14.03.2016, 00:00 Uhr

Was wir von der roten Waldameise lernen sollten

Holzhaus-Pionier Erwin Thoma im Bezirksblätter-Interview

Sie werden romantisch als "Baumflüsterer" und einer, der "mit den Bäumen spricht" bezeichnet. Aber hinter Ihrem Konzept steckt die Wissenschaft. Wie sehen Sie sich selbst?
ERWIN THOMA:
Bäume sind mein Lebensinhalt, sie haben meinen Lebensweg geprägt. Nur mit der Romantik kommt man aber genauso wenig weit wie wenn man etwas nur mit dem Kopf erledigt. Die Wissenschaft ohne Herz stößt an Grenzen. Und deshalb sitzen wir hier in unserem Holzforschungszentrum in Goldegg – denn hier ist für beides Platz, Wissenschaft und Herz.

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Sie sind anfangs, als Sie das Mondholz zum Thema gemacht haben, auch belächelt worden. Muss man einfach einen längeren Atem haben, wenn man sich abseits ausgetrampelter Pfade fortbewegt?
ERWIN THOMA:
Es geht darum, das Holz in seiner besten Form zu finden – und das bedeutet natürlich ohne Leim und ohne Gift. Den Rat, das Holz bei abnehmendem Mond zu schlägern, habe ich von meinem Großvater bekommen – und ich habe damals selbst darüber gelacht. Bis wir es ausprobiert und gesehen haben: Dieses Holz ist resistenter gegen Pilze und Insekten. Als ich das in meinem ersten Buch publiziert habe, habe ich viel Zuspruch, aber auch viel Kritik geerntet, und: Wir konnten keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür erbringen. Das ist später aber der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich gelungen – dort haben Wissenschaftler bewiesen, dass das Mondholz das Holz in seiner besten Form ist.

In Ihrem Buch "Holzwunder. Die Rückkehr der Bäume in unser Leben" beschreiben Sie, wie die rote Waldameise Sie zu Ihrem weltweit einzigartigen Holz100-Haus ohne Leim, ohne Chemie, nur mit Holzdübeln inspiriert hat. Was genau haben Sie sich da von den Ameisen abgeschaut?
ERWIN THOMA:
Wir wollten ein energieautarkes Haus ohne Dämmstofftechnik errichten – also ein Haus, das sich selber heizt und kühlt. Dieses Modell gibt es in der Natur, und zwar im Bau der roten Waldameise. Der erste und wichtigste Schritt dabei ist, den Energiebedarf zu reduzieren – das müssen wir Menschen erst noch lernen. Die dann noch notwendige Energie für die Beheizung ihres Hauses holen sich die Ameisen vom Dach. Dort halten sie nämlich ihr Hinterteil so lange in die Sonne, bis es richtig heiß geworden ist. Das machen wir auch – mit Sonnenkollektoren. Und so wie die Ameisen dann in das Innere ihres Hauses gehen und dort die Wärme abgeben und damit ihr Haus 'heizen', so leiten wir die Sonnenenergie auch ins Gebäudeinnere.

Wenn es so einfach, so naheliegend war: Warum ist da niemand vor Ihnen draufgekommen?
ERWIN THOMA:
Es war einfach niemand da, der Interesse an einem Haus ohne Dämmstofftechnik gehabt hätte, denn das ist ja ein großes Geschäft für die Dämmstoffindustrie. Der Wald hat offenbar keine so starke Interessensvertretung.

Ihre Häuser stehen auf der ganzen Welt. Haben Sie mitgezählt, wie viele es sind?
ERWIN THOMA:
In den vergangenen zehn Jahren haben wir mehr als 1.000 Projekte in 33 Ländern realisiert. Vom großen elfgeschossigen Rathaus in den Niederlanden über eine private Universität in Moskau und eine Kirche in Japan, die dem Erdbeben in Fukushima standgehalten hat, bis zu kleineren Einfamilienhäusern.

Mit Ihren Holzhäusern setzen Sie auch ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft und für Enkeltauglichkeit. Vollholz hat seinen Preis – ist das angesichts hoher Wohnkosten nur etwas für die Reichen?
ERWIN THOMA:
Überhaupt nicht, und genau das ist ja auch die Botschaft meines Buches: Es tut jedem gut, die Kraft der Bäume in sein Leben zu holen.

Nur wenige Menschen können sich überhaupt ein neues Haus bauen, viele leben in Mehrfamilienhäusern, in Wohnungen und haben wenig Einfluss auf die Auswahl des Baumaterials. Was können sie tun, um mehr Wohlbefinden und mehr Holz in ihr Leben zu holen?
ERWIN THOMA:
Natürlich ist es das Einfachste, ein Holzhaus zu bauen, aber man kann auch eine bestehende Stadtwohnung mit mehr Holz ausstatten. Wir haben zum Beispiel den dünnsten Massivholzboden der Welt entwickelt – natürlich ohne Leim. Er ist so dünn wie ein Teppich, und man kann ihn, wenn man übersiedelt, einfach mitnehmen. Man kann auch seine Möbel genauer anschauen, es ist ein Unterschied, ob die aus vergifteten Spanplatten oder aus reinem Holz sind. Für das Schlafzimmer gilt übrigens: Wer sich mit möglichst viel reinem Holz umgibt, der erspart seinem Herzen eine Stunde Arbeit. Mit reinem Holz meine ich: keinen Lack, keine synthetischen Stoffe, keine Versiegelung am Parkettboden.

Vor allem im geförderten Mietwohnbau gibt es kaum Holz. Wer kann den Bauherrn helfen, ihre Ressentiments gegenüber dem Baustoff Holz zu überwinden?
ERWIN THOMA:
Das ist ein besonders trauriges Kapitel in Österreich. In Dresden haben wir gerade vier fünfgeschossiges Wohnblöcke gebaut, und das bewegt sich mit 2.000 Euro pro Quadratmeter nicht in der abgehobenen Preisklasse. Es ist wohl eine Frage festgefahrener Strukturen. Schade, dass wir im Waldland Österreich so hinterherhinken.

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ÜBER THOMA HOLZ
Thoma Holz errichtet zwischen 200 und 300 Holz100-Häuser pro Jahr und erwirtschaftet mit 120 Mitarbeitern rund 30 Millionen Euro Umsatz. Produziert wird seit 2004 im Hauptwerk in Lahr an der deutsch-französischen Grenze, wo rund 200 Häuser alleine mithilfe von Sonnenenergie erzeugt werden. Das 2001 in Stadl an der Mur abgebrannte Werk wurde 2008 wieder aufgebaut. Seit 1994 liefert das eigene Hobelwerk in Neukirchen am Großvenediger Zulieferprodukte für die Produktion. Das Mondholz stammt aus der 2000 übernommenen Säge Gußwerk in der Steiermark, der "größten Mondholz-Säge der Welt", wie Erwin Thoma betont.
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