinken.

Wo erkundigen Sie sich da?
SUZANNE HARF: Ich habe so meine Quellen. Bei König Gustav von Schweden war ich sehr froh, dass ich bei dem, was er gerne trinkt, richtig lag.

Was trinkt er denn gerne?
SUZANNE HARF: Ein gutes Gin Tonic.

Angeblich bestimmen Sie bei Empfängen sogar die Farbe der Servietten. Stimmt das?
SUZANNE HARF: Nicht bei Premierenfeiern, aber für eine große Gala, wie jene, die wir heuer für Anna Netrebko ausgerichtet haben: Ja. Da überlege ich mir sogar, welche Farbe die Servietten haben sollen. Sie mussten zum violetten Teppich passen, den wir erstmals im Carabinieri-Saal in der Residenz ausrollen ließen. Zusammen mit der pink-violetten Ausleuchtung und der weißen Decke des Saales ergab das eine wunderbare Atmosphäre. Dazu auf den Tischen violette und pinke Orchideen und Tischläufer in pastelligen Tönen.

Woher holen Sie sich Ihre Inspirationen für neue Ideen?
SUZANNE HARF: Ich sehe mir sehr viel an, und wenn mir etwas gefällt – zum Beispiel die Tischdeko beim Jedermann-Waste-Dinner – dann fotografiere ich es. Das kann ja nie schaden, oder?

Zurück zur Netrebko-Gala: Welche Erwartungen haben Gäste, die 750 Euro für ein Galadinner bezahlen?
SUZANNE HARF: Unsere Gäste erwarten sich das Beste – und sie bekommen es auch. Angefangen von Roederer-Champagner aus der Magnum-Flasche – und das soviel man wollte – über Tartare-Variationen von Rind, Lachs und – für Vegetarier – Tomaten von Käfer in München. Dazu hatten wir einen Stand mit köstlichem Schinken vom Schwarzen Kameel und eine Kaviar-Bar von Walter Grüll. Da waren die Leute aus dem Häuschen, den Kaviar gab es auf Blinis oder auch klassisch auf die Hand zum Runterschlecken.

Bei der Gala ging es um Fundraising. Wieviel blieb übrig?
SUZANNE HARF: Sie haben recht – und wissen Sie, was das schönste Kompliment eines unserer rund 300 Gäste war? Die Frage, wie denn bei all der Opulenz überhaupt etwas übrig bleiben kann. Und ich kann sagen: Es blieben zwischen 90.000 und 100.000 Euro übrig – für das Jugendprogramm der Festspiele.

Für die Gäste dreht sich nicht alles ums Essen, sie kommen ja auch wegen Anna Netrebko.
SUZANNE HARF: Natürlich. Zwischen dem viergängigen Gala-Menü – auch von Käfer – gab es musikalische Überraschungen. Aus unserem Young Singers Project hat eine junge Russin eine Arie aus der "Schneekönigin" gesungen, das ist genau die Rolle, mit der Anna Netrebko erstmals auf einer Bühne gestanden hat. Und ein Pole hat eine Arie aus "Eugen Onegin" performt. Normalerweise singt in dieser Arie die Duettpartnerin eine Zeile – beim Galadinner hat Anna Netrebko das spontan gesungen.

Geht Ihnen der Festspielball ab?
SUZANNE HARF: Nicht wirklich. Man hätte ihn zwar, nachdem wir innerhalb von drei Jahren alle Kinderkrankheiten beseitigt haben, gut weiterführen können. Aber es wurde viel daran herumgemäkelt, das späte Datum war immer wieder ein Thema. Ich hätte ihn nicht erfunden – aber ich bin um eine Erfahrung reicher geworden. Wer kann schon von sich behaupten, er habe drei Bälle organisiert, und das in solchen Dimensionen?

Die Salzburger Festspiele stehen für Kunst und Kultur auf höchstem Niveau: Ziehen sich die Festspielgäste elegant genug an oder ist da der Schlendrian eingekehrt?
SUZANNE HARF: Schlendrian würde ich das nicht nennen, auch wenn sich manche Regeln aufweichen. Die Salzburger Festspiele sind sehr elegant und ich finde auch, dass sich der Großteil der Gäste entsprechend anzieht.

Was halten Sie von der Überlegung, einen Dresscode auf die Tickets zu drucken?

SUZANNE HARF: Sie können niemandem den Zutritt verwehren, wenn er ein gültiges Ticket hat – egal, wie er angezogen ist. Und ich weiß gar nicht, ob das etwas bringt: Dann müssen Sie auch draufdrucken, das man nicht im Smoking zur Matinee geht, denn das ist genauso schlimm wie abends in Jeans zu kommen. Und es gibt auch Menschen, die sich im Alltag unschön anziehen. Die haben einfach keinen Geschmack. Was machen Sie mit denen?

Zu wie vielen Veranstaltungen gehen Sie in einer Festspielsaison und wie viele Kleider haben Sie dafür zu Hause hängen?
SUZANNE HARF: Die Frage ist eher, wieviele Termine ich veranstalte – das sind bestimmt mehr als 50 pro Festspielsaison. Und ich habe natürlich Schränke voller Kleider, die ich immer wieder neu kombiniere. Das Wichtigste bei meinem Job sind aber die Schuhe. Schicke Highheels sind wunderbar – aber nicht für meinen Job. Ich stehe sehr viel. Wenn ich arbeite, trage ich – auch zum Abendkleid – flache, elegante Schuhe. Und: Eine kleine Clutch kann ich nicht brauchen, denn ich habe immer ausgedruckte Listen, Stifte und leere Placement-Karten für unerwartete Gäste mit. Und das muss ich ja wo reinstopfen können.

Im Kulturbereich findet man eine Reihe von Frauen in Top-Positionen. Zufall oder nicht?
SUZANNE HARF: Das glaube ich nicht. Männer sind natürlich auch kultiviert, aber vielleicht nehmen sie den Kulturbereich nicht so wichtig. Als Chefin freue ich mich, dass ich so tolle Mitarbeiter habe. Denn da geht es ja nicht nur darum, dass man Sprachen kann und Musikinteresse mitbringt, sondern auch darum, wie man auftritt, wie man Gäste anspricht.

Sie sind gebürtige Luxemburgerin und Honorarkonsulin von Luxemburg: Was können wir von den Luxemburgern lernen?
SUZANNE HARF: Was die Luxemburger auszeichnet, ist große Offenheit, auch Fremden gegenüber und eine enorme Internationalität. Wenn Sie in Luxemburg zum Abendessen eingeladen sind, dann werden am Tisch mindestens drei Sprachen gesprochen. Und wir sind glühende Europäer. Das heißt nicht, dass das die Salzburger nicht auch sind, aber uns zeichnet das besonders aus. Neben dem Sinn für gutes Essen und Trinken.


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